20. Jahrestag Und dann kam Google

Die Suchmaschine Google feiert ihren 20. Geburtstag. (Illustration: Stefan Dimitrov)

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Niemand erinnert sich noch an Flooz, Kozmo oder GeoCities - aber Google ist noch überall. Vor 20 Jahren revolutionierte das Unternehmen mit seinen Suchalgorithmen das Netz - und verwandelte es in ein ernst zu nehmendes Medium.

Von Bernd Graff

Als Larry Page und Sergey Brin am 4. September 1998 im kalifornischen Menlo Park die Garagentüren ihres Unternehmens "Google Inc." öffneten, das sehr schnell die Suche im Internet revolutionieren sollte, waren Garagenfirmen aus dem Silicon Valley noch die Darlings der Risikokapitalgeber mit ihren Fantasietrilliarden. Die Populärform des Internets, das "World Wide Web", das da noch keine fünf Jahre lang für die Öffentlichkeit existierte, war die vor allem laute, blinkende Party einer "New Economy", die sich dann allerdings recht bald als Spekulations-, heute sagt man: als die Dotcom-Blase entpuppte.

Die ersten Risse zeigte die vernetzte Heiterkeit 1998 schon. Das Internet hielt den vielen überkandidelten Geschäftsideen auf Dauer nicht stand. Die Liste der damals gefeierten, heute längst vergessenen Start-up-Wunder ist lang. Niemand erinnert sich noch an Flooz, Kozmo oder GeoCities. Der Kampf um Vormachtstellungen aber hatte schon begonnen. Microsoft lieferte sich etwa mit Netscape einen absurden Browserkrieg um die Darstellungs-Hoheit über die vielen Blinkeseiten. Microsoft-Chef Bill Gates wurde sogar vor den US-Justizminister zitiert, weil Microsoft seine Monopolstellung missbrauchte und versuchte, die Netzöffentlichkeit auf seinen Explorer-Browser einzuschwören.

Das entscheidende Missverständnis, das dem frühen Web zugrunde lag, war jedoch, dass man es für eine globale Shopping Mall hielt. Die ersten Suchmaschinen wie Infoseek, Lycos oder Altavista lieferten kaum mehr als Branchenverzeichnisse. Sie waren "Gelbe Seiten" im Netz. Doch die Menschen kauften nicht wie blöde, nur weil sie jetzt im Netz an obskure Arzneien, Wasserbetten aus Wisconsin und Abfallprodukte der Raumfahrt kamen. Deswegen platzte die Blase.

Googles größte mathematische und intellektuelle Leistung war die Einführung der Relevanz

Doch das Suchmaschinengeschäft blieb damals auf die Shopping-Idee fixiert. Yahoo, dessen Suchmaschine vier Jahre vor Google gestartet war, bestand zunächst nur aus einer kommentierten Bookmark-Sammlung zu Anbieteradressen, deklariert als "Guide to the World Wide Web". Wenig spannend. Darum wurde hier wie bei anderen auch neben der Suche ein Sammelsurium von Zusatzfeatures angeboten, um Nutzer zu binden. Man wollte also eine Infrastrukturseite des Netzes sein, und wurde es - anders als Google - gerade wegen des Krimskrams nicht. Bei Yahoo ging es von einer Jobbörse über die Fotoseite "Flickr" zu E-Mail, Shopping, Entertainment, Terminplaner, Börse und News, Wetter, Horoskope. Die Suchmaschine Altavista"ist an diesem eigenen "Content", der personalintensiv, betreut werden musste, schließlich gescheitert.

Und der Nutzer, dem der Sinn einer Internetsuche sich damals so gar nicht aufdrängte, starrte sowieso gleich zweimal auf blinkenden Infomüll: bei seiner Frage fand er vor lauter Seitenverlockungen das Feld für die Sucheingabe nicht, bei den Resultaten suchte er vergebens nach der für ihn relevanten Antwort. Denn Suchergebnisse blieben in der Zeit vor Google nahezu ungewichtet. In lauter Treffer-Unübersichtlichkeit suchte man das Heu in Nadelhaufen. Was also sollte man 1998 mit diesem World Wide Web anfangen, das einige reich, aber niemanden froh machte?

Doch jenes Jahr wurde in zweifacher Hinsicht zum Schlüsseljahr. Es leitete die Wende von der Klickidibunti-Beliebigkeit des WWW zum ernst zu nehmenden Medium ein. Zum einen veröffentlichte der amerikanische Kongress, ebenfalls im September, auf seinen Servern den umfangreichen, nach Kenneth Starr benannten Report zur Lewinsky-Affäre des US-Präsidenten Bill Clinton. Er wurde sofort weltweit abgerufen. Das Netz hielt dem Ansturm stand. Damit war jenseits von Verkaufe eigentlich erstmals so etwas wie ein Zweck des Webs erkennbar geworden, der über die private Kommunikation einzelner Nutzer miteinander hinausging.

Und dann gab es Google.

Googles größte mathematische und intellektuelle Leistung war und ist die Einführung von Relevanz in den Suchergebnissen. Weg von der erschlagenden Überfülle hin zu Information. Weg von gewürfelten Verzeichnissen hin zu gebündeltem Wissen. Weg vom Index hin zur Enzyklopädie. Mit Google war nicht mehr die Link-Adresse, sondern der Inhalt einer Seite das Ausschlaggebende bei der Suche. Schon auf den ersten Blick erkennbar wurde Googles Such-Revolution beim Aufruf der minimalistischen Seite: Keine Werbung, reines Weiß mit sparsamen Log und dem schmalem Textfeld in Erwartung einer Frage.

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Was dann als Antwort ermittelt wird, verdankt sich Googles elaborierten Evaluation des Webs. Suchergebnisse werden abhängig gemacht von der Bedeutung der Seite, auf der sie zu finden sind. Dieses Verfahren, Googles "PageRank", ist von Brin und Page an der Stanford University entwickelt worden. Natürlich verrät Google nicht, wie es funktioniert. Doch es ist so etwas wie die mathematisch ausgebeutete Schwarmintelligenz. Denn nicht Google legt die Relevanz von Suchergebnissen fest. Es ermittelt, wie im Netz mögliche Antwortgeber bewertet werden, und zwar über die Links, die von einem Web-Angebot abgehen und selber darauf zielen. "Es ist alles rekursiv", hat Larry Page das mal beschrieben. "Wie relevant eine Webseite ist, wird bestimmt über die Links und ihre eigene Verlinkung. Es ist ein großer Zirkel." Der Google-Algorithmus wurde damit zu dem apokryphen Code des 21. Jahrhunderts.

Unabhängig nun davon, dass Google, man will ja Geld verdienen, spätestens 2000 mit dem Einsatz des Werbesystems AdWords, also mit der Versteigerung von Treffern in Abhängigkeit von der Suche,profitorientiert wurde, bleibt Googles Echtzeit-Analyse des Link-Ökosystems eine der mächtigsten Methoden beim Schürfen von Wissen. Und es bleibt die Einsicht, dass jede gestellte Frage eine mindestens schon einmal gestellte Frage ist.

Ganz gleich aber, ob Google mit dem 2006 zugekauften "Youtube" nun auch das visuelle Gedächtnis der Pop-Kultur aufbereitet, mit "Google Books" Bibliotheken einscannt, mit "Maps" die Welt kartografiert oder mit "TensorFlow" künstliche Intelligenz vorantreibt, immer zielen Googles Aktivitäten auf das Wissen. Dessen Aggregatzustand ist eigentlich bedeutungslos. Auch das Web ist nur ein Vehikel, dorthin zu gelangen. Doch niemand hat diesen Weg leichter gemacht, als Google.

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