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GCHQ-Chef Robert Hannigan:"Soziale Netzwerke sind Kommandozentralen für Terroristen"

Privatsphäre oder Zusammenarbeit mit Geheimdiensten? Weil Terroristen das Internet für ihre Propaganda nutzten, fordert der neue Chef des britischen GCHQ die Tech-Konzerne zur Kooperation auf. Die Nutzer würden das schon verstehen.

Von Matthias Huber

Soziale Online-Netzwerke sind nach Einschätzung des britischen Geheimdienstes GCHQ inzwischen "das bevorzugte Kommando- und Kontrollzentrum von Terroristen". Dennoch würden einige US-Internetkonzerne die Augen davor verschließen und den Sicherheitsbehörden dringend benötigte Unterstützung verweigern, beklagte der neue GCHQ-Chef Robert Hannigan in einem Gastbeitrag für die Financial Times.

Dschihadistengruppen wie der Islamische Staat (IS) nutzten soziale Medien wie YouTube, Facebook und Twitter beispielsweise dazu, Videos von Gräueltaten zu verbreiten und damit Propaganda für ihre Zwecke zu machen. "Wer gegen die erschütternden Auswüchse menschlichen Verhaltens im Internet vorgeht, kann manchmal den Eindruck bekommen, dass manche Technologieunternehmen ihre eigene Instrumentalisierung leugnen", schrieb Hannigan in dem Gastbeitrag.

Dabei gehen die Macher der aktuellen Videos laut Hannigan geschickter vor als noch die al-Qaida zur Zeit des Irakkriegs. Die Terroristen hätten realisiert, dass zu brutale Bilder schädlich sein können - ein Grund, weswegen sie sich selbst zensieren.

"Das Internet ist den Werten westlicher Demokratien entwachsen"

Hannigan forderte die Firmen im Silicon Valley dazu auf, enger mit den Geheimdiensten zusammenzuarbeiten. Seiner Ansicht nach könnten die meisten Internetnutzer mit einer engeren Zusammenarbeit der Technologiefirmen und der Geheimdienste "gut leben". "Die Nutzer wissen, dass das Internet den Werten westlicher Demokratien entwachsen ist, nicht umgekehrt", heißt es in dem Gastbeitrag weiter. Auch sei das Recht auf Privatsphäre nie ein absolutes Recht gewesen, und die Debatte darüber solle nicht dringenden Entscheidungen im Weg stehen.

Hannigan trat seinen neuen Job an der Spitze des GCHQ vor einer Woche an. Obwohl in seinem Gastbeitrag keine Firmen namentlich genannt werden, wendet sich Hannigan damit vermutlich unter anderem gegen Google und Apple. Beide Konzerne hatten kürzlich verkündet, dass die aktuellen Versionen ihrer Smartphone-Betriebssysteme die Daten der Nutzer so verschlüsseln würden, dass auch Google und Apple sie selbst auf Anfrage der Behörden nicht auslesen könnten. Von FBI-Chef James Comey wurden sie dafür kürzlich scharf kritisiert.

NSA-Chef zeigt Verständnis für beide Seiten - und wirbt um Mitarbeiter

Bis zu dieser Entwicklung hatten sich die amerikanischen und britischen Geheimdienste über die steigenden Privatsphäre-Bemühungen der Tech-Konzerne kaum geäußert. Bisher verfügbare Anonymisierungs-Werkzeuge erforderten aber verhältnismäßig viel Fachkenntnis von den Nutzern. Eine ins Betriebssystem integrierte Verschlüsselung steht hingegen auch Technik-Laien problemlos offen.

Versöhnlichere Töne als seine beiden Kollegen schlägt hingegen NSA-Direktor Michael Rogers an. In einer Rede in der Stanford-Universität äußerte Rogers Verständnis für die Privatsphäre-Bemühungen der Tech-Konzerne. "Ich würde nicht sagen, dass eine der beiden Seiten das grundsätzlich falsch sieht", sagte er, "ich verstehe, warum beide Seiten ihren jeweiligen Standpunkt haben." Rogers forderte anschließend die anwesenden Informatik-Studenten auf, sich nach ihrem Studium bei der NSA zu bewerben. "Wir geben euch die Möglichkeit, Dinge zu machen, die ihr legal sonst nirgendwo machen könnt."

(Mit Material von dpa und AFP)

© Süddeutsche.de
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