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Google:Alphabet schickt sich an, die Welt zu verändern

Google

Google war Ende Januar das wertvollste Unternehmen der Welt - knapp vor Apple.

(Foto: oh)

Googles Mutterkonzern ist das mächtigste Unternehmen der Welt. Der Datenriese wird unsere Zukunft bestimmen - eine Vorstellung, die vielen Angst macht.

Das ist also die Nachricht: "Alphabets Börsenwert kletterte nach einem Plus für die Aktie von 2,89 Prozent auf 543,2 Milliarden Dollar. Apple kam nach leichten Verlusten dagegen nur noch auf 530,1 Milliarden Dollar." Wir reden hier von einer Summe in der Höhe des Bruttoinlandsprodukts von Schweden. Der Schwede, das fällt einem gleich ein, produziert Möbel, Wodka und Volvos. Aber was produziert Alphabet?

Die neue Lage an der Börse ist am einfachsten erklärt, wenn man sich zunächst dem Überholvorgang widmet und damit der neuen Nummer zwei an der Börse. Apple, abgehängt um ein paar Dollar pro Aktie, ist der Hersteller von Apple Watch, iPhone, iPod, von Macbook, Macbook Pro, Mac, Mac mini und so weiter. Apple-Produkte sind eine Art neuer Standard für Millionen Menschen rund um die Welt; sie definieren, wie wir kommunizieren, wie wir Medien konsumieren.

Alphabet Warum die Google-Mutter der wertvollste Konzern der Welt ist
Alphabet

Warum die Google-Mutter der wertvollste Konzern der Welt ist

Der Alphabet-Konzern ist erstmals wertvoller als Apple. Die Google-Mutter verbrennt zwar Milliarden für tollkühne Projekte - verdient aber trotzdem Geld.   Analyse von Helmut Martin-Jung

Letzten Endes bedeutet das aber auch, dass Apple nur ein Hersteller von Unterhaltungselektronik ist, der durchaus geschickt auch einen virtuellen Plattenladen, einen Filmverleih und ein hübsches digitales Ökosystem um seine Geräte herum gebaut hat.

Apple-Produkte braucht man heute so dringend, wie man in den Neunzigern einen Minidisk-Player brauchte, falls sich noch jemand daran erinnert. Heute braucht niemand mehr einen Minidisk-Player, und irgendwann wird niemand mehr Apple-Produkte benötigen. Apples Aktienkurs sinkt deshalb. Da helfen auch nicht die Bargeldreserven, die der Konzern im Gegensatz zu Alphabet auf der hohen Kante hat. Alphabet nämlich hat die Zukunft im Sortiment.

Ein Unternehmen das nichts produziert, was man anfassen könnte

Das ist erst einmal paradox, denn Alphabet ist eine Holding. Und das bedeutet, nebenbei bemerkt, dass zum ersten Mal in der Geschichte der Börse ein Unternehmen an der Spitze steht, das selbst nichts produziert, was man anfassen könnte. Bevor es das Internet gab, war der Spitzenplatz für Ölkonzerne oder Autohersteller reserviert.

Allerdings sind unter dem Dach der Holding ein paar der innovativsten Firmen der Welt versammelt. Sie treten an, unsere Gesellschaft zu transformieren und die Welt damit grundlegend und dauerhaft zu verändern. Sie wollen das Altern des Menschen aufhalten, vielleicht sogar sein Sterben. Sie wollen das Internet mithilfe von Ballons in der Stratosphäre auf die Erde schicken.

Sie bauen Kontaktlinsen, die den Blutzucker ihres Trägers messen können. Sie sorgen dafür, dass Computer Sprachen simultan übersetzen lernen. Sie trainieren künstliche Intelligenz. Gerade ist Alphabet in Verhandlungen mit dem deutschen Konzern Bayer getreten, es geht um die Zukunft der Medizin. Alphabet, der Name ist nicht zufällig gewählt, von Alpha bis Omega.

Machtanspruch auf die Entwicklung der Welt

Dies alles sind Ideen, deren Faszination man sich schwer entziehen kann. Zusammen formulieren sie einen Machtanspruch auf die Entwicklung der Welt. Manche der Ideen sind bereits auf dem Markt. Kämen sie von einer Instanz, die objektiv gesehen nur das Beste für die Menschheit im Sinn hätte, die keinerlei Kollateralschaden anzurichten im Stande wäre, eine Instanz, die die Zukunft kennt und die Vergangenheit achtet - Alphabet wäre ein großes, willkommenes Versprechen an die Menschheit.

Das Problem ist, dass es eine solche Instanz nicht gibt, nicht geben kann. So funktioniert die Welt nicht. Und deshalb ist Alphabet vor allem eines: der Nachfolger von Google. In den vergangenen Jahren wurde Google, von der Presse oft etwas nachlässig als "Suchmaschinen-Konzern" betitelt, so erfolgreich, so mächtig und vor allem so innovativ, dass das Unternehmen aus allen Nähten platzte. Hunderte Start-ups hat der Konzern in den vergangenen Jahren gekauft.

Die Gründer von Google, Larry Page und Sergey Brin, haben deshalb 2015 beschlossen, Google aufzuräumen. Sie wollten die Firma "sauberer" machen, schrieb Page. Tatsächlich ist sie noch mächtiger und noch unheimlicher geworden. Vor fünf Jahren war Google gerade mal die Hälfte wert von dem, was Alphabet heute wert ist.

Page und Brin sind die unglamourösesten Multimilliardäre der Geschichte

Die Firmenchefs selbst sind, wenn man so will, so etwas die Rockefellers oder Vanderbilts der globalisierten Wirtschaft, auch wenn sie sich bewusst ganz unprätentiös geben. Weil Page und Brin, die unglamourösesten Multimilliardäre der Geschichte, keinem Angst einjagen wollen, kleiden sie sich wie die Jungs aus dem Starbucks nebenan - eine ziemlich clevere Tarnung angesichts der ungeheuerlichen Machtfülle, die sie erreicht haben.

Wirft man einen Blick in den Quartalsbericht der Firma, wird schnell klar, womit hier Geld verdient wird, nämlich nach wie vor mit dem Geschäft der Werbeanzeigen bei Google: Der Gewinn beträgt 23,4 Milliarden Dollar. Gleichzeitig sieht man, wo Alphabet Geld verbrennt - nämlich mit fast allen Tochterfirmen, die nicht Google sind. 3,5 Milliarden Dollar sind allein im Jahr 2015 verloren gegangen, die Zahl wächst. In der Bilanz werden diese Firmen unter dem Sammelbegriff "other bets" aufgelistet. "Andere Wetten": Es sind die schwindelerregenden Zahlen und dieser Begriff, die so viel über die Firma verraten.

Und nun ist natürlich die Frage: Will man in einer von Alphabet transformierten Welt wirklich leben?

Reich werden war für die Google-Gründer nur eine Nebensache

Blicken wir kurz zurück. 1996 lief die Technik, die später Googles Suchmaschine werden würde, zum ersten Mal rund. In einem Computergehäuse aus Lego steckten damals ein paar Festplatten, insgesamt 28 Gigabyte. Wer heute in einen Elektromarkt geht, und nach einer Festplatte fragt, bekommt die 35-fache Größe dieses ersten Google-Speichers zum Preis von 50 Euro nachgeworfen.

Brin und Page hatten sich an der Stanford Universität getroffen, im Epizentrum des Silicon Valley. Paolo Alto, wie die Uni einst von Leland Stanford Senior gegründet, ist heute Heimat für Unternehmen wie Tesla, HP, Google, Facebook, Logitech, Skype und Paypal. Man kann von Stanford zu Fuß rüberlaufen. Es gibt dicke Studien darüber, warum im Silicon Valley Firmen wie Google gedeihen, die Wahrheit aber ist simpel: Erfinder wirken wie Magnete auf andere Erfinder. So entsteht über die Jahre ein Ökosystem, in dem sich Menschen wohlfühlen, die Risiken mögen, die die Welt verändern wollen und die bereit sind zu scheitern.

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Reich zu werden ist für diese Menschen oft nur eine Nebensache. Wichtig ist der Fußabdruck, den man hinterlässt, der "Impact". Und genau deshalb steht auch heute, da Page und Brin auf der Liste der reichsten Menschen der Welt auftauchen, im Quartalsbericht ihrer Firma der Begriff "andere Wetten". Die beiden wetten bis heute, wie sie auch auf den Erfolg ihrer Suchmaschine gewettet haben, die erst mit Legos gestützt werden musste und später zu Google wurde.

Google sammelt unersättlich Daten, rund um die Uhr

Es sind Wetten mit ständig wachsendem Einsatz. Was ist der Ursprung dieser Firma, also die Suche im Internet, im Vergleich mit dem Anspruch, das Altern aufzuhalten, den Tod zu verschieben, Mensch und Maschine zu verbinden?

Ziel von Page und Brin ist es, alle diese Wetten zu gewinnen. Ihre Methoden kann man am Beispiel ihrer ersten Firma Google bereits studieren. Ihr Erfolg ruht auf zwei Säulen. Die erste Säule ist der Drang, möglichst viel über möglichst viele Menschen zu wissen.

Deshalb sammelt Google bekanntlich Daten über seine Nutzer, unersättlich, rund um die Uhr: Wonach sucht der Nutzer? Was schaut er sich im Web an? Welche Werbung gefällt ihm? Wo ist er? Wohin geht er? Welche Geräte verwendet er? Wie heißt er, ist er männlich oder weiblich, wie lauten seine Kontaktdaten, und aus welchem Land kommt er? Wen kennt er, was für Termine hat er, was für Bilder und Videos erstellt er, welche Texte schreibt er?

Die Nutzer bekommen gute Dienste - und bezahlen mit ihren Daten

Und das sind nur die Fragen, die Google so knapp wie möglich in seinen Datenschutzbestimmungen öffentlich angibt. Aus diesen Daten aber lassen sich noch ganz andere Erkenntnisse ableiten, nämlich Antworten auf grundsätzliche Fragen. Am Ende verdichtet sich das Datenmaterial so sehr, dass Google von seinen Nutzern mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen kann, ob sie ängstlich oder mutig sind, Pornos anschauen oder nicht, ob sie einen Partner haben, viel oder wenig Geld besitzen, wovon sie träumen, wovor sie sich fürchten. Was für Menschen sie sind.

Diese Daten sind mehr Geld wert, als es Google kostet, seine Dienste zu betreiben, denn mit ihrer Hilfe kann Google Werbung auf den einzelnen Nutzer passgenau zuschneiden. Diese Werbung lässt sich Google umso teurer bezahlen. Und deshalb sind die E-Mails von Google, ist die Suche, sind die Youtube-Videos kostenlos. Der Nutzer bezahlt mit seinen Daten und merkt wenig bis nichts davon.

Ist das fair? Es ist in jedem Fall der entscheidende Handel, den der Konzern für den Eintritt in die digitale Gesellschaft vorsieht: Die Daten des Nutzers gegen sein Recht, an einer besseren, einfacheren und effizienteren Zukunft teilzuhaben. Es ist ein Handel, der bestehende Gesetze und Vorschriften zum Datenschutz herausfordert und nach neuen verlangt. Ein Handel, den die allermeisten Nutzer gar nicht nachvollziehen können.

Trotz allem: Wir Nutzer entscheiden über das Schicksal von Alphabet

Es ist vor allem diese Geschäftspolitik, die Google in Deutschland und Europa das Image ruiniert. Dazu kommen andauernde Streitigkeiten mit der Europäischen Kommission, die Googles Marktmacht misstrauisch beäugt, und zahlreiche Vorwürfe von Konkurrenten, die sich von Googles Monopolstellung als Suchmaschine gegängelt fühlen. Und diese Firma beziehungsweise dieser Firmenkomplex arbeiten jetzt eben an der Zukunft der Menschheit.

Das alles geschieht in einem Moment der Menschheitsgeschichte, in dem es ohnehin ganz danach aussieht, als schlitterten wir in ein Zeitalter umfassender Überwachung. Versicherungen möchten wissen, wie und wohin wir unser Auto bewegen. Die Bundesregierung und ihre Behörden möchten möglichst einfach alles wissen, zum Beispiel, wem wir Geld geben, was wir kaufen und mit wem wir Kontakt haben.

Werbetreibende Unternehmen auf der ganzen Welt möchten wissen, was wir uns gerade wünschen, und sie möchten berechnen, was wir uns nächsten Monat oder in fünf Jahren wünschen werden. In dieser Welt ist der Mensch nurmehr das Negativ seiner Daten. Man muss ihn nicht persönlich kennen, um seine Persönlichkeit zu kennen. Es reicht, seine Daten zu sammeln.

Mit Facebook lauert ein mächtigen Konkurrent

In diese Zukunft wird die Menschheit nun von Alphabet begleitet werden. Das ist ein Fakt. Kein unumstößlicher zwar, denn an der Börse geht es für die Digitalkonzerne, auch für die großen, oft schneller bergauf und wieder bergab als für die Industriekonzerne alter Prägung. Verschwunden ist schließlich auch MySpace, Yahoo steht auf der Kippe, Apple und Twitter sind im langsamen Sinkflug. Und in Facebook ist für Google ein mächtiger Konkurrent herangewachsen, der als Alternative an einer vollständig geschlossenen digitalen Welt arbeitet.

Staatliche Alternativen zu Alphabet fallen komplett aus, wie die Politik die Nutzer ohnehin alleine lässt. Die Forderung nach einem "europäischen Google" ist sinnfrei, da sie oft genug von denselben Politikern kommt, deren regulative Arbeit es europäischen Start-ups unmöglich macht, jemals an amerikanische Erfolge anzuknüpfen. Stattdessen reiht sich der Staat mit der Vorratsdatenspeicherung ein in die lange Reihe der Datensauger.

Google und Alphabet wären nichts ohne ihre Millionen Nutzer

Wer sicherstellen will, dass die Zukunft mit Alphabet nicht so laufen wird wie die Vergangenheit mit Google, wer nicht möchte, dass all die schönen Erfindungen, an denen in den Alphabet-Firmen gearbeitet wird, das Ende der Privatsphäre ihrer Nutzer bedeuten, der muss sich an ein Prinzip des Kapitalismus erinnern. Wenn sich Alphabet einem System unterwirft, dann dem Kapitalismus. Und da ist es nun mal so, dass eine Firma, deren Produkte nicht nachgefragt werden, im Wert sinkt.

Google und Alphabet wären nichts ohne ihre Millionen Nutzer. Wir alle haben den Konzern zu dem gemacht, was er heute ist, wir alle haben unsere Daten abgegeben und keine weiteren Fragen gestellt. Nur so konnte Alphabet entstehen und schließlich der wertvollste Konzern der Welt werden. Wir alle haben es in der Hand: Wenn genügend Menschen aufhören, sämtliche Daten von sich bereitwillig preiszugeben, wird Google irgendwann darauf reagieren müssen - im Sinne der Nutzer.

Das G im Alphabet stehe für Google, heißt es auf der Webseite der Holding. Da bleiben ja noch ein paar andere Buchstaben. D wie Datenschutz, zum Beispiel, V wie Verantwortung und nicht zuletzt A wie Abschalten.

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