Google Pixel 2:Knapp 1000 Euro für ein Smartphone - lohnt sich das?

Leistung

Im Pixel 2 steckt der gleiche Prozessor wie in den meisten teuren Android-Smartphones. Der Snapdragon 835 kann in Benchmarks nicht mit Apples selbstentwickelten Chips fürs iPhone mithalten. Für aufwendige Videobearbeitung und anspruchsvolle Berechnungen ist das ein Vorteil, die meisten Nutzer dürften den Unterschied aber nur in Ausnahmefällen bemerken.

Apps starten ohne Verzögerung, auch anspruchsvolle Spiele bringen das Pixel 2 nicht an seine Leistungsgrenze. Wie schon bei der ersten Pixel-Generation ist spürbar, dass Hard- und Software gemeinsam entwickelt wurden. Jeder Klick und jedes Wischen wird sofort erkannt, nichts hakt oder holpert. Das Betriebssystem läuft auf dem Pixel 2 flüssiger als auf jedem anderen Android-Smartphone.

Android-Updates

Einer der größten Vorteile von Apple ist iOS: iPhones und iPad erhalten jahrelang Sicherheits- und Funktionsupdates, auf allen Geräte läuft das gleiche Betriebssystem. Die Android-Welt ist das komplette Gegenteil: Gerade einmal 0,2 Prozent der Smartphones und Tablets haben das Update auf die aktuelle Version 8 (Oreo) erhalten. Für Nutzer ist das nicht nur ärgerlich, weil ihnen neue Funktionen vorenthalten werden. Es ist gefährlich, weil Sicherheitslücken offenbleiben.

Seit Jahren versucht Google, das Problem zu beseitigen, doch ist es dabei meist auf den guten Willen von Herstellern wie Samsung oder Huawei angewiesen. Bei Googles eigenen Smartphones reden zum Glück keine Drittfirmen mit. Dementsprechend gleicht Android auf dem Pixel in dieser Hinsicht eher dem Vorbild iOS.

Wer das Pixel 2 kauft, erwirbt auch ein Versprechen: Das Smartphone erhält mindestens drei Jahre neue Android-Versionen und monatlich einen Patch mit Sicherheitsupdates. Insofern ist Android 8 auf dem Pixel 2 ein unterschätzter Vorteil, der eigentlich ein zentrales Kaufargument im Vergleich zu anderen Android-Smartphones sein sollte.

Google Lens

Was war das für eine Skulptur, die ich im Louvre fotografiert habe? Wie hießen nochmal diese Tempelruinen im Griechenland-Urlaub? Google Lens kennt die Antwort. Die Funktion identifiziert Gebäude, Exponate oder Sehenswürdigkeiten, erkennt Bücher oder Musikalben am Cover und extrahiert Telefonnummern oder E-Mailadressen aus Bildern. Ein Foto reicht, Googles Algorithmen erledigen den Rest. Im Test mit eigenen Urlaubsbildern funktioniert das recht zuverlässig, zumindest bei bekannteren Motiven. In einigen Wochen soll der Google Assistant auch in der Lage sein, Objekte zu erkennen, die sich live vor der Linse befinden, auch ohne dass der Nutzer ein Foto macht.

Kopfhörerbuchse und Fingerabdrucksensor

Als Apple im vergangenen Jahr die analoge Kopfhörerbuchse abschaffte, war die Aufregung groß. Auch Google machte sich über Apples Entscheidung lustig. Ein Jahr später denkt man in Mountain View offenbar anders. Beim Pixel fehlt der Eingang für 3,5-Millimeter-Klinkenstecker. Offenbar hält Google Bluetooth-Kopfhörer und digitale Audio-Übertragung per USB-C für die Technologien der Zukunft. Immerhin liegt dem Pixel 2 ein Adapter bei, mit dem sich kabelgebundene Kopfhörer analog anschließen lassen. Allerdings kann man das Smartphone dann nicht mehr per USB-C laden, während man Musik hört.

Während die Konkurrenten bei den Anschlüssen den gleichen Weg einschlagen, verzichtet Google darauf, es Apple bei einer weiteren kontroversen Entscheidung gleichzutun. Das Pixel 2 lässt sich per Fingerabdruck entsperren. Die Gesichtserkennung, die beim iPhone X zum Einsatz kommt, bleibt Apple-Nutzern vorbehalten. Der Fingerabdrucksensor befindet sich auf der Rückseite und so weit von der Kamera entfernt, dass anders als bei Samsung-Smartphones keine Gefahr besteht, die Linse versehentlich mit fettigen Fingern zu verschmutzen. Das Entsperren klappt schnell und zuverlässig, Fehlfunktionen traten im Test nicht auf.

Google Assistant

Google sei schon immer gut darin gewesen, Fragen zu beantworten, sagt Manager Rick Osterloh. Das sei die größte Stärke des Unternehmens. Insofern ist es nachvollziehbar, dass Google den Assistant nicht nur beim Pixel, sondern bei allen neuen Hardware-Produkten in den Vordergrund stellt. Mit Hilfe von Machine Learning und künstlicher Intelligenz will Google seinen Nutzern denn Alltag erleichtern. Das mag die Zukunft sein - es gibt aber einen Grund, warum dieser Punkt so weit hinten im Text auftaucht.

Bereits die erste Pixel Generation sollte dem Assistant zum Durchbruch verhelfen. Nach einigen Tagen mit dem neuen Smartphone erschien das durchaus vorstellbar, der Testbericht fiel entsprechend euphorisch aus. Die anfängliche Begeisterung nutzte sich aber schnell ab. Auf der Straße oder in der S-Bahn mit dem Smartphone reden? Seltsam. Und zuhause mag es zwar bequem sein, einfach nach dem Wetter zu fragen - eine simple Google-Suche führt aber meist schneller zum Ziel. Gerade bei komplexeren Aufgaben lohnt es sich selten, den Google Assistant um Rat zu fragen. Doch Amazons Erfolge mit dem Echo zeigen, dass Nutzer ihre Geräte in Zukunft wohl tatsächlich eher mit ihren Geräten sprechen werden, als sie mit Knöpfen oder per Tastatur zu steuern.

Pixel 2 oder Pixel 2 XL?

Bei der ersten Pixel-Generation unterschieden sich Normal- und XL-Variante nur durch die Größe. Dieses Jahr sind die Differenzen größer. Das Pixel 2 ähnelt mit seinen breiten schwarzen Balken ober- und unterhalb des Bildschirms den Vorgängern. Das Tech-Portal Ars Technica sprach deshalb bereits von einem "Smartphone, das nicht existieren sollte". Die XL-Version setzt dagegen wie Samsung und Apple beim iPhone X auf ein rahmenloses Display mit seitlich abgerundeten Kanten. So ist es möglich, ein 6-Zoll-Display in einem vergleichsweise kompakten Gehäuse zu verbauen, das sich noch einhändig bedienen lässt.

2016 ließ Google beide Pixels von HTC fertigen, dieses Jahr kommt das größere Modell von LG. Das Innenleben und die technischen Merkmale sind aber identisch. Wer kleinere Smartphones bevorzugt und mit leicht angestaubter Optik leben kann, erhält auch mit dem Pixel 2 ein exzellentes Android-Smartphone. Mit 799 bzw. 939 Euro für die Varianten mit 64 Gigabyte liegen die Preise etwa auf dem Niveau des iPhone 8.

Das ist durchaus selbstbewusst von Google. Analysten gehen davon aus, dass sich das erste Pixel seit Oktober 2016 nur wenige Millionen Mal verkauft hat. Zum Vergleich: Apple hat alleine im dritten Quartal 2017 25 Milliarden US-Dollar mit 41 Millionen iPhones umgesetzt. Das Pixel 2 ist das beste Android-Smartphone - es könnte aber sein, dass nur wenige Menschen bereit sind, so viel Geld dafür auszugeben.

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