Google-Bewertungen Bonuspunkte für 50 Millionen Helfer

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(Foto: dpa)

In seinem Willen zur Weltvermessung ist Google unerbittlich. Geholfen wird dem Konzern dabei von seinen vielen Nutzern - für eine kleine Belohnung.

Von Michael Moorstedt

Was passiert, wenn viele fremde Menschen in ein für sie neues Land kommen? Betrug scheint eines der ersten Dinge zu sein, die den Einheimischen so einfällt. Wie ist es sonst zu erklären, dass das Technikmagazin Wired meldet, dass im Vorfeld der Weltmeisterschaft in Russland eine Unzahl von gefälschten Rezensionen auf Tourismus-Webseiten wie Tripadvisor oder Booking.com auftauchen? Erledigt wird das von professionellen Agenturen. Für ein paar Tausend Rubel werden Cafés und Hotels und Restaurants blanko positiv bewertet - und damit auch in den Ergebnissen der Suchmaschinen nach oben geschoben.

Wie kann man den Missbrauch verhindern? Google Maps macht es vor. Manipulierte Einträge werden hier schnell erkannt. Eine künstliche Anti-Schummel-Intelligenz ist am Werk, und außerdem vertraut man auf die Weisheit der Masse. Jeder kann mitmachen. Gibt man die entsprechenden Funktionen frei, wird das Programm geradezu aufdringlich in seinem Drang, die Umgebung zu bewerten. Mit einem bis fünf Sternen ist es schon lang nicht mehr getan. Ständig fragt das Smartphone seinen Nutzer nach seiner Meinung. Hat's geschmeckt? Wie viel Parkplätze sind da im Durchschnitt so frei? Wird auch Brunch angeboten? So funktionieren Computer eben. Vor dem Output muss der Input kommen. Was natürlich dazu führen kann, dass man die Meinung, die man vor Kurzem erst in das System eingespeist hat, ein paar Tage später schon wieder selbst serviert bekommt.

Mit Fragen bombardiert

Man würde gerne wissen, wie das System auswählt, was es fragt. Puren Zufall kann man ja kaum vermuten in einer Zeit, in der sämtliche Belange durch Big Data gesteuert werden. Versucht es also eigenständig, Wissenslücken zu schließen? Man muss das entsprechende Etablissement nicht mal besuchen, oft reicht es, nur an einem Geschäft oder Lokal vorbeizuflanieren, um vom System mit Fragen bombardiert zu werden.

In seinem Willen zur Weltvermessung ist Google unerbittlich. Als vor ein paar Jahren die Street-View-Autos mit den Kamerakugeln durch die Straßen fuhren, begehrten tapfere Bürger noch dagegen auf. Dann rüstete das Unternehmen auch Wanderer mit den Rundum-Fotoapparaten aus, um noch den letzten Trampelpfad durch den Bildschirm verfügbar zu machen. Heutzutage sind wir dagegen alle Millionen kleiner Drohnen, die Googles Bild von der Welt vervollständigen. Ohne Protest. Sondern freiwillig.

50 Millionen sogenannter Local Guides gibt es Unternehmensangaben zufolge. In eigenen Foren und Onlinetreffpunkten können sie sich austauschen und vernetzen. Natürlich vertraut Google nicht ausschließlich auf die Selbstlosigkeit der Menschen im Informationskapitalismus. Deshalb gibt es auch eine Art Bonusprogramm. Für Freunde von Orden, Abzeichen und anderen Nachweisen der eigenen Leistung gibt es auch grafische Embleme. So arbeitet man sich langsam nach oben. Ein Traum für jene Welterklärer, die man eben an den touristischen Hotspots so trifft - jetzt können sie auch die Deutungshoheit über die eigene Nachbarschaft erlangen. Ein bisschen Ausdauer braucht es aber. Einen Punkt gibt es für beantwortete Fragen, fünf immerhin für das Hochladen eines Fotos. Ab 250 Punkten kann man mit Gegenwert rechnen. Da zeigt sich Google aber eher knausrig: Als Belohnung für besonders eifrige Erforscher gibt es gerade mal ein paar Monate Gratiszugang zu den hauseigenen Musikdiensten oder Rabatt auf Filme.

Immerhin, so kann man sich trösten, wird man hier noch nach seinem Wissen und also seinen Daten gefragt. Das bei den großen Tech-Firmen sonst übliche Prozedere ist ja, dass die Daten auch ohne explizites Einverständnis abgegriffen werden.

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