Robert Habecks Twitter-Abschied Die Öffentlichkeit produziert den Angstpolitiker, den sie dann verachtet

Robert Habecks Twitterabschied wird von den Medien behandelt wie eine Staatsangelegenheit. Dabei scheint der Schritt zutiefst private Beweggründe zu haben.

(Foto: dpa)

Die Debatte um den Twitter-Abschied des Grünen-Politikers ist ein Lehrstück furioser Mitleidlosigkeit in den sozialen Medien. Stilfehler werden hier atemlos zu Skandalen hochgeschrieben.

Gastbeitrag von Bernhard Pörksen

Als Paul Manafort, Politikberater, zeitweise Wahlkampfleiter von Donald Trump und aufgrund seiner Kontakte zu Russland im Zentrum der FBI-Ermittlungen, am 30. Oktober 2017 angeklagt wurde, berichteten manche Fernsehstationen in den USA kaum weniger aufgeregt über einen Skandal, den man als die "Emoji-Cheeseburger-Krise bei Google" bezeichnete. Der Konzern hatte einen Cheeseburger-Emoji, ein Piktogramm mit Bulette und Käse, in Umlauf gebracht, bei dem die Käsescheibe nicht auf, sondern unter dem Fleisch zu sehen war. Kulinarisch gesehen war das offenbar ein schwerer Fauxpas - und publizistisch betrachtet offenkundig eine Nachricht, die nach Berichterstattung und einer Stellungnahme des Google-CEO Sundar Pichai verlangte.

Gut 14 Monate später, in Deutschland und in einer ganz anderen politischen Situation, hat die Debatte um den Spitzen-Grünen Robert Habeck und seinen Abschied von Twitter nach eigenen Fehlern und einer Hackerattacke auf ihn und seine Familie eine Art Emoji-Problem. Sie ist oberflächlich, kontextblind, fokussiert auf das Nebensächliche. Journalisten fragen, ob Habeck überhaupt regierungs- und politiktauglich sei. Andere wollen wissen, ob er nun das Feld der sozialen Netzwerke räume, um es den Rechtspopulisten zu überlassen.

Spott, Häme, Defizit-Diagnosen

Und glaube er wirklich, er könne so von seinem Fehler - es geht aktuell um einen dussligen Satz über Thüringen - ablenken? Kurzum: Es hagelt Spott, Häme, Defizit-Diagnosen. Die gesamte Debatte erscheint mir inzwischen als ein Lehrstück furioser Mitleidlosigkeit, als Ausdruck einer fatalen Neigung zur Sofort-Skandalisierung von Stilfehlern. Und es wird offenbar, dass Dauerkommunikation und Ad-hoc-Erreichbarkeit inzwischen als politische Kernkompetenzen gelten - frei nach dem Motto: "Nur wer rund um die Uhr auf Sendung ist, erfüllt die Anforderungen der neuen Zeit. Aber wer mal daneben liegt, den machen wir so richtig fertig!"

Bernhard Pörksen, 49, ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Er untersucht die gesellschaftlichen Folgen der Vernetzung und Digitalisierung.

(Foto: picture alliance / dpa)

Robert Habeck hat in hektisch produzierten Videos für den Wahlkampf in Thüringen und Bayern so getan, als seien beide Länder nicht demokratisch. Das war falsch, gewiss. Und doch sind dies erkennbar Fehlleistungen des Moments und - Stichwort Cheeseburger-Emoji - zumindest nach meinem Dafürhalten keine ernst zu nehmenden Debattenthemen, sondern kaum vermeidbare Kollateralschäden der vernetzten Existenz.

Habeck hat selbstkritisch angemerkt, Twitter verführe unvermeidlich zur Zuspitzung, zur überhitzten Stellungnahme. Es scheint mir fraglich zu sein, ob derartige Opfer- und Überwältigungstheorien weiterführen, aber für den Sog des Mediums in Richtung des Extrems gibt es längst zahlreiche Beispiele. Man denke nur an die allmorgendlichen Wutanfälle eines Donald Trump oder die in einem Tweet ausgesprochene Kriegsdrohung des pakistanischen Verteidigungsministers Khawaja Asif gegenüber Israel.

Rückzug laut Habeck auch wegen Hackerattacke

Habeck hat in einem Blogbeitrag beklagt, durch die Hackerattacke seien "die persönlichsten Gespräche zwischen mir und meiner Familie" jetzt auf allen "Rechnern der deutschen Tageszeitungen" und jeder "Menge rechter Medien" gespeichert. Auch deshalb ziehe er sich von Facebook zurück; schließlich sei über das soziale Netz der Datenklau erfolgt. Das kann man nur als ein Zeichen des Schocks deuten, nicht als Polit-Statement eines angeblichen Diskursverweigerers, das nach großformatiger Anklage verlangt.

Unabhängig von der Person des Spitzengrünen gefragt: Wer will eigentlich noch in das politische Geschäft einsteigen, wenn man ihn nach einem Angriff auf die eigene Familie und nach einer unbedachten Überreaktion wie der Account-Löschung sofort als ungeeignet aussortiert? Wer freut sich auf den Tag, an dem die eigenen Ausrutscher - die falschen Sätze in einem Wahlvideo, das Gestammel in einer Talkshow, der plötzliche Tränenausbruch auf einer Pressekonferenz, die Lästerei auf der sicher geglaubten Hinterbühne - im Kuriositätenkabinett der sozialen Medien für Furore sorgen?

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Und ist der Anspruch fortwährender Kommunikationsbereitschaft tatsächlich sinnvoll? Wird er nicht - im Verbund mit der moralisierenden Hypersensibilität von einzelnen Journalisten, politischen Gegnern und Teilen des Publikums - unvermeidlich zur Falle? Ich behaupte: In der Kombination aus Beobachtungsdruck und Reaktionszwang, Authentizitätsverlangen und Perfektionssehnsucht programmiert diese Gesellschaft den politischen Burn-out. Und sie züchtet, ob sie will oder nicht, den Typus des kleinmütigen, visionsfeindlichen, sich hinter Phrasen verschanzenden Angstpolitikers, den sie dann verachtet. Gegenwärtig prallen die Sehnsucht nach der Lichtgestalt und Erlöserfigur - man denke nur an den Hype um Martin Schulz und Friedrich Merz - und das Bedürfnis nach Nahbarkeit auf die allgemeine Lust an der Demontage aufeinander; dies alles in einer Welt, die immer perfekter ausgeleuchtet wird.

Wolfgang Kubicki (FDP) wurde das Twittern von seinen Mitarbeitern verboten

In einer solchen Situation, in der Autorität, Aura und Charisma blitzschnell im grellen Licht der Gewöhnlichkeit verglühen, verschärft sich das Dilemma des offenen Politikers, der sich um einen weniger schematischen, einen suchenden Kommunikationsstil bemüht. Er wird verstärkt angreifbar, seine Berührbarkeit ist seine offene Flanke. Was sind - aus der Sicht von Politikerinnen und Politikern gesprochen - die Alternativen? Zum einen natürlich die Panzerung des eigenen Selbst. Zum anderen die Hochrüstung im Inszenierungsgeschäft, die immer perfektere Simulation von Authentizität durch ein im Hintergrund agierendes Social-Media-Team. Schließlich die Twitter-Verweigerung, wie sie zum Beispiel Wolfgang Kubicki seit Jahren praktiziert. Ihm haben seine Mitarbeiter, wie er einst bekannte, Twitter verboten, weil er zu schnell und unkontrollierbar reagiere.

Die Debatte über Robert Habeck macht deutlich: Wir sind auf die aktuell laufende Medienrevolution und das Verschwimmen der Grenzen zwischen Öffentlichem und Privatem normativ nicht vorbereitet. Wir diskutieren über Einzelfälle, über irrelevante Ausrutscher, aber übersehen die großen Fragen: Wer kann - unter den Bedingungen der medialen Dauerbeobachtung und der dumpf röhrenden Sofort-Skandalisierung - noch genügen? Welches Maß an Fehlertoleranz und Relevanzgespür müsste eine Gesellschaft trainieren, die in dieser Weise Transparenz und Nahbarkeit verlangt? Und braucht Politik, um ernsthaft programmatisch zu arbeiten, nicht Schutzzonen und Phasen der Intransparenz, die es erlauben, Ideen auszuprobieren und vorzubereiten, ohne dass diese in Echtzeit durchgestochen und attackiert werden? Es ist an der Zeit, dass wir endlich darüber streiten. Natürlich auf Twitter und Facebook, aber am besten überall.

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