Hacker sorgte für Transparenz Lettlands Robin Hood ist enttarnt

Ein Hacker deckte auf, wie sich in Lettland die Eliten des Landes trotz der Finanzkrise bereichern. Nun wurde er verhaftet.

Von Matthias Kolb

Mit dem Schauspieler Keanu Reeves hat Ilmars Poikans wenig Ähnlichkeit. Seine Gesichtszüge sind weich, das Haar wird schütter und ein Bäuchlein zeichnet sich unter dem gestreiften Hemd ab.

Ilmars Poikans: Volksheld im Anzug

(Foto: Foto: oH)

Dennoch ist der 31-Jährige für viele Letten ein Held: Der Mathematiker hatte sich Zugang zu Millionen von Steuerdaten verschafft und seit Februar pikante Details der Presse zugespielt oder via Twitter veröffentlicht. So erfuhren die 2,4 Millionen Letten, dass viele Staatsbedienstete weiterhin üppig entlohnt werden - obwohl die Regierung ein Sparprogramm umsetzen muss, um die Auflagen der EU und des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu erfüllen und eine Staatspleite zu verhindern.

Nun wurde Poikans enttarnt: Er ist der Hacker "Neo" - benannt nach dem von Reeves verkörperten Computerfreak aus dem Science-Fiction-Film "Matrix".

Nachdem ihn die Polizei vergangene Woche festgenommen hatte, hat Poikans zugegeben, die Daten weitergeleitet zu haben. Mittlerweile ist er wieder auf freiem Fuß und in den lettischen Medien ist einiges über ihn zu lesen: Er twitterte als "Universal IT Soldier", arbeitete an der Universität Riga in einem Labor für künstliche Intelligenz und tüftelte an einem Programm zur Digitalisierung der lettischen Sprache.

Scheinheiligkeit der Eliten

Anders als etwa der Liechtensteiner Heinrich Kieber, der vom Bundesnachrichtendienst mehrere Millionen Euro für seine Informationen bekam, möchte sich Poikans nicht bereichern, sondern die "Scheinheiligkeit" der Eliten aufzeigen.

Er gab sich als Sprecher der "Volksarmee des vierten Erwachens" aus und viele verstanden die Anspielung: In den achtziger Jahren hieß die Zeitung der Unabhängigkeitsbewegung "Atmoda", auf deutsch: "Erwachen". Schnell bekam "Neo" den Spitznamen "lettischer Robin Hood" verpasst.

Er enthüllte, dass der Chef des staatlichen Energiekonzerns Latvenergo Anfang 2008 monatlich 17.300 Euro verdiente. Ende 2009 waren es immer noch mehr als 4000 Euro, eine mehr als üppige Summe für lettische Verhältnisse. Polizisten lasen, dass ihre Vorgesetzten mit 2800 Euro etwa das Sechsfache ihres Gehalts kassieren.

Wer vom Sparprogramm verschont bleibt

Ein kommunales Versorgungsunternehmen hatte im März 2009 noch 22.500 Euro als Bonus an einen ihrer Manager ausgezahlt. Rentner hingegen bekommen im Schnitt 150 Euro, Lehrer 375 Euro im Monat.

"Neo" deckte auf, was viele Letten vermutet hatten: Das eiserne Sparprogramm der Regierung von Valdis Dombrovskis belastet vor allem Rentner, Angestellte und kleine Beamten, während andere verschont bleiben.

Die Wut über die hohen Gehälter wuchs, weil zeitgleich Schulen und Krankenhäuser geschlossen, Löhne um ein Drittel gekürzt wurden. 2009 schrumpfte Lettlands Volkswirtschaft um 18 Prozent, die Arbeitslosigkeit stieg auf 20,4 Prozent.