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Gamestop-Memes:Insider-Witze statt Insider-Trading

Gamestop-Filiale in Carle Place, New York

Der Gegenstand, an dem sich die Aufregung entzündet, ist völlig austauschbar: Gamestop-Filiale in Carle Place, New York, im vergangenen November.

(Foto: Shannon Stapleton/Reuters)

Die rechtschaffene Rache des kleinen Mannes an der Wall Street? Nicht wirklich. Warum alle Erklärungen des Gamestop-Coups zu kurz greifen.

Von Michael Moorstedt

Für einen kurzen Moment schien vergangene Woche in der politischen Landschaft in den USA die lang ersehnte Einigkeit erreicht zu sein. Da schrieb die progressive demokratische Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez auf Twitter einmal mehr über die Ungerechtigkeiten des Finanzsystems gegenüber dem kleinen Mann. Kurz darauf antwortete der erzreaktionäre Senator und Trump-Apologet Ted Cruz mit einem Tweet: volle Zustimmung.

Hintergrund der bislang singulären Übereinstimmung war ein aberwitziges Schauspiel, das seit Beginn der Woche die Finanz- und Netzwelt nachhaltig verstört. Stark verkürzt hat ein Verbund von Kleinanlegern durch den Kauf der Aktien abgewirtschafteter Unternehmen wie des Videospielhändlers Gamestop die Börsenwetten etablierter Hedgefonds platzen lassen.

Ausgangspunkt war unter anderem ein Subforum namens Wallstreetbets der Online-Community Reddit. Die Kurse erreichten nie gekannte Höhen, Milliardensummen an Buchwert wurde erst erzeugt und schnell darauf wieder vernichtet, und währenddessen feuerten Parade-Kapitalisten und verspielte Plutokraten wie Elon Musk oder Mark Cuban die Reddit-Anleger via Twitter weiter an.

Die Öffentlichkeit war freilich dankbar dafür, dass es nach Monaten, in denen nur Donald Trump und das Coronavirus die Nachrichten dominierten, nun endlich ein neues Thema gab, und so ging es - während die Kurse noch steile Parabeln beschrieben und Trading-Apps den Handel mit den fraglichen Papieren aussetzten - schon los mit der Deutung des Geschehens.

Eine neue Bewegung in der Tradition von Occupy Wall Street?

Die Blase der möglichen Erzählungen blähte sich ebenso schnell auf wie die an der Börse. Man habe es hier eindeutig mit der Rache des kleinen Mannes an der Wall Street zu tun, meinten die einen. Klassenkampf mit den Mitteln des Kapitalismus, frohlockten die nächsten. Ob da vielleicht sogar eine neue Bewegung in der Tradition von Occupy Wall Street im Entstehen sei, fragte vorsichtig die Zeit.

Tatsächlich gab es bei Wallstreetbets herzzerreißende Geschichten zu lesen: Von Menschen, die erzählen, wie ihnen die letzten Finanzkrisen die Lebensgrundlagen vernichtet hätten; oder von Menschen, die in Armut groß wurden und ohnehin nichts mehr zu verlieren haben.

"Like 4chan found a bloomberg terminal" lautet die Selbstbeschreibung des Reddit-Subforums. Das Zitat des inzwischen berüchtigten Online-Portals 4chan, in dem allerhand rassistische, sexistische und anderweitig menschenverachtende Inhalte geteilt werden, liefert einen ersten Hinweis, wer und was da auch gerade wirkt. Liest man sich dann durch die Beiträge auf Reddit und Discord, kann man leicht zu dem Schluss kommen, dass die Gamestop-Rally nur ein weiteres jener postmodernen Massenphänomene ist, die zu gleichen Teilen von Langeweile und Nihilismus angetrieben werden. Früher, während der Spaßgesellschaft, nannte man das Flashmobs, aber damals fehlte es noch an Aktivierungspotenzial.

Verschont wurde die Börse vom Online-Mob bislang vor allem, weil sie als langweilig galt

Entgegen einer immer noch weit verbreiteten Lehrmeinung gibt es längst schon keine klare Trennlinie mehr zwischen Online- und Offline-Leben. Hat eine Bewegung im Internet erst einmal genügend Momentum, sickert sie über kurz oder lang in die Realität ein. Der Ausgangspunkt der Aufregung erscheint dabei vollkommen austauschbar. Weil alles ohnehin nur ein Meme ist. Es geht um Selbstvergewisserung und Herdendenken, dabei ist es vollkommen einerlei, ob die Quelle ein gelungener Shitpost oder ein paar Tausend Dollar Börsengewinn ist.

Die QAnon-Bewegung funktioniert nach genau den gleichen Regeln. Der Mob, der das Kapitol stürmte, wird von der gleichen Maschine angetrieben. Ebenso wie die Hysterie über Kryptowährungen. Nun eben zur Abwechslung mal die Aktienmärkte. Popkulturelle Zitate vermischen sich mit Formeln der Wall Street zu einem Signifikanten-Sturm, Insider-Witze statt Insider-Trading. Die Codes beider Welten sind für den Unbeteiligten gleichermaßen schwer zu dechiffrieren.

Bisher verschont blieb das Geschehen an der Börse jedenfalls nicht deshalb, weil man sich nicht an sie herangetraut hätte, sondern weil es als zu langweilig wahrgenommen wurde. Deshalb greifen so gut wie alle Erklärungsversuche zu kurz. Nur weil jetzt alle anderen bei dem Wahnsinn mitmachen, bedeutet das noch lange nicht, dass von nun an mehr Gerechtigkeit herrscht oder gar eine Generalabrechnung mit dem Schweinesystem kurz bevorsteht. Es wird genügend Menschen geben, die zu spät auf den Meme-Zug aufgesprungen sind und deren Investitionen spätestens dann zerstäuben, wenn sich die Masse der Nutzer einem neuen Ziel zuwendet.

So ist die Gamestop-Episode nicht nur ein weiterer Beweis für die Stärke von Meme-Bewegungen, sondern vor allem auch für deren Irrationalität. Die Wirklichkeit ist für die Beteiligten längst nicht mehr nur seltsamer als die Fiktion, sie ist nur noch Fiktion.

© SZ/crab
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