Google Pixel 2:Google baut das beste Smartphone, das nicht iPhone heißt

Google Pixel 2

Kein Android-Smartphone fühlt sich derzeit so rund an wie das Google Pixel 2.

(Foto: Simon Hurtz)
  • Das Google Pixel 2 ist das beste Smartphone mit Android-Betriebssystem.
  • Die wichtigsten Vorteile sind die gute Kamera und das nahtlose Zusammenspiel von Hard- und Software.
  • Preislich liegen die Smartphones mit 799 bzw. 939 Euro für die Varianten mit 64 Gigabyte etwa auf dem Niveau des iPhone 8.

Von Simon Hurtz

Eine Frage wird dieser Text nicht beantworten können: Android oder iOS? Die Vorteile der Betriebssysteme sind bekannt, die Entscheidung bleibt eine Geschmacksfrage, für manche Nutzer gar eine Glaubensfrage.

Die Antwort auf eine andere Frage kann dieser Text geben: Welches ist das aktuelle beste Android-Smartphone auf dem Markt? Sie lautet: Es ist das Google Pixel 2 XL - wenn Sie kein Problem damit haben, mindestens 939 Euro auszugeben. Wer auf ein randloses Display verzichtet, erhält das Pixel 2 ohne XL-Zusatz für 140 Euro weniger. Vom Bildschirm und der Größe abgesehen sind beide Smartphones identisch.

Auch HTC, LG und vor allem Samsung bauen Geräte, die mit Googles zweiter Pixel-Generation mithalten können - allerdings nur in Sachen Hardware. Genau wie Apple hat Google den Vorteil, dass Hard- und Software aus einer Hand kommen, und das merkt man. Kein anderes Android-Smartphone fühlt sich derzeit so rund an wie das Pixel 2. Die wichtigsten Merkmale von Googles Premium-Smartphone:

Kamera

Sensationelle 98 Punkte im Test von DxO-Mark - das ist das beste Ergebnis, das eine Smartphone-Kamera je erzielt hat. Warum diese Zahl für sich betrachtet jedoch wenig Aussagekraft besitzt, erklärt Youtuber Marques Brownlee in diesem Video. Zusammengefasst: Die höchste Gesamtpunktzahl bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Kamera für jeden Nutzer gleichermaßen gut geeignet ist. Wer etwa viele Portraitfotos schießt, ist mit einem anderen Smartphone besser bedient. 98 Punkte sind auch kein "fast perfektes Testergebnis", wie etliche Schlagzeilen nahelegen. Der aktuelle Bestwert liegt bei 108 Punkten für einen professionellen 8K-Sensor. Die Skala endet also nicht - wie sich vermuten ließe - bei 100 Punkten.

Unabhängig davon ist die Pixel-Kamera sehr gut - und für den Großteil der Nutzer tatsächlich das Nonplusultra. Die Hauptkamera auf der Rückseite liefert 12,2 Megapixel bei einer f/1.8-Blende. Für Selfies verbaut Google eine Frontkamera mit acht Megapixel und einer Blendenöffnung von f/2,4.

Als erstes fällt der Autofokus auf, der auch bei schwierigen Lichtverhältnissen schnell und zuverlässig scharf stellt. Die Farben wirken natürlich und kräftig, der automatische Weißabgleich funktioniert einwandfrei. Der HDR+-Modus schießt bei Bedarf mehrere Fotos mit unterschiedlicher Belichtungsdauer und setzt sie zu einem einzelnen Bild zusammen. So lassen sich Motive mit großen Helligkeitsunterschieden abbilden, ohne dass helle Flächen alles überstrahlen oder Details in dunklen Bereichen verschwinden. Der hohe Dynamikumfang geht beim Pixel nicht zu Lasten der Bildqualität. Selbst bei Motiven, die sich schnell bewegen, sind kaum Artefakte zu erkennen.

Der HDR+-Modus ist nur eines von mehreren Beispielen, wie Google die Fotoqualität optimiert: Die Kernkompetenz des Unternehmens ist Software. Niemand kennt sich besser mit Algorithmen, Machine Learning und riesigen Datenmengen aus. Apple hat mehr als ein Jahrzehnt Erfahrung mit Smartphone-Kameras und mag die besseren Linsen und Sensoren bauen, doch Googles automatische Postproduktion verwandelt das Rohmaterial in beeindruckende Bilder.

Das funktioniert bei fast allen Fotos - mit einer Ausnahme: Portraits kann die Konkurrenz besser. Google verzichtet auf eine Doppelkamera, wie sie iPhone 8 und Samsung Galaxy Note 8 bieten. Zwei Linsen mit unterschiedlichen Brennweiten und Lichtstärken erzeugen einen Bokeh-Effekt, der beinahe mit den Ergebnissen von Spiegelreflex-Kameras mithalten kann. Beim Pixel müssen Algorithmen die Tiefenschärfe nachträglich ins Bild hineinrechnen.

Das klappt gut, solange Vordergrund und Hintergrund deutlich zu unterscheiden sind. Details wie Haarspitzen oder Grashalme werden aber manchmal verschluckt. Dennoch überzeugt der Portraitmodus in den meisten Fällen. Für Selfie-Fans hat die Software-Berechnung einen großen Vorteil: Während iPhone und Galaxy Note nur mit der Doppelkamera auf der Rückseite einen Bokeh-Effekt produzieren, bringen Googles Algorithmen auch bei Aufnahmen mit der Frontkamera Tiefenschärfe ins Bild.

Wer viele Videos aufnimmt, wird mit dem Pixel ebenfalls glücklich. Die Bildqualität überzeugt in allen Lichtverhältnissen, das Rauschen bleibt erfreulich gering, und der Autofokus liefert auch bei bewegten Bildern gute Ergebnisse. Besonders beeindruckend ist die Kombination aus optischer und elektronischer Bildstabilisierung. Ohne Nachbearbeitung lassen sich damit selbst beim Joggen oder Fahrradfahren nahezu wackelfreie Videos drehen. Im Unterschied zum iPhone 8 nimmt das Pixel 4K-Videos allerdings nur mit 30 Frames pro Sekunde auf. Für 60 fps muss die Auflösung auf 1080p reduziert werden.

Hobbyfotografen müssen mit dem Pixel 2 nicht fürchten, dass ihnen der Speicherplatz ausgeht. Alle Fotos und Videos, die bis zum 16. Januar 2021 aufgenommen werden, werden in voller Auflösung auf Googles Servern gespeichert, verspricht das Unternehmen. Bei der ersten Generation galt das noch lebenslang. Allerdings dürften die meisten Nutzer in drei Jahren ohnehin ein neues Smartphone gekauft haben, insofern fällt die Befristung nicht allzu sehr ins Gewicht.

Display

Das kleine Pixel 2 bietet 5 Zoll und Full-HD Auflösung bei einem Seitenverhältnis von 16:9, sein großer Bruder kommt mit einem 6-Zoll-QHD+-Panel und ungewöhnlichem 2:1-Seitenverhältnis. Beide Displays sind auf hohen Helligkeitsstufen auch bei direkter Sonneneinstrahlung noch gut ablesbar. Farben werden kräftig dargestellt, aber nicht übertrieben knallig. Dank OLED-Technologie erscheinen schwarze Bildinhalte auch wirklich tiefschwarz. Während LCD- und IPS-Displays die entsprechenden Bereiche anstrahlen, bleiben die selbstleuchtenden OLED-Pixel einfach komplett dunkel.

Das resultiert in einem nahezu unendlich großen Kontrastverhältnis und hat einen weiteren angenehmen Nebeneffekt: Einige Apps bieten einen Dark-Mode an, den viele Nutzer als angenehm empfinden. Bei OLED-Smartphones schonen diese Modi nicht nur die Augen, sondern auch den Akku. Wenn das Smartphone häufig dunkle und schwarze Farben darstellt, steigt die Laufzeit spürbar, da dunkle Pixel keinen Strom fressen. Auch mit einem dunklen Wallpaper lässt sich Akku sparen.

Das ermöglicht es Google, eine Always-on-Funktion anzubieten. Das Display erlischt nur, wenn man das Smartphone in die Tasche steckt. Liegt es auf dem Tisch, sieht man permanent die Uhrzeit und eingehende Benachrichtigungen. Da nur wenige Pixel weiß leuchten und der Rest schwarz bleibt, belastet die Funktion den Akku kaum. Wer darauf keinen Wert legt, kann sie abschalten.

Akkulaufzeit

Beim iPhone 8 hat Apple den Akku geschrumpft, Google macht es dem Konkurrenten zumindest teilweise nach: 2700 mAh beim Pixel 2 bedeuten 70 Milliampere weniger, die 3520 mAh der XL-Version sind dagegen etwas mehr als beim Vorgänger. Die nackten Zahlen allein haben aber wenig Aussagekraft. iPhone-Akkus sind deutlich kleiner als die der meisten Android-Smartphones. Apple gleicht diesen vermeintlichen Nachteil durch energieeffiziente Prozessoren und Grafikchips aus und hat das Zusammenspiel aus Hard- und Software optimiert.

Nach ein paar Tagen mit dem Pixel 2 XL lässt sich noch kein abschließendes Urteil fällen. Während des Testzeitraums wurde das Gerät ungewöhnlich intensiv genutzt und musste teils zwischendurch geladen werden. Bei normaler Nutzung sollte die Kapazität für einen Arbeitstag reichen. Wer das Smartphone nicht ständig aus der Tasche zieht und auf Spiele verzichtet, wird vermutlich zwei Tage mit einer Akkuladung hinkommen.

Praktisch ist die Schnelladefunktion: Wenige Minuten an der Steckdose reichen, um den Akku für mehrere Stunden Nutzung mit Energie zu versorgen. Google spricht von sieben Stunden binnen 15 Minuten. Diese Angabe hängt allerdings stark von der individuellen Nutzung ab. Auf jeden Fall lädt der Akku sehr schnell, und das dürfte für die meisten Nutzer entscheidend sein. Nur auf Wireless Charging müssen sie verzichten.

Knapp 1000 Euro für ein Smartphone - lohnt sich das?

Leistung

Im Pixel 2 steckt der gleiche Prozessor wie in den meisten teuren Android-Smartphones. Der Snapdragon 835 kann in Benchmarks nicht mit Apples selbstentwickelten Chips fürs iPhone mithalten. Für aufwendige Videobearbeitung und anspruchsvolle Berechnungen ist das ein Vorteil, die meisten Nutzer dürften den Unterschied aber nur in Ausnahmefällen bemerken.

Apps starten ohne Verzögerung, auch anspruchsvolle Spiele bringen das Pixel 2 nicht an seine Leistungsgrenze. Wie schon bei der ersten Pixel-Generation ist spürbar, dass Hard- und Software gemeinsam entwickelt wurden. Jeder Klick und jedes Wischen wird sofort erkannt, nichts hakt oder holpert. Das Betriebssystem läuft auf dem Pixel 2 flüssiger als auf jedem anderen Android-Smartphone.

Android-Updates

Einer der größten Vorteile von Apple ist iOS: iPhones und iPad erhalten jahrelang Sicherheits- und Funktionsupdates, auf allen Geräte läuft das gleiche Betriebssystem. Die Android-Welt ist das komplette Gegenteil: Gerade einmal 0,2 Prozent der Smartphones und Tablets haben das Update auf die aktuelle Version 8 (Oreo) erhalten. Für Nutzer ist das nicht nur ärgerlich, weil ihnen neue Funktionen vorenthalten werden. Es ist gefährlich, weil Sicherheitslücken offenbleiben.

Seit Jahren versucht Google, das Problem zu beseitigen, doch ist es dabei meist auf den guten Willen von Herstellern wie Samsung oder Huawei angewiesen. Bei Googles eigenen Smartphones reden zum Glück keine Drittfirmen mit. Dementsprechend gleicht Android auf dem Pixel in dieser Hinsicht eher dem Vorbild iOS.

Wer das Pixel 2 kauft, erwirbt auch ein Versprechen: Das Smartphone erhält mindestens drei Jahre neue Android-Versionen und monatlich einen Patch mit Sicherheitsupdates. Insofern ist Android 8 auf dem Pixel 2 ein unterschätzter Vorteil, der eigentlich ein zentrales Kaufargument im Vergleich zu anderen Android-Smartphones sein sollte.

Google Lens

Was war das für eine Skulptur, die ich im Louvre fotografiert habe? Wie hießen nochmal diese Tempelruinen im Griechenland-Urlaub? Google Lens kennt die Antwort. Die Funktion identifiziert Gebäude, Exponate oder Sehenswürdigkeiten, erkennt Bücher oder Musikalben am Cover und extrahiert Telefonnummern oder E-Mailadressen aus Bildern. Ein Foto reicht, Googles Algorithmen erledigen den Rest. Im Test mit eigenen Urlaubsbildern funktioniert das recht zuverlässig, zumindest bei bekannteren Motiven. In einigen Wochen soll der Google Assistant auch in der Lage sein, Objekte zu erkennen, die sich live vor der Linse befinden, auch ohne dass der Nutzer ein Foto macht.

Kopfhörerbuchse und Fingerabdrucksensor

Als Apple im vergangenen Jahr die analoge Kopfhörerbuchse abschaffte, war die Aufregung groß. Auch Google machte sich über Apples Entscheidung lustig. Ein Jahr später denkt man in Mountain View offenbar anders. Beim Pixel fehlt der Eingang für 3,5-Millimeter-Klinkenstecker. Offenbar hält Google Bluetooth-Kopfhörer und digitale Audio-Übertragung per USB-C für die Technologien der Zukunft. Immerhin liegt dem Pixel 2 ein Adapter bei, mit dem sich kabelgebundene Kopfhörer analog anschließen lassen. Allerdings kann man das Smartphone dann nicht mehr per USB-C laden, während man Musik hört.

Während die Konkurrenten bei den Anschlüssen den gleichen Weg einschlagen, verzichtet Google darauf, es Apple bei einer weiteren kontroversen Entscheidung gleichzutun. Das Pixel 2 lässt sich per Fingerabdruck entsperren. Die Gesichtserkennung, die beim iPhone X zum Einsatz kommt, bleibt Apple-Nutzern vorbehalten. Der Fingerabdrucksensor befindet sich auf der Rückseite und so weit von der Kamera entfernt, dass anders als bei Samsung-Smartphones keine Gefahr besteht, die Linse versehentlich mit fettigen Fingern zu verschmutzen. Das Entsperren klappt schnell und zuverlässig, Fehlfunktionen traten im Test nicht auf.

Google Assistant

Google sei schon immer gut darin gewesen, Fragen zu beantworten, sagt Manager Rick Osterloh. Das sei die größte Stärke des Unternehmens. Insofern ist es nachvollziehbar, dass Google den Assistant nicht nur beim Pixel, sondern bei allen neuen Hardware-Produkten in den Vordergrund stellt. Mit Hilfe von Machine Learning und künstlicher Intelligenz will Google seinen Nutzern denn Alltag erleichtern. Das mag die Zukunft sein - es gibt aber einen Grund, warum dieser Punkt so weit hinten im Text auftaucht.

Bereits die erste Pixel Generation sollte dem Assistant zum Durchbruch verhelfen. Nach einigen Tagen mit dem neuen Smartphone erschien das durchaus vorstellbar, der Testbericht fiel entsprechend euphorisch aus. Die anfängliche Begeisterung nutzte sich aber schnell ab. Auf der Straße oder in der S-Bahn mit dem Smartphone reden? Seltsam. Und zuhause mag es zwar bequem sein, einfach nach dem Wetter zu fragen - eine simple Google-Suche führt aber meist schneller zum Ziel. Gerade bei komplexeren Aufgaben lohnt es sich selten, den Google Assistant um Rat zu fragen. Doch Amazons Erfolge mit dem Echo zeigen, dass Nutzer ihre Geräte in Zukunft wohl tatsächlich eher mit ihren Geräten sprechen werden, als sie mit Knöpfen oder per Tastatur zu steuern.

Pixel 2 oder Pixel 2 XL?

Bei der ersten Pixel-Generation unterschieden sich Normal- und XL-Variante nur durch die Größe. Dieses Jahr sind die Differenzen größer. Das Pixel 2 ähnelt mit seinen breiten schwarzen Balken ober- und unterhalb des Bildschirms den Vorgängern. Das Tech-Portal Ars Technica sprach deshalb bereits von einem "Smartphone, das nicht existieren sollte". Die XL-Version setzt dagegen wie Samsung und Apple beim iPhone X auf ein rahmenloses Display mit seitlich abgerundeten Kanten. So ist es möglich, ein 6-Zoll-Display in einem vergleichsweise kompakten Gehäuse zu verbauen, das sich noch einhändig bedienen lässt.

2016 ließ Google beide Pixels von HTC fertigen, dieses Jahr kommt das größere Modell von LG. Das Innenleben und die technischen Merkmale sind aber identisch. Wer kleinere Smartphones bevorzugt und mit leicht angestaubter Optik leben kann, erhält auch mit dem Pixel 2 ein exzellentes Android-Smartphone. Mit 799 bzw. 939 Euro für die Varianten mit 64 Gigabyte liegen die Preise etwa auf dem Niveau des iPhone 8.

Das ist durchaus selbstbewusst von Google. Analysten gehen davon aus, dass sich das erste Pixel seit Oktober 2016 nur wenige Millionen Mal verkauft hat. Zum Vergleich: Apple hat alleine im dritten Quartal 2017 25 Milliarden US-Dollar mit 41 Millionen iPhones umgesetzt. Das Pixel 2 ist das beste Android-Smartphone - es könnte aber sein, dass nur wenige Menschen bereit sind, so viel Geld dafür auszugeben.

© SZ.de/jbr/vit
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