Süddeutsche Zeitung

Geldwäsche bei Digitalwährung Liberty Reserve:Wechselstube für die Unterwelt

Wofür Al Capone noch Waschsalons brauchte, benötigen Gauner heute nur eine E-Mail-Adresse: Das Geschäftsmodell von Liberty Reserve versprach absolute Anonymität - auch für Geldwäscher. Zwar handelt es sich um einen spektakulären Einzelfall. Doch er deckt die Schwachstellen der digitalen Währungen auf.

Von Benjamin Romberg

Die Behörden in den USA sprechen vom größten Geldwäscheskandal, in dem sie je ermittelt haben. Und als würde das zur Einordnung noch nicht reichen, bringt ein Beamter auch noch den berüchtigsten Verbrecher der US-Geschichte ins Spiel: "Würde Al Capone heute leben", sagte Chefermittler Richard Weber, "dann würde er sein Geld so verstecken". Der Vergleich mit dem Gangsterboss, der in den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts in Chicago aktiv war, soll vermutlich nicht nur dazu dienen, den Menschen die Größenordnung des Falles um die Digitalwährung Liberty Reserve zu verdeutlichen.

Es geht wohl auch darum, Laien verständlich zu machen, um was es hier geht: Einnahmen aus illegalen Geschäften werden reingewaschen. Al Capone nutzte dazu Waschsalons - heute geht das online. Auf der Plattform von Liberty Reserve, einem Unternehmen mit Sitz in Costa Rica, konnten Nutzer Euro und Dollar in digitales Geld eintauschen.

Blindes Vertrauen

Die Kunden mussten zwar Name, Adresse und Geburtsdatum angeben, die Daten wurden aber nicht überprüft. Alles, was die Nutzer brauchten, war eine gültige E-Mail-Adresse. Niemand bekam davon etwas mit, keine Bank, keine Regierung. Totale Anonymität. Wie gut das funktioniert hat, zeigt der Fall eines Undercover-Agenten, der laut Angaben der Ermittler ein Konto unter dem Namen "Joe Schwindler" eingerichtet haben soll. Der angegebene Verwendungszweck: "Für Kokain."

Wen ein solches Angebot anzieht, ist klar: Hacker, Kreditkartenschwindler, Drogenhändler - einfach jeden, der die Quelle seiner Einnahmen lieber für sich behalten möchte. So wurde Liberty Reserve offenbar zur Wechselstube für die Unterwelt. Eine Spur ging nach Angaben der Ermittler von einer Gruppe von Cyber-Bankräubern aus, die Kreditkartenkonten manipuliert und 45 Millionen Dollar erbeutet hatten.

Die Staatsanwaltschaft New York wirft den Verantwortlichen bei Liberty Reserve nun vor, Geldwäsche im Umfang von etwa sechs Milliarden Dollar ermöglicht zu haben. Die Justiz spricht von der "Drehscheibe der weltweiten Cyberkriminalität". Die Plattform soll mehr als eine Million Nutzer haben, davon etwa 200.000 in den USA. Wie viele davon kriminelle Ziele verfolgten, ist unklar. Die Ermittler haben Konten in 17 Ländern einfrieren lassen, darunter Russland, Hong Kong, die Schweiz und Zypern.

Vergangene Woche war die Plattform offline gegangen, Firmengründer Arthur B. wurde daraufhin in Spanien festgenommen. Er war 2006 aus den USA nach Costa Rica gezogen, nachdem er eine Bewährungsstrafe wegen illegaler Finanzgeschäfte erhalten hatte. Ihm und seinen inzwischen ebenfalls festgenommenen Partnern drohen bis zu 20 Jahre Gefängnis.

Durch den Fall Liberty Reserve fühlen sich einmal mehr all diejenigen bestätigt, die den Hype um virtuelle Währungen mit Misstrauen verfolgen. In den vergangenen Monaten ist eine Art digitale Goldgräberstimmung entstanden. Es gibt zahlreiche solcher Währungen, die wohl bekannteste ist der Bitcoin. Über einen komplexen Rechenvorgang, das sogenannte Mining, werden die digitalen Münzen geschaffen und dann im Internet gehandelt. Sie sind Spekulationsobjekt und Zahlungsmittel zugleich; einige Online-Shops akzeptieren Bitcoins bereits.

Kritiker bemängeln die fehlende Regulierung. Fans von Bitcoin, Litecoin und Co. zieht genau das an. Keine Zentralbank, die den Wert des Geldes beeinflussen könnte; keine Politiker, die den Handel einschränken. Die zunehmende Beliebtheit von digitalem Geld hat vor allem mit Vertrauen zu tun. Verlorenem Vertrauen in Banken und Politik - sowie in das internationale Finanzsystem als Ganzes, mit seinen Leitwährungen Dollar, Yen und Euro. Und unerschütterliches Vertrauen in die Technik. Computer, so hoffen viele, machen im Gegensatz zu den Menschen keine Fehler.

Dass das System der digitalen Währungen nicht unfehlbar ist, zeigt der Skandal um Liberty Reserve. Und auch bei den Bitcoins gab es in den vergangenen Wochen Meldungen, die Zweifel aufkommen lassen. Hacker haben Kundendaten von Handelsplattformen gestohlen, in den USA wurden Konten einer Bitcoin-Plattform eingefroren, weil den betroffenen Unternehmen die Lizenz gefehlt haben soll.

Die Behörden haben im Umgang mit dem Geschäftsmodell der Anbieter wenig Erfahrung. Und vor allem: Es gibt keine klaren Regeln, das ist das Problem für sie.

Rainer Böhme, Professor für IT-Sicherheit an der Uni Münster, beschäftigt sich viel mit digitalen Währungen. Er spricht von einer "juristischen Grauzone". Ein "Know-Your-Customer-System" wäre sinnvoll, sagt Böhme im Gespräch mit Süddeutsche.de. Die Nutzer müssten sich also - anders als im Fall Liberty Reserve - identifizieren.

Die Botschaft, die die US-Justiz nun vermitteln will, ist klar: Kriminelle sollen sich im Internet nicht mehr verstecken können. "Unsere Bemühungen zerstören den Glauben der High-Tech-Geldwäscher, dass das, was im Cyberspace passiert, auch im Cyberspace bleibt", sagte Ermittler Weber.

Nun ist der Fall Liberty Reserve ein spektakulärer Einzelfall. Dennoch zeigt er, wo die Schwachstellen der digitalen Währungen liegen. "Klar ist, dass wir solche Währungen nicht mehr loswerden", so Böhme. Es stelle sich also die Frage, wie die Behörden damit umgehen wollen. "Drückt man sie in den Untergrund oder macht man sie auch für normale Leute zugänglich?"

Im Untergrund - da arbeiten Menschen wie ehemals Al Capone.

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