Google und Facebook:Die Inbox unseres Lebens

Der Wettstreit zwischen Google und Facebook dreht sich nicht nur um Nutzerzahlen: Es geht auch darum, wo künftig das Zentrum unseres Internetdaseins liegt.

Johannes Kuhn

Mark Zuckerberg dürfte in der vergangenen Nacht schlecht geschlafen haben: Noch vor wenigen Tagen feierte er den sechsten Geburtstag seines Portals Facebook und verkündete, dass sich dort inzwischen 400 Millionen Nutzer registriert hätten; am Dienstag stellte Google mit "Buzz" einen neuen Dienst vor, der viele Facebook-Ideen integriert und über den Maildienst Gmail bereits bis zu 170 Millionen möglicher Nutzer hat.

Google Buzz Facebook

Google möchte nun auch Facebook angreifen: Dabei geht es auch darum, wo wir künftig unsere Informationen unterbringen

(Foto: Foto: Reuters, AP, iStock. Montage: sueddeutsche.de)

Beide Ereignisse liegen so nah beisammen, dass der Februar 2010 durchaus als Wendepunkt in der Geschichte der sozialen Netzwerke gelten dürfte: Vorbei sind die Zeiten, in denen Facebook mit Portalen wie MySpace oder StudiVZ konkurrierte. Längst sind diese Duelle entschieden: Die Formel Facebook-Profil gleich Online-Identität, sie gilt derzeit nicht nur für die jüngere Generation als Internet-Gesetz.

Facebook hatte Erfolg, weil die Verantwortlichen den Begriff "Plattform" radikal interpretierten: Indem sie die Seite bereits vor Jahren für Fremdinhalte und -programme öffneten, wurde die Seite zur Bühne für das gesamte Web, aber auch für das reale Leben. Aus dem Netz sind es Videos oder Links, aus der realen Welt Anekdoten oder Befindlichkeiten, welche die Mitglieder mit ihren Freunden teilen möchten und deshalb ständig in den Facebook-Nachrichtenstrom pumpen.

Staubsauger unter sich

Diese Kommunikation seiner Mitglieder treibt das Portal an. Sie macht es dabei zu einem gigantischen Staubsauger und die Facebook-Nutzer zu einem mächtigen wie unberechenbaren Mitspieler bei der Verteilung von Links und Aufmerksamkeit.

Das konnte Google, dem größten Staubsauger des Internets, nicht gefallen: Google entwickelt seine Kraft aus den Daten, die es sammelt und in eine bestimmte Ordnung bringt. Doch die Suchmaschine zeigt mir nur, was ich auch finden möchte - der Reiz der sozialen Distribution von Informationen liegt darin, auf interessante Dinge aufmerksam zu werden, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie suche.

Mit Google Buzz hat das Unternehmen nun endgültig einen solchen menschlichen Filter in sein System integriert. Nicht dies ist das eigentlich Wegweisende, sondern der Kanal, in den Google die Informationen von Freunden und Kontakten einspeist: Das E-Mail-Postfach, das nun zur Inbox unseres Lebens werden soll.

Wer gewinnt den Kampf um die Online-Identität?

Wer die aktuellen Entwicklungen verstehen möchte, muss das Streben der Internetkonzerne nach Konvergenz kennen. Der Begriff, der im IT-Bereich bereits so alt sein dürfte wie der zweite Computer, beschreibt das Zusammenwachsen verschiedener Dienste und Inhalte. Apples iPad ist so ein konvergentes Gerät, weil es Abspiel-, Lese- und Surfgerät in einem ist. In den neunziger Jahren träumten Unternehmen wie AOL davon, ein Dienst zu sein, bei dem die Nutzer Nachrichten konsumierten, E-Mails verschickten oder chatteten - so dass sie keinen Grund hätten, anderswo umherzusurfen.

Googles Vision von Konvergenz, so viel ist seit gestern klar, heißt Gmail: Alles, was für mich wichtig ist, von der E-Mail bis zur Freundesnachricht "Bin gerade in Deiner Gegend", soll hier einlaufen. Als Filter agieren Mensch und Maschine gemeinsam: Der Mensch, indem er auswählt, was ihm wichtig ist; die Maschine, indem sie aus diesem Verhalten die nächste Auswahl vorhersagt und dem Nutzer abnimmt.

Auch Facebook will das Zentrum der Internet-Identität werden: Der Dienst Facebook Connect erlaubt es Nutzern bereits heute, ihre Anmeldedaten auf anderen Seiten zu verwenden, ohne sich extra zu registrieren.

Das Facebook-Profil als Vorteil

Gerüchten zufolge arbeitet das Unternehmen auch daran, Facebook als klassischen E-Mail-Dienst zu etablieren. Dies würde wiederum Webmail-Anbieter wie Gmail direkte Konkurrenz machen, zumal durch die Verbindung zum Facebook-Profil die Identität eines Mail-Absenders genauer feststellbar wäre.

Gerade das Profil ist einer der entscheidenden Vorteile, den Facebook hat: Zwar können sich auch Google-Nutzer ein öffentliches Profil anlegen, doch bislang wird dies selten genutzt. Google Buzz kommt zu einem Zeitpunkt, da bereits viele Nutzer mit einigem Aufwand ihre Online-Identität auf Facebook etabliert haben und nicht ohne Grund wechseln werden.

Hinzu kommt: Im Gegensatz zu Facebook kann man sich Gmail weder als Plattform für Online-Spiele wie Farmville, noch als Flirtportal vorstellen - zwei Hauptgründe für den Erfolg von sozialen Netzwerken.

Geldbörse und Medizinakte: Was noch möglich ist

Doch das Feld der Kommunikation ist nur ein Teilaspekt dessen, was künftig Online-Identität ausmacht: Facebook experimentiert derzeit mit einer eigenen Währung, Google bietet seinen Gmail-Nutzern mit Checkout bereits seit längerem die Möglichkeit an, online zu bezahlen. Beide Unternehmen dürften daran interessiert sein, ihren Nutzern einen solchen Bezahldienst künftig auf möglichst vielen Seiten im Netz anzubieten, da sie an Teilen des Umsatzes beteiligt werden.

Wie weit die Online-Verwaltung unseres Ichs gehen kann, zeigen Google und Microsoft, die Nutzern anbieten, ihre Krankenakte auf ihre Server hochzuladen, um stets Zugriff darauf zu haben.

Für die Internetnutzer bedeuten die Anstrengungen der Konzerne, dass sie mittelfristig mit neuen verlockenden Funktionen rechnen dürfen. Eine Echtzeit-Kommunikationsplattform wie Google Wave auf Facebook? Eine Google-Personensuche, die mir zu einem Menschen sofort die Verbindung zu mir sowie gemeinsame Interessensgebiete nennt? Alles ist denkbar, und es ist nicht einmal sicher, dass Facebook und Google die beiden Hauptkontrahenten sein werden.

Biete Service, möchte Daten

Weil beide Unternehmen sich fast ausschließlich durch Werbung finanzieren, zahlen die Nutzer ihren Preis bereits heute in Daten: Dass Google mich so gut kennt, dass Buzz mir anhand meiner Datenspur wildfremde Menschen mit gemeinsamen Interessen vorschlägt, verbreitet ebenso Unbehagen wie der Gedanke, dass neben meinen Statusmeldungen irgendwo auf Googles Servern auch meine Suchanfragen liegen, die damit kombiniert ein sehr intimes Bild meiner Persönlichkeit ergeben können.

Auch Facebooks Versuch, unter dem Deckmantel des Datenschutzes die Nutzer dazu zu bringen, möglichst viele Inhalte für Suchmaschinen auffindbar zu machen, trägt wenig dazu bei, die Idee eines Identitätszentrums attraktiv zu finden. Ebenso wenig die Tatsache, dass das Unternehmen sogar Daten von Nichtmitgliedern sammelt, soweit sie von einem Nutzer bei der Synchronisierung von Handykontakten oder E-Mail-Adressbuch mit dem Facebook-Profil hochgeladen wurden.

Der Kampf um die Internet-Identität dürfte nicht nur Mark Zuckerberg schlecht schlafen lassen.

© sueddeutsche.de/joku/beu
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