bedeckt München 22°

Nachhaltigkeit im Gaming:"Unsere Zukunft wird durch Computerspiele gestaltet"

Videospiele sind ein Medium und ein Kulturgut mit großem Einfluss: Gamer im Microsoft Theater Los Angeles.

(Foto: Casey Rodgers/Invision for Xbox/AP)

Videogames könnten zur Bewusstseinsveränderung beitragen, sagt Dominik Rinnhofer, Professor für Game Design. Außerdem könnten sie Zukunftsmodelle simulieren.

Interview von Corinna Koch

Videospiele werben immer häufiger für mehr Umweltbewusstsein. Auf der Devcom etwa, einer der wichtigsten Konferenzen für Spielentwickler, mit Sitz in Köln, liegt ein Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit - nachhaltige Spiele wie Idle King oder Siebenstreich werden dort vorgestellt. Professor Dominik Rinnhofer unterrichtet Game Design an der Hochschule Macromedia in Stuttgart. Er bildet zukünftige Spielentwicklerinnen und -entwickler aus und lehrt sie unter anderem, was es heißt, ein umweltbewusstes Spiel zu produzieren.

SZ: Professor Rinnhofer, was macht ein Spiel "grün"?

Dominik Rinnhofer: Inhaltlich gesehen ist ein Spiel "grün", wenn es sich mit ökologischen Themen auseinandersetzt. Einerseits gibt es die Möglichkeit, ein Spiel über eine Erweiterung zu "grünifizieren", wie das zum Beispiel bei Die Sims 4: Nachhaltig leben der Fall ist. Man kann Spiele aber auch so aufbauen, dass von Anfang an kooperatives oder ökologisches Verhalten belohnt wird, wie etwa bei Eco. Ziel des Spiels ist es, gemeinsam mit anderen Spielern eine Zivilisation aufzubauen, während man versuchen muss, sparsam mit Ressourcen umzugehen und in Einklang mit der Natur zu bleiben.

Würden Sie sagen, der Nachhaltigkeitstrend ist im Gaming vollends angekommen?

Vollends würde ich vielleicht nicht sagen, aber im Gaming-Bereich ist das Thema weiter fortgeschritten als zum Beispiel in Mainstream-Serien. Das rührt auch daher, dass man Gamern lange Zeit unpolitisches und antigesellschaftliches Verhalten unterstellt hat. Gaming wurde mit Eskapismus gleichgestellt, einer Flucht in die virtuelle Welt, um sich so der Verantwortung in der Realität zu entziehen. Jetzt erleben wir da eine neue Entwicklung. Spielentwickler und dadurch auch die Spielerinnen und Spieler holen sich ein bisschen Verantwortung zurück.

Sind Videospiele mehr als bloß Unterhaltung?

Auf jeden Fall. Videospiele sind ein Medium und ein Kulturgut mit großem Einfluss. Ich gehe sogar so weit: Unsere Zukunft wird wesentlich durch Computerspiele gestaltet, denn in ihnen steckt ein großes Potenzial, um sie zur Bewusstseinsveränderung oder Sensibilisierung einzusetzen.

Wie das?

Im Gaming hat man die Möglichkeit, utopische Zukunftsmodelle zu erproben, ohne gleich die Konsequenzen davon spüren zu müssen. Videospiele haben den großen Vorteil, dass ich mehrmals sterben kann. Wir können also Fehler machen und von vorne anfangen. Im Real Life sind die Fehler, die wir machen, irreversibel. Außerdem sind Videospiele in der Regel sehr intuitiv. Deshalb kann man komplexe Themen leicht in die Köpfe und vielleicht auch die Herzen der Menschen bringen. Verhaltensmuster, die aus Computerspielen gelernt sind, können dann auch in der Realität abgerufen werden.

Es geht bei nachhaltigen Spielen also auch darum, umweltbewusstes Verhalten zu üben?

Ja. Handlungen, die man in einer Simulation durchführt, gehen sehr tief in unser Unterbewusstsein über. Ich kenne das aus eigener Erfahrung: Wenn ich viel Assassin's Creed gespielt habe und danach durch die Stadt laufe, dann muss ich immer wieder kurz dem Impuls widerstehen, eine Fassade hochzuklettern. Bei ökologischen Spielen ist es dasselbe Prinzip. Wenn man nach dem Spielen im Real Life das nächste Mal beispielsweise an einer Mülltonne vorbeigeht, dann wird man Impulse haben, die man aus dem Spiel kennt.

Prof. Dominik Rinnhofer

Dominik Rinnhofer ist Professor für Game Design an der Hochschule Macromedia

(Foto: Hannah Cooke)

In der Realität hat die Gaming-Industrie zunächst mal vor allem einen ziemlich hohen Energie- und Ressourcenverbrauch.

Wir haben im Gaming-Bereich ein großes Ökologie-Problem: Ich sitze an einem Computer, der Strom verbraucht. Wenn Videospiele in Zukunft noch weiter zu Streamingservices ausgebaut werden, dann braucht es auch noch riesige Rechenzentren, die Unmengen an Strom verbrauchen werden.

Ist es nicht heuchlerisch, "grüne" Spiele zu entwickeln, aber offline Ressourcen zu verschwenden?

Es ist paradox. Aber in unserer Gesellschaft ist es auch ganz grundsätzlich so, dass es nicht nur die eine Wahrheit gibt. Ich glaube, jeder muss das mit seinem eigenen ethischen Wertesystem abgleichen: Ist es besser, zwei Stunden ein nachhaltiges Spiel zu spielen und dann morgen den Müll besser zu trennen, oder ist es besser, den Rechner auszulassen und den Strom gleich zu sparen?

Wie steht es denn um das Ethik-Verständnis in der Gamedeveloper-Szene?

In erster Linie ist es ein Business, es herrschen ökonomische Interessen.

Und in zweiter Linie?

Haben wir darin eine große Szene von Independent-Entwicklern, die Computerspiele als künstlerisches Medium verstehen und eine Geschichte erzählen wollen. In der Game-Industrie gibt es beides: Die Künstler, die ein Thema platzieren wollen, das sie gerade wichtig finden - und die Manager oder Firmen, die Geld verdienen wollen.

Ist Nachhaltigkeit also nur ein Trendthema in der Spieleindustrie?

Es ist ganz sicher ein Trendthema, aber deswegen nicht unbedingt schlecht. Ich bin froh, dass die Thematik endlich diese aktivistische Nische von ökologisch interessierten Menschen verlässt und in den Mainstream übergeht - eine sehr begrüßenswerte Tendenz. Nicht nur, was ökologische Themen angeht. In The Last Of Us steht im Zentrum zum Beispiel mal keine weiße, heterosexuelle Beziehung - die Protagonistinnen sind ein lesbisches Paar. Es mag im ersten Moment aufgesetzt wirken, aber langfristig ist es notwendig, dass wir im Medium Computerspiele die gesamte Diversität in der Bevölkerung wiederspiegeln. Man muss aber aufpassen, dass es am Schluss natürlich bleibt und nicht wirkt, als wäre man auf einen Trend aufgesprungen.

Geht der Trend in der Gamingbranche hin zur Auseinandersetzung mit Sexismus und Rassismus?

Diversität ist gerade das große Ding, vor allem auch in der Berichterstattung. Für die Vermarktung eines Spiels ist es deshalb von Vorteil, sich mit der Thematik zumindest auseinandergesetzt zu haben. Rein egoistisch gedacht bedeutet das für Spielentwickler: Es bringt Gewinn, wenn ich ein Spiel ethisch korrekt entwickle. Die Entwickler stehen diesen Themen inzwischen also grundsätzlich sehr offen gegenüber. Es ist ja auch ein Irrglaube, dass es eine männlich dominierte Gamingszene gäbe. Die Geschlechterverteilung bei Spielerinnen und Spielern ist eins zu eins. In der Produktion sieht das vielleicht noch anders aus, auch da gibt es das "Alte-weiße-Männer"-Problem. Aber das ändert sich gerade.

© SZ
Zeitvertreib mit Videospielen

SZ Plus
Virtuelles Lernen
:Zocken und lernen

In der Schule helfen Computerspiele längst, Wissen zu vermitteln. Auch zu Hause können sie als digitales Lehrmittel dienen.

Von Matthias Kreienbrink

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite