Gig-Economy Die neue digitale Arbeit ist in Deutschland oft noch ein Tabu

Die Deutschen wiederum sind seit jeher skeptisch, wenn es um neue Arbeitsmodelle geht. Der Gig-Worker erscheint uns fremd, wie ein Zombie aus einer fernen Zukunft, in der unser Sozialstaat von den in Verruf geratenen "amerikanischen Verhältnissen" überrollt wurde. Doch auch den Deutschen dämmert langsam: Der Gig-Worker lebt schon mitten unter uns.

Die 1,2 Millionen Selbständigen sind eben nicht nur Ärzte, Anwälte und erfolgreiche Architekten. Die Zahl der Freiberufler im Kulturbereich hat sich seit dem Jahr 2000 um 130 000 auf mehr als 300 000 erhöht, ohne dass etwas von einem sagenhaften Aufschwung im Kulturbetrieb bekannt wäre. Und dass der Selbständigen-Anteil der Älteren robust ansteigt, hat nicht nur freiwillige Gründe.

Exportwirtschaft, Mittelstand und Festanstellung mag auf Deutschlands Visitenkarte prangen, mit Filzstift darunter geschrieben stehen: Scheinselbständigkeit, Zeitarbeit, prekäre Beschäftigung, Generation Praktikum, Berater-Tätigkeit nach betriebsbedingter Kündigung oder auf zwölf Monate befristete Teilzeitstelle, für die sich vor allem Frau dankbar zeigen soll.

Der Wert der Arbeit steht in Frage

All diese Modelle sind näher an der amerikanischen Gig-Ökonomie, als wir zugeben wollen. Und all diese Modelle werden ebenfalls als Randerscheinungen tabuisiert - von einer Gesellschaft, die weiter die unkündbare Festanstellung in Vollzeit als Idealbild propagiert. Doch die gute Konjunktur hält nicht ewig, und das Gefühl materieller Unsicherheit treibt inzwischen sogar weite Teile der Mittelschicht um.

Der Umgang mit den neuen Mini-Tätigkeiten hängt eng mit unserer Haltung zum Wert der Arbeit zusammen: Ein schlecht bezahlter Job ist besser als keiner, aber wie weit darf der Preis sinken? Und wie lautet die Antwort unter der verschärften Bedingung, dass zu Globalisierung und Digitalisierung mittelfristig auch noch eine neue Form der Automatisierung durch Roboter und selbstlernende Software kommt?

Erste Design-Skizze einer Rettungsplattform

Aus dieser Perspektive ist die Gig-Ökonomie womöglich bald einer der wichtigsten Arbeitsmärkte der Zukunft. Für Pessimisten als Marktplatz einer prekarisierten Bevölkerung. Für Optimisten als Stützpfeiler der Einkommen. Für Utopisten als das Betriebssystem einer Gesellschaft, die ihre Abhängigkeit von der Erwerbsarbeit hinter sich gelassen hat.

Am Ende liefert die Technologie die erste Design-Skizze einer Rettungsplattform für das, woran die westlichen Demokratien inzwischen auf dem Arbeitsmarkt häufig scheitern: Den Menschen berufliche Teilhabe, Sicherheit und Wahlfreiheit zu garantieren.

Uber-Fahrer, Airbnb-Vermieter und digitale Kreativ-Freelancer wählen diese Plattformen freiwillig, weil sie ein simpler und flexibler Weg zur Aufstockung des Kontos sind. Was, wenn es eine wirkliche Freiwilligkeit wäre, weil die Existenz ohnehin gesichert ist? Wenn diese Marktplätze plötzlich zu einer gemeinsamen Nutzung und damit zur Schonung von Ressourcen führen würden, vom Auto über den häuslichen Besitz bis zur Arbeitskraft?

Drei Thesen

In den USA: Wächst eine neue Ökonomie für Kurzzeit-Jobs In Deutschland: Herrscht eine große Skepsis gegenüber neuen Arbeitsmodellen Und die Zukunft: Wird von der Technologie entschieden