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Google:Dieses Betriebssystem soll Android ersetzen

Google Fuchsia OS

Das neue Betriebssystem Fuchsia von Google lässt sich fast wie der Newsfeed von Facebook bedienen.

(Foto: Screenshot)

Das mobile Betriebssystem Android ist eine Erfolgsgeschichte: Auf knapp 77 Prozent aller Smartphones läuft das System von Google, berichtet die Datenanalysefirma Statcounter. Doch Androids Dominanz hat ihren Preis. Am Mittwoch verhängte die Marktwächter der EU-Kommission eine Rekordstrafe von 4,3 Milliarden Euro gegen Google. Zudem hat Android einen internen Konkurrenten: Schon länger arbeiten die Entwickler von Google an einem neuen Betriebssystem namens Fuchsia. Der Code des Projekts steht seit August 2016 auf der Plattform Github.

Groß angekündigt hat das Unternehmen Fuchsia bisher nicht. David Burke, der bei Android für Entwicklung verantwortlich ist, beschrieb das neue System letztes Jahr noch als experimentelles Projekt. Nun berichtet der Finanzdienst Bloomberg, dass Fuchsia in Zukunft Android ersetzen soll, und beruft sich auf Personen, die mit dem Vorgang vertraut seien. Mehr als 100 Menschen sollen mittlerweile an dem Projekt arbeiten.

Bloomberg zufolge ist Fuchsia nicht nur für Smartphones gedacht. In den nächsten drei Jahren soll es zuerst ein Betriebssystem für smarte Lautsprecher und andere vernetzte Geräte werden. Anschließend soll es auf Laptops laufen und könnte so Googles Betriebssystem Chrome OS ersetzen, das momentan auf mehreren Laptops des Konzerns und anderer Hersteller vorinstalliert ist. Das wichtigste Ziel sei aber, innerhalb von fünf Jahren auf Mobilgeräten Android zu ersetzen, schreibt Bloomberg.

Fokus auf Sprachbefehle und Sicherheit

Der Fokus von Fuchsia soll auf der Integration von Sprachbefehlen liegen. Außerdem soll Sicherheit eine größere Rolle spielen als bei Android: Immer wieder entdecken Sicherheitsfirmen und Forscher Angriffspunkte in Googles Betriebssystem. Sicherheitsupdates sind von Google, den Geräte-Herstellern und den Mobilfunk-Betreibern abhängig. Die Freiheiten, die Android bietet, machen es nicht ganz so sicher wie etwa das restriktivere Betriebssystem iOS von Apple.

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Die Google-Spitze hat dem Bericht zufolge allerdings noch keinen Fahrplan für Fuchsia abgesegnet. Da Android auf den Geräten von Dutzenden Partnerfirmen läuft und Tausende Entwickler einspanne, müssten Google-Chef Sundar Pichai und Android-Chef Hiroshi Lockheimer behutsam vorgehen. Ende 2016 hatte Lockheimer noch erklärt: "Wir wollen Android und Chrome OS nicht miteinander verbinden. Chrome OS löst andere Probleme als Android, wir brauchen nicht eine Lösung für zwei Probleme."

Strafe wegen Marktmissbrauch

Ein noch umfangreicheres Betriebssystem als Android könnte aber auch weitere Probleme mit der EU mit sich bringen: Google missbrauche die Marktmacht von Android, um unter anderem die Stellung der Google-Suche zu festigen, heißt es von der Kommission zur Begründung der 4,3-Milliarden-Euro-Strafe. Mit Android werden auch Dutzende Dienste von Google an die Smartphone- und Tablet-Nutzer ausgeliefert. Gerätehersteller müssen etwa den Browser Chrome und die Google Suche vorinstallieren, damit Nutzer den Play Store erhalten, Googles umfangreicher App Store für Android. Google will Einspruch gegen die Strafe einlegen.

In einem Blogpost reagierte Google-Chef Pichai auf die Strafe der EU. Seiner Meinung nach erhöhe Android die Auswahl und verringere sie nicht. "Dank des Geschäftsmodells von Android haben wir von den Smartphone-Herstellern bisher kein Geld verlangt oder mussten das Vertriebsmodell stärker überwachen", schreibt Pichai. Als Beispiel nannte er zudem die Fire Tablets von Amazon, die Android nutzen, aber auf vorinstallierte Google-Dienste und damit auf die mehr als eine Millionen Apps im Play Store verzichten.

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Wie Fuchsia aussehen könnte

Anfangs bestand das Betriebssystem nur aus einer Kommandozeile, erst seit letzem Jahr hat Fuchsia auch eine Benutzeroberfläche. Sie heißt Armadillo (Deutsch: Gürteltier), und lässt sich als App für Android-Smartphones zusammenbauen. Eine Anleitung für erfahrene Android-Nutzer gibt es bei Hotfix.net, allerdings wird ein neueres Smartphone empfohlen, da die App noch abstürzen kann. Außerdem kann durch eine stärkere Belastung des Akkus das Handy warm werden.

Die Demo-Version der Benutzeroberfläche kommt ohne die Homescreens aus, die für Android typisch sind. Stattdessen bietet Fuchsia eine lange vertikale Liste, durch die sich Nutzer scrollen können, ähnlich Facebooks Newsfeed. Es gibt aber keine Likes oder Urlaubsbilder zu sehen. Stattdessen besteht der Fuchsia-Feed momentan aus drei Elementen: einem Informations- und Einstellungsbereich, Demo-Apps und der erweiterten Suchfunktion Google Now.

Google Fuchsia OS

Alles auf einem Blick.

(Foto: Screenshot)

Informationen und Einstellungen: prominent platziert

Im Zentrum des neuen Betriebssystem stehen Informationen über den Tag, den Benutzer und das Gerät: Standardmäßig zeigt Fuchsia Profilbild (In der Demo ist es noch nicht das Bild des Nutzers), Wochentag, Uhrzeit, Ort und Akkustand an. Mit einem Fingertipp kommen genauere Angaben zu Akku, Wlan und Netzverbindung hinzu. Außerdem können Nutzer Lautstärke und Helligkeit des Gerätes anpassen sowie den Flugmodus aktivieren oder die Bildschirmausrichtung ändern. Jedenfalls theoretisch. In der Demo-Version sind nur die Buttons dafür vorhanden, aber sie funktionieren noch nicht.

Neu sind diese Einstellungen nicht, Nutzer von Android finden sie in der Regel, wenn sie mehrfach auf dem Bildschirm von oben hinunterwischen. In Fuchsia sind sie allerdings prominenter platziert und einfacher zu erreichen. Denkbar ist, dass sich bald Benachrichtigungen dazugesellen, die bei Android ebenfalls durch Wischen von oben nach unten erreichbar sind.

Google Fuchsia OS

Die neue Tab-Funktion.

(Foto: Screenshot)

Apps: bewegen, verschieben, zusammenführen

Oberhalb des Informationszentrums sind in der Fuchsia-Demo Elemente mit leeren Apps platziert, durch die sich die Nutzer scrollen können. Tippen sie auf die einzelnen Elemente, öffnet sich die entsprechende App, allerdings sehen die Nutzer nur eine graue Fläche, mit der sie nicht viel tun können. Interessant wird es erst, wenn ein App-Element länger gedrückt bleibt: Es lässt sich verschieben und neu anordnen sowie mit anderen Apps kombinieren. Dazu muss es über ein anderes Element gezogen und dann losgelassen werden.

Das ist im Grunde auch schon momentan mit Android möglich, aber Fuchsia hat ein paar Besonderheiten: So können Apps über- oder nebeneinander platziert werden, damit der Nutzer sie gleichzeitig verwenden kann. Zum Beispiel, wenn er ein Video ansehen möchte, während er ein Dokument bearbeitet oder im Internet surft. Das kann bisher nur die neueste Android-Version, die noch nicht für alle Geräte verfügbar ist. Außerdem gibt es eine Tab-Funktion, die es in keiner Android-Version gibt: Kombiniert man Apps miteinander, erscheint im oberen Bereich eine Tab-Leiste wie im Browser. Statt zwischen Webseiten können Nutzer so ganz einfach zwischen mehreren Apps hin und her springen. Dadurch lassen sich auch drei oder mehr Apps miteinander verbinden. Über einen weißen Punkt am unteren Bildschirmrand kommt der Nutzer aus der App zurück zum Fuchsia-Feed.

Google Fuchsia OS

Noch wird alles mit Platzhaltern gefüllt.

(Foto: Screenshot)

Google Now: Nur Platzhalter für Googles Assistenten?

Unterhalb des Informationszentrums finden Nutzer ein Eingabefeld für Suchbegriffe und Vorschläge im Karten-Stil. Die Aufmachung erinnert an die App Google Now, mit der das Unternehmen versucht, aus persönlichen Daten wie Standort oder Kalendereinträgen nützliche Informationen zu ziehen und Nutzern das Leben zu vereinfachen. Sie sollen auf einen Blick sehen, wie das Wetter wird, wann der Flieger geht und wie sie am einfachsten von A nach B kommen. Allerdings wurde Google Now bisher eher mäßig angenommen.

In der Demo ist von all dem noch nicht viel zu erahnen. Nutzer können zwar schon im Suchfeld herumtippen, allerdings treten dadurch nur einige zufällige Vorschläge zutage, die nichts mit der Eingabe zu tun haben. Tippt der Nutzer auf die Vorschläge, werden die leeren Demo-Apps gestartet. In Zukunft könnte Google dort seinen digitalen Assistenten - vergleichbar mit Siri auf dem iPhone - stärker integrieren.

Ein System ohne Linux

Nicht nur an der Oberfläche, auch im Hintergrund läuft in Fuchsia alles anders ab. Das Android-Betriebssystem und Chrome OS von Google basieren auf dem Linux-Kernel. Ein Kernel ist die zentrale Einheit eines Betriebssystems, der im Hintergrund seine Arbeit verrichtet. Er stellt beispielsweise sicher, dass Hardware wie Festplatten oder Arbeitsspeicher reibungslos mit Software funktioniert. Auf dem Kernel baut alles auf.

Doch hinter Fuchsia steckt nicht Linux, sondern Zircon: ein neuer Kernel, der von Google selbst entwickelt wurde. Damit ist das neue Betriebssystem keine Erweiterung von Android oder ein etwas verändertes Android, sondern ein völlig eigenständiges System.

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