Gigaset-Fabrik Das einzige deutsche Smartphone kommt aus der Provinz

Eine Mitarbeiterin von Gigaset montiert ein Smartphone in der Fabrik in Bocholt.

(Foto: picture alliance / Tillmann Fran)
  • In Bocholt an der niederländischen Grenze produziert die Firma Gigaset ein günstiges Smartphone für Einsteiger.
  • Dort können Mitarbeiter und Montageroboter gemeinsam bis zu 6000 Handys pro Woche herstellen.
  • Mit den klassischen Festnetztelefonen verdient das Unternehmen immer weniger Geld. "Made in Germany" soll nun ein Verkaufsargument für die neuen Smartphones sein.
Von Benedikt Müller, Bocholt

Mensch und Maschine arbeiten in dieser kleinen Fabrik im Westmünsterland Hand in Hand: Eine Mitarbeiterin montiert elektronische Bauteile in die Außenhülle eines neuen Smartphones. Sie führt dazu den Roboter an die richtigen Stellen, doch dann schraubt die Maschine genau solange, bis das eingestellte Drehmoment erreicht ist. Danach verlegt die Mitarbeiterin ein kleines Verbindungskabel, das wie eine Wirbelsäule durch die Hinterseite des neuen Handys geht, während der nächste Roboter schon mal einen kleinen Aufdruck auf die Vorderseite setzt.

So sieht es aus in der neuen Handy-Fabrik des Herstellers Gigaset, der ersten in Deutschland seit zehn Jahren. Die frühere Siemens-Tochter Gigaset fertigt seit Juni ihr neues Smartphone "GS185" in einem Werk im westfälischen Bocholt. 8000 Mobiltelefone hat Gigaset dort bereits hergestellt. Und noch in diesem Jahr will der Telefonhersteller eine weitere Produktionslinie für ein zweites Smartphone "made in Germany" in der Stadt im Westmünsterland eröffnen. Dies hat Gigaset in dieser Woche bekanntgegeben.

Die Standortwahl ist überraschend, da sich die Herstellung von Mobiltelefonen in den vergangenen Jahren fast ausschließlich in Staaten wie China, Thailand oder Vietnam verlagert hat. Die letzte Handy-Fertigung hierzulande hatte der finnische Konzern Nokia im Jahr 2008 in Bochum dichtgemacht und anschließend nach Osteuropa verlegt. Vier Jahre zuvor hatte auch Siemens seine Handy-Sparte an die taiwanische Firma BenQ verkauft, die kurz darauf pleiteging. Mit dem Münchner Unternehmen Gigaset bringt nun ausgerechnet die alte Schnurlostelefon-Sparte von Siemens ein Smartphone aus Deutschland auf den Markt.

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Für den Standort an der niederländischen Grenze hat sich der Hersteller aus gleich mehreren Gründen entschieden. Zum einen erhofft sich die Firma einen Wettbewerbsvorteil, wenn sie ein Smartphone "made in Germany" verkaufen kann. Zwar importiert Gigaset die elektronischen Bauteile des "GS185" aus Asien; so gibt es beispielsweise für die LCD-Displays eines Smartphones kaum Hersteller außerhalb Japans oder Koreas. Jedoch haben Gigaset-Designer das "GS185" in München entworfen, und in Bocholt erfolgt die Endmontage. 60 Prozent der Wertschöpfung entfielen auf Deutschland, rechnet die Firma vor.

Zum anderen setzt Gigaset in Bocholt mehrere Roboter ein. Deshalb liegen die Stückkosten nicht viel höher als bei einer Fertigung in Asien, wenn man auch die Transportkosten berücksichtigt. In der neuen Produktionsstrecke durchläuft ein Mitarbeiter die gesamte Montage eines Smartphones: vom anfänglichen Abziehen der Schutzfolien an den Bauteilen bis zur finalen Prüfung, ob das Telefon auch alle Funkwellen, GPS- und Wlan-Signale korrekt empfängt. Die Roboter scannen Seriennummern, versenken an einer anderen Station kleine Schrauben im Handy - oder setzen den Akku mit genau dem richtigen Druck in das Gehäuse ein.

Entlang der kleinen Produktionsstrecke arbeiten acht Beschäftigte gleichzeitig. Wer ein Gerät fertig montiert hat, fängt mit dem nächsten von vorne an. "Unser Smartphone-Geschäft ist noch ein kleines Pflänzchen", sagt Gigaset-Finanzchef Stephan Mathys. Letztlich hat sich die Firma auch deshalb für Bocholt entschieden, weil Gigaset ohnehin schon 550 Mitarbeiter in der Stadt nahe der niederländischen Grenze beschäftigt. Die ansässige Fabrik für Festnetztelefone wurde schon 1941 eröffnet, als Siemens erste Fernsprecher in Bocholt fertigen ließ.

Festnetz-Telefone bringen immer weniger Geld

Doch per Festnetz wird immer weniger telefoniert, deshalb schrumpft dieses Kerngeschäft um fünf bis zehn Prozent pro Jahr. Die ehemalige Siemens-Tochter hat in den vergangenen Jahren bereits Hunderte Arbeitsplätze abgebaut. Teile seines Bocholter Firmengeländes hat Gigaset an andere Firmen untervermietet. Vor fünf Jahren hat der chinesische Investor Pan Sutong den Hersteller vor der Pleite bewahrt; der Milliardär hält bis heute 73,5 Prozent der Gigaset-Anteile. "Wir haben die Grundlagen gelegt, um unser Geschäft neu auszurichten", sagt Finanzvorstand Mathys.

Mit ihrem neuen Smartphone will die Firma beispielsweise ältere Menschen ansprechen, denen Gigaset als Hersteller ihres Festnetztelefons ein Begriff ist. "Wir setzen einerseits auf Kunden, die uns kennen", sagt Mathys, "andererseits auf gut informierte, jüngere Kunden." Der Einstiegpreis von 179 Euro liegt deutlich unter den meisten Angeboten der Marktführer Samsung und Apple. Das "GS185" hat unter anderem einen 5,5-Zoll-Bildschirm, eine 13-Megapixel-Kamera und einen Fingerabdruck-Sensor.

Gigaset hat zunächst einen sechsstelligen Betrag in seine neue Smartphone-Produktion investiert. Dort kann das Unternehmen 6000 Handys pro Woche fertigen. Allerdings wäre in dem Stockwerk der alten Fabrik noch genug Platz, um vier weitere Produktionslinien aufzubauen. Falls das Smartphone "made in Germany" ein Erfolg werden sollte, könnte Gigaset eines Tages auch die Kunststoff-Rückseiten sowie einen Teil des elektronischen Innenlebens in Bocholt produzieren. Dann entfielen sogar drei Viertel der Wertschöpfung auf Deutschland, kündigt das Unternehmen an.

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