bedeckt München

Gamestop-Aktien:"Wir sind jetzt im Endspiel"

Die Broker-App Robinhood spielte in den USA eine wichtige Rolle bei der Gamestop-Rallye.

(Foto: Olivier Douliery/AFP)

Das Kräftemessen zwischen Privatanlegern und Hedgefonds eskaliert. Broker-Apps verbieten zeitweise bestimmte Aktienkäufe. Das ruft auch die Bafin auf den Plan.

Von Jannis Brühl und Nils Wischmeyer

Am Donnerstagabend, als den meisten Beteiligten vermutlich schon schwindelig war, war dann erst einmal Schluss mit dem Gamestop-Goldrausch. Die Börsenmakler-App Trade Republic schrieb ihren Nutzern, dass man "wegen der mit den extremen Kursschwankungen verbundenen Risiken" den Kauf der Aktien von Gamestop, AMC Entertainment, Blackberry, Nokia, Express Inc. sowie Bed, Bath & Beyond stoppe. Anleger konnten die Aktien nun nur noch verkaufen, was Trade Republic damit begründete, seine Kunden schützen zu wollen. Doch viele dieser Kunden sind fuchsteufelswild.

Sie fühlten sich einseitig von einem Markt ausgeschlossen, den die Neobroker überhaupt erst befeuert haben. Apps wie Trade Republic oder die US-Programme Webull und Robinhood profitieren davon, wenn die Anleger viel handeln, locken mit günstigen Gebühren und werben mit der Demokratisierung des Aktienhandels.

Nun sind sie Zielscheiben der Anlegerwut geworden, nachdem sie den Handel mit den heißbegehrten Aktien zeitweise beschränkt haben. Im Google Play Store stürzten Trade Republic und Robinhood auf miese 1.1 von fünf Punkten ab. Es hagelte Kommentare wie: "Es kann nicht angehen, dass TR den Handel von bestimmten Aktien unterbindet und damit in den freien Markt eingreift! Absolutes NO GO!" In seinem US-Play-Store löschte Google einem Bericht der Fachwebseite 9to5mac.com zufolge 100 000 negative Bewertungen des Brokers Robinhood, die der Konzern wohl als konzertierte Aktion einstufte.

Die Nutzer sehen das Kaufverbot als übergriffig an, nicht als Schutz, und auch Verbraucherschützer Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg sagt: "Erst werden die Kunden gelockt, viel zu handeln, und dann wird einseitig beschlossen, dass das für bestimmte Aktien nicht mehr geht. Das hat nichts mit Verbraucherschutz zu tun."

Am Freitag hob Trade Republic die Einschränkungen wieder auf, entschuldigte sich, doch half all das wenig, um den wütenden Anlegermob zu beruhigen. Trade Republic antwortete auf eine SZ-Anfrage zunächst nicht.

Spektakuläre Lage an den Börsen

Dass es überhaupt so weit kam, ist der spektakulären Lage an den Börsen zu verdanken, die Aktien von Gamestop und den anderen Unternehmen immer weiter in die Höhe trieb. Privatanleger hatten herausgefunden, welche einzelnen Aktien Hedgefonds stark leerverkauft hatten. Bei einem Leerverkauf leiht sich Investor A eine Aktie von Investor B für eine bestimmte Zeit. In der verkauft er die Aktie für beispielsweise 100 Euro, kauft die gleiche Aktie vor Ende seiner Leihfrist aber zurück, im besten Fall für weniger als 100 Euro. Er wettet also auf einen Kursabsturz. Ist der Deal durch, kassiert er die Differenz zwischen Kauf- und Verkaufspreis, und der Verleiher eine kleine Gebühr.

Dem wollten die Privatanleger, die sich unter anderem auf der Online-Plattform Reddit organisierten, entgegenwirken und trieben den Preis immer höher, was dazu führte, dass einzelne Hedgefonds die Aktie für sehr hohe Preise zurückkaufen mussten - dieser "Short Squeeze" kostete sie Milliarden. Mit dem Kauf-Bann am Donnerstag bremsten die Broker die Privatanleger dann vorerst aus und schlugen sich damit auf die Hedgefonds-Seite.

Schwierig, findet Michael Zollweg das. Er war 20 Jahre lang Leiter der Handelsüberwachungsstelle (HÜSt) der Frankfurter Wertpapierbörse und der Eurex Deutschland. In dieser Zeit hat die Börse immer wieder einzelne Aktien vom Handel ausgesetzt, doch dass ein einzelner Broker bestimmte Aktien auf eigene Faust ausgeschlossen hat, hat er nie erlebt. "Ich halte das für extrem kritisch", sagt er. Das Argument, nur den Anleger schützen zu wollen, hält er für vorgeschoben. "Das klingt alles ganz nett, aber diese Ausnahme gibt es nicht. Die Broker müssen dafür sorgen, dass die Order der Anleger an die Börse kommt - alles andere ist nicht ihre Aufgabe." Er vermutet, dass die Systeme schlicht nicht hinterherkamen, was die Finanzaufsicht Bafin hellhörig machen dürfte. "Das könnte durchaus eine Sonderprüfung nach sich ziehen", sagt Zollweg.

Tatsächlich sind bei der Bafin "eine Vielzahl von Beschwerden" zu "technischen Störungen" bei Trade Republic eingegangen, wie die Aufseher auf SZ-Anfrage schreiben. Und weiter: "Wir haben Trade Republic mit Nachdruck darauf hingewiesen, die aufsichtsrechtlichen Anforderungen einzuhalten und Kunden sämtliche Dienstleistungen dem Aufsichtsrecht entsprechend und störungsfrei zur Verfügung zu stellen." Die US-amerikanische Börsenaufsicht SEC erklärte, die Einschränkungen der Käufe einzelner Aktien durch Broker zu prüfen.

Die App Robinhood brauchte Cash - sehr viel davon

Im Fall des Brokers Robinhood ging es nach Angaben des Unternehmens selbst ganz einfach um das verfügbare Geld. Nach der Kursrallye um Gamestop haben sich viele Anleger ihre Gewinne auszahlen lassen - und Robinhood brauchte Cash, um die Kunden bedienen zu können. Das Unternehmen musste sich kurzfristig eine Milliarde Dollar von seinen Investoren wie dem Risikokapitalfonds Sequoia Capital holen. Unternehmenschef Vlad Tenev sagte, er sei dazu gezwungen gewesen, um Auflagen der Finanzbehörden zu erfüllen. Man habe den Handel der Aktien nur aus Gründen des Risikomanagements eingeschränkt, nicht auf Druck der Wall Street hin. Auch Sequioa bezeichnete Gerüchte als "komplett falsch", man habe Druck auf Robinhood ausgeübt, damit die App die Aktienkäufe verbiete.

Fans haben die Broker mit ihrer harten Linie sicherlich keine gewonnen. Verbraucherschützer Nauhauser sagt, er habe am frühen Morgen so viele Beschwerden auf dem Tisch gehabt wie selten zu einem einzelnen Thema in so kurzer Zeit. Er rät Verbrauchern, Schäden zu dokumentieren und sich bei der Bafin zu beschweren.

In den USA haben sich im Streit um die Gamestop-Aktie zwei Lager gebildet: Zum einen Traditionalisten und Hedgefonds-Manager, die die Kurssprünge durch online organisierte Wetten zu einer Gefahr erklären. Zum anderen die überraschend erfolgreichen Privatanleger, auf deren Seite sich unter anderem Comedian Jon Stewart schlug. Die Trader kämen nun nur auf eine Party, die Wall-Street-Insider seit Langem feierten, twitterte er. Wenn überhaupt, könne man sie wegen Urheberrechtsverletzungen verklagen - schließlich hätten sie lediglich das Erfolgsmodell der Finanzbranche kopiert.

Jaime Rogozinski gründete auf der Webseite Reddit einst das Forum "r/wallstreetbets" , in dem sich die Trader hauptsächlich organisieren, um den Kurs der Gamestop-Aktie in die Höhe zu treiben. Heute hat er nichts mehr mit dem Forum zu tun, aber den Grundgedanken der Trader-Rebellion erklärt er zur Umverteilungskampagne auf Kosten der Superreichen, die Hedgefonds leiten oder in diese investieren: "Sie schaffen das, was Occupy Wall Street nie geschafft hat."

In seltener Einigkeit verurteilten auch linke Demokraten und rechte Republikaner den Bann der Aktien auf den Apps. "Die Leute an der Wall Street scheren sich nur um Regeln, wenn sie selbst Schaden nehmen. Amerikanische Arbeiter wissen seit Jahren, dass das System der Wall Street kaputt ist. Es wird Zeit, dass die Börsenaufsicht und der Kongress dafür sorgen, dass die Wirtschaft für alle funktioniert, nicht nur für die Wall Street." Maxine Waters, demokratische Abgeordnete im Repräsentantenhaus, kündigte eine Anhörung zum Fall Gamestop an.

Auf Reddit erreicht die Spannung unterdessen einen Höhepunkt: Ein Nutzer des Forums "r/wallstreetbets" schrieb am Freitag: "Wir sind jetzt im Endspiel."

© SZ
Zur SZ-Startseite
Gamestop-Filiale in New York

SZ PlusGamestop-Aktie
:Wie ein Haufen Kleinanleger Hedgefonds-Magnaten demütigt

Profi-Anleger wetteten auf den Absturz der Aktie von Gamestop, einem Videospiel-Händler. In einem Online-Forum sahen Kleinanleger die Sache anders. Nun steht die Börse Kopf.

Von Jannis Brühl und Harald Freiberger

Lesen Sie mehr zum Thema