Süddeutsche Zeitung

Gig-Economy:Schöne neue Arbeitswelt

Lesezeit: 6 min

Uber fahren, Kleinstvermieter werden, digitale Mini-Aufträge erledigen: Immer mehr Selbständige leben eher von einzelnen Gigs als dauerhaften Jobs - und steuern in eine prekäre Zukunft.

Von Johannes Kuhn, San Francisco

Abends fährt Jeff Menschen für Uber, um nicht von den Umsätzen seines kleinen Ladens abzuhängen. Anne nutzt die wenigen Stunden, die ihr als Alleinerziehende bleiben, um mit digitalen Designjobs, die sie auf einem Freelancer-Portal findet, etwas dazuzuverdienen. Jorge und Carmen schlüpfen tageweise in die Vermieterrolle; ohne die Einkünfte aus Airbnb könnten sie niemals ihrer Berufung als Künstler folgen. Solche Beispiele kennt inzwischen fast jeder: Der Gig, einst Musikern vorbehalten, bezeichnet heute auch den digital vermittelten Kurzzeit-Job für Jedermann.

Fragt sich nur: Erleben wir gerade die anbrechende Blütezeit des Solo-Freiberuflers oder Szenen der fortschreitenden Prekarisierung? Eine neue Phase selbstbestimmter Arbeit oder doch schlichten Plattformkapitalismus, in dem Software-Firmen als Vermittler-Monopole abkassieren? Deutschland und die USA haben begonnen, sich intensiver mit diesen Fragen zu beschäftigen.

Gig Economy: In Amerika macht der Begriff bereits seit 2009 Karriere. Die Rezession zwang die Menschen, sich noch mehr als sonst von Job zu Job zu hangeln. In den Vereinigten Staaten ist die stoische Anpassung an den fortschreitenden Kapitalismus Teil des Lebensprogramms mit dem Titel "Whatever works". Egal was, Hauptsache, es funktioniert.

Fiebrige Professionalität, beachtlicher Umsatz

Praktisch bedeutet das inzwischen nicht nur, mehrere Jobs zu bekleiden, sondern auch bereit zu sein, als so genannter "Contractor" zu arbeiten, als Freiberufler. 40 Prozent der werktätigen Bevölkerung agieren inzwischen in irgendeiner Form der Selbständigkeit. Wie viele von ihnen als Gig-Arbeiter tätig sind, lässt sich derzeit nur schwer schätzen, weil aktuelle Zahlen fehlen.

Im Tech-Epizentrum San Francisco liegen die Solo-Selbständigen in Gastgewerbe (Airbnb) und Transport (Uber, Lyft) im fünfstelligen Bereich, sie haben sich vervielfacht. Freelancer-Portale wie Upwork haben ihre Nutzer vor allem in den Vereinigten Staaten, der Verkauf von Handgemachtem über Plattformen wie Etsy wird längst mit fiebriger Professionalität und beachtlichem Umsatz betrieben.

Arme sind nur kurzzeitig in Verlegenheit geratene Millionäre

Die neuen Arbeitsformen werden wachsen. Ihnen hängt kein Stigma an, liegt in ihnen doch auch das Versprechen einer nie gekannten Selbstbestimmtheit, die deckungsgleich mit der nationalen Idee der "Free Enterprise" und des Entrepreneurship ist, also der Unternehmensgründung.

Jedoch spürt selbst die konservative Mitte einen leichten Hauch von Skepsis: Die Solo-Selbständigen bleiben, anders als früher, solo; neben der Karriere des Gründers, der für Wirtschaftswachstum sorgt, taucht immer häufiger der Gründer auf, der stets sein einziger Angestellter bleibt: Als selbständiger Trucker, der von Auftrag zu Auftrag lebt; als Teilzeit-Lehrer; als urbaner Lebenskünstler, der die Differenz zwischen seiner Miete und dem bestmöglichen Airbnb-Marktpreis am geschicktesten berechnen kann.

Ein Aufbegehren ist nicht zu erwarten. Schon der Autor John Steinbeck, ein Kind der Weltwirtschaftskrise, kam zu dem Schluss: Der Sozialismus habe in Amerika niemals Wurzeln schlagen können, weil die Armen sich nicht als ausgebeutete Arbeiterschaft, sondern als kurzzeitig in Verlegenheit geratene Millionäre betrachten. "Whatever works" ist auch ein Versprechen, man muss es den Mittellosen, aber Arbeitswilligen nur gut verkaufen.

Die neue digitale Arbeit ist in Deutschland oft noch ein Tabu

Die Deutschen wiederum sind seit jeher skeptisch, wenn es um neue Arbeitsmodelle geht. Der Gig-Worker erscheint uns fremd, wie ein Zombie aus einer fernen Zukunft, in der unser Sozialstaat von den in Verruf geratenen "amerikanischen Verhältnissen" überrollt wurde. Doch auch den Deutschen dämmert langsam: Der Gig-Worker lebt schon mitten unter uns.

Die 1,2 Millionen Selbständigen sind eben nicht nur Ärzte, Anwälte und erfolgreiche Architekten. Die Zahl der Freiberufler im Kulturbereich hat sich seit dem Jahr 2000 um 130 000 auf mehr als 300 000 erhöht, ohne dass etwas von einem sagenhaften Aufschwung im Kulturbetrieb bekannt wäre. Und dass der Selbständigen-Anteil der Älteren robust ansteigt, hat nicht nur freiwillige Gründe.

Exportwirtschaft, Mittelstand und Festanstellung mag auf Deutschlands Visitenkarte prangen, mit Filzstift darunter geschrieben stehen: Scheinselbständigkeit, Zeitarbeit, prekäre Beschäftigung, Generation Praktikum, Berater-Tätigkeit nach betriebsbedingter Kündigung oder auf zwölf Monate befristete Teilzeitstelle, für die sich vor allem Frau dankbar zeigen soll.

Der Wert der Arbeit steht in Frage

All diese Modelle sind näher an der amerikanischen Gig-Ökonomie, als wir zugeben wollen. Und all diese Modelle werden ebenfalls als Randerscheinungen tabuisiert - von einer Gesellschaft, die weiter die unkündbare Festanstellung in Vollzeit als Idealbild propagiert. Doch die gute Konjunktur hält nicht ewig, und das Gefühl materieller Unsicherheit treibt inzwischen sogar weite Teile der Mittelschicht um.

Der Umgang mit den neuen Mini-Tätigkeiten hängt eng mit unserer Haltung zum Wert der Arbeit zusammen: Ein schlecht bezahlter Job ist besser als keiner, aber wie weit darf der Preis sinken? Und wie lautet die Antwort unter der verschärften Bedingung, dass zu Globalisierung und Digitalisierung mittelfristig auch noch eine neue Form der Automatisierung durch Roboter und selbstlernende Software kommt?

Erste Design-Skizze einer Rettungsplattform

Aus dieser Perspektive ist die Gig-Ökonomie womöglich bald einer der wichtigsten Arbeitsmärkte der Zukunft. Für Pessimisten als Marktplatz einer prekarisierten Bevölkerung. Für Optimisten als Stützpfeiler der Einkommen. Für Utopisten als das Betriebssystem einer Gesellschaft, die ihre Abhängigkeit von der Erwerbsarbeit hinter sich gelassen hat.

Am Ende liefert die Technologie die erste Design-Skizze einer Rettungsplattform für das, woran die westlichen Demokratien inzwischen auf dem Arbeitsmarkt häufig scheitern: Den Menschen berufliche Teilhabe, Sicherheit und Wahlfreiheit zu garantieren.

Uber-Fahrer, Airbnb-Vermieter und digitale Kreativ-Freelancer wählen diese Plattformen freiwillig, weil sie ein simpler und flexibler Weg zur Aufstockung des Kontos sind. Was, wenn es eine wirkliche Freiwilligkeit wäre, weil die Existenz ohnehin gesichert ist? Wenn diese Marktplätze plötzlich zu einer gemeinsamen Nutzung und damit zur Schonung von Ressourcen führen würden, vom Auto über den häuslichen Besitz bis zur Arbeitskraft?

Drei Thesen

In den USA: Wächst eine neue Ökonomie für Kurzzeit-Jobs In Deutschland: Herrscht eine große Skepsis gegenüber neuen Arbeitsmodellen Und die Zukunft: Wird von der Technologie entschieden

Welche Rolle soll Arbeit spielen?

Hier liegen die Kernideen der Post-Arbeitsgesellschaft und Post-Wachstumsgesellschaft, die jedoch beide einen Haken haben: Sie funktionieren nur unter der Voraussetzung, dass die materielle Sicherheit vom Staat geschaffen wird, in Form eines bedingungslosen Grundeinkommens, das über das pure Minimum hinausgeht. Ein Gedanke, dem für viele bisher noch etwas Frivoles anhaftet.

Und die Realität ist auch, dass Uber eben nicht die Befreiung des arbeitenden Individuums durch die Kraft der globalen Vernetzung betreibt, sondern den Menschen in eine per Smartphone-Druck bestellbare Dienstleistung verwandelt, umgesetzt nach dem klassischen Drehbuch des Tech-Kapitalismus: Das Erspüren eines Segments, das mögliche Konsumentenbedürfnisse, ineffiziente Informationsmärkte und die Perspektive eines Monopols vereint.

In der Gig Economy wirkt allzu häufig nicht die freie Hand des Marktes, sondern die des Plattform-Betreibers, der unauffällig die Bedingungen verändert. Und so zollen Fahrer im Silicon Valley Uber seit kurzem nicht mehr 20 Prozent, sondern 30 Prozent Software-Tribut für jede Fahrt. So viel zum selbstbestimmten Arbeitsleben des digitalen Solo-Selbständigen.

Der Rahmen der Gig-Economy wird gerade ausverhandelt

Und doch ist dieses Extrembeispiel, das inzwischen auch in den USA an rechtliche Grenzen kommt, nicht alles. Der Profi, der per Smartphone-Kamera dem Hobby-Handwerker Tipps gibt; der Airbnb-Vermieter, der kein hauptamtlicher Immobilienhai ist; der Dienstleister, dem die Netzwelt Kunden in aller Welt erschließt; ja auch der Ridesharing-Anbieter, der nicht konkurrenzlos agiert und Parameter nicht grenzenlos verschieben kann: Sie alle können Teil einer Wirtschaft sein, die weniger von den alten und neuen Großkonzernen abhängt. Übrigens legt kein Internet-Protokoll der Welt fest, dass digital gelenkten Arbeitsmärkte wirklich ein Technologie-Start-up als Betreiber benötigen.

Ob wir es wollen oder nicht: Der Rahmen für eine Gig-Economy wird gerade ausverhandelt - und damit auch ihre Gestalt. Die USA streiten noch, ob das überhaupt nötig ist und was es denn über den Fortschritt zu verhandeln gibt. Deutschland tendiert instinktiv dazu, durch Regulierung alte Marktteilnehmer vor neuen Akteuren zu schützen: Was nach dem Status Quo kommt, wird stets erst nach dessen Abwicklung diskutiert.

Das Wesen der Arbeit löst sich auf

Beide Haltungen scheinen nicht so klug, wie es zweier führender Industrienationen angemessen wäre. Dabei ergibt sich aus den bisherigen Erfahrungen bereits eine erste Logik: Die neuen digitalen Arbeitsmarktplätze dürfen keine Monopole sein, sie müssen transparente Mechanismen bei Preisbildung und -gestaltung nachweisen und dem Konsumenten dienen. Sie in einzelnen Felder zu blockieren, muss einem allgemeingesellschaftlichem, nicht einem branchenspezifischen Zweck dienen. Die Folgen, die sich auf dem Arbeitsmarkt aus der Gig-Economy ergeben, machen eine ehrliche Perspektive auf die Zukunft der Erwerbsarbeit nur noch notwendiger - inklusive der Diskussion darüber, wo eine Gesellschaft das Niveau der Grundsicherung ansetzen möchte, wenn diese künftig noch häufiger nötig werden sollte.

Die Vereinigten Staaten und Deutschland befinden sich in der gleichen Situation: Das Wesen der Arbeit löst sich auf und damit auch ihre Bedeutung. Das was Arbeit war, geht in eine nächste Stufe über. Wie diese aussehen wird, hängt nicht nur an politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Faktoren. Die nächsten Kapitel der Geschichte werden vor allem in Computercode geschrieben. Dass die USA uns hier überlegen sind, sollte Deutschland nervös machen. Im 21. Jahrhundert gilt: Wenn eine Gesellschaft ihre Zukunft in den eigenen Händen behalten möchte, muss sie diese programmieren können.

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Quelle:
SZ vom 26.09.2015/mahu
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