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Gig-Economy:Welche Rolle soll Arbeit spielen?

Hier liegen die Kernideen der Post-Arbeitsgesellschaft und Post-Wachstumsgesellschaft, die jedoch beide einen Haken haben: Sie funktionieren nur unter der Voraussetzung, dass die materielle Sicherheit vom Staat geschaffen wird, in Form eines bedingungslosen Grundeinkommens, das über das pure Minimum hinausgeht. Ein Gedanke, dem für viele bisher noch etwas Frivoles anhaftet.

Und die Realität ist auch, dass Uber eben nicht die Befreiung des arbeitenden Individuums durch die Kraft der globalen Vernetzung betreibt, sondern den Menschen in eine per Smartphone-Druck bestellbare Dienstleistung verwandelt, umgesetzt nach dem klassischen Drehbuch des Tech-Kapitalismus: Das Erspüren eines Segments, das mögliche Konsumentenbedürfnisse, ineffiziente Informationsmärkte und die Perspektive eines Monopols vereint.

In der Gig Economy wirkt allzu häufig nicht die freie Hand des Marktes, sondern die des Plattform-Betreibers, der unauffällig die Bedingungen verändert. Und so zollen Fahrer im Silicon Valley Uber seit kurzem nicht mehr 20 Prozent, sondern 30 Prozent Software-Tribut für jede Fahrt. So viel zum selbstbestimmten Arbeitsleben des digitalen Solo-Selbständigen.

Der Rahmen der Gig-Economy wird gerade ausverhandelt

Und doch ist dieses Extrembeispiel, das inzwischen auch in den USA an rechtliche Grenzen kommt, nicht alles. Der Profi, der per Smartphone-Kamera dem Hobby-Handwerker Tipps gibt; der Airbnb-Vermieter, der kein hauptamtlicher Immobilienhai ist; der Dienstleister, dem die Netzwelt Kunden in aller Welt erschließt; ja auch der Ridesharing-Anbieter, der nicht konkurrenzlos agiert und Parameter nicht grenzenlos verschieben kann: Sie alle können Teil einer Wirtschaft sein, die weniger von den alten und neuen Großkonzernen abhängt. Übrigens legt kein Internet-Protokoll der Welt fest, dass digital gelenkten Arbeitsmärkte wirklich ein Technologie-Start-up als Betreiber benötigen.

Ob wir es wollen oder nicht: Der Rahmen für eine Gig-Economy wird gerade ausverhandelt - und damit auch ihre Gestalt. Die USA streiten noch, ob das überhaupt nötig ist und was es denn über den Fortschritt zu verhandeln gibt. Deutschland tendiert instinktiv dazu, durch Regulierung alte Marktteilnehmer vor neuen Akteuren zu schützen: Was nach dem Status Quo kommt, wird stets erst nach dessen Abwicklung diskutiert.

Das Wesen der Arbeit löst sich auf

Beide Haltungen scheinen nicht so klug, wie es zweier führender Industrienationen angemessen wäre. Dabei ergibt sich aus den bisherigen Erfahrungen bereits eine erste Logik: Die neuen digitalen Arbeitsmarktplätze dürfen keine Monopole sein, sie müssen transparente Mechanismen bei Preisbildung und -gestaltung nachweisen und dem Konsumenten dienen. Sie in einzelnen Felder zu blockieren, muss einem allgemeingesellschaftlichem, nicht einem branchenspezifischen Zweck dienen. Die Folgen, die sich auf dem Arbeitsmarkt aus der Gig-Economy ergeben, machen eine ehrliche Perspektive auf die Zukunft der Erwerbsarbeit nur noch notwendiger - inklusive der Diskussion darüber, wo eine Gesellschaft das Niveau der Grundsicherung ansetzen möchte, wenn diese künftig noch häufiger nötig werden sollte.

Die Vereinigten Staaten und Deutschland befinden sich in der gleichen Situation: Das Wesen der Arbeit löst sich auf und damit auch ihre Bedeutung. Das was Arbeit war, geht in eine nächste Stufe über. Wie diese aussehen wird, hängt nicht nur an politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Faktoren. Die nächsten Kapitel der Geschichte werden vor allem in Computercode geschrieben. Dass die USA uns hier überlegen sind, sollte Deutschland nervös machen. Im 21. Jahrhundert gilt: Wenn eine Gesellschaft ihre Zukunft in den eigenen Händen behalten möchte, muss sie diese programmieren können.