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Gamescom:Die Games-Branche hat immer noch ein Problem mit Sexismus

  • Das Motto der diesjährigen Gamescom lautet "Vielfalt gewinnt".
  • Die Realität sieht anders aus: In vielen Online-Spielen werden Frauen beleidigt, Games mit weiblichen Figuren verkaufen sich schlecht.
  • Entwicklern wollen sich nicht eindeutig positionieren, weil sie fürchten, männliche Käufer abzuschrecken.

Ninja mag nicht mit Mädchen spielen. Ninja heißt eigentlich Tyler Blevins. Er ist der erfolgreichste Streamer der Internetplattform Twitch, die zu Amazon gehört. Zehntausende schauen zu, wenn er dort live Fortnite spielt und kommentiert. Ninja hat nun öffentlich erklärt, er spiele nicht mehr mit Frauen zusammen.

Kein Filmemacher, kein Theaterintendant, kein Verleger käme mit einer solchen Ansage durch. In der Computerspielszene, die sich gerade auf der weltgrößten Messe Gamescom in Köln trifft, geht das immer noch - obwohl inzwischen, wenn man Handyspiele dazuzählt, mehr als die Hälfte der Computerspieler Frauen sind.

Ninja begründet die Entscheidung damit, er wolle sich und seine Familie schützen. Immer wenn er mit Frauen gespielt habe, seien ihm Affären angedichtet worden. Die Onlinegemeinschaft kann gnadenlos sein, Twitter, Facebook, Twitch und die Chatfunktionen, über die die meisten Spiele verfügen, erlauben ein Dauerbombardement mit Drohungen und Beleidigungen. Dass man sich dem nicht aussetzen möchte, ist begreiflich. Doch mit seiner Absage an das gemeinsame Spielen fördert er Vorurteile, die in vielen Chatrooms zum Alltag gehören.

Manche Spielerinnen geben sich deshalb Onlinenamen, die sie nicht als Frauen identifizierbar machen. Sie benutzen keinen Voice-Chat, damit niemand ihre Stimme hört. Oder sie machen es wie Nina Kiel und meiden Spiele gleich ganz, in denen man andere Spieler treffen kann. Kiel arbeitet als Journalistin, Wissenschaftlerin und Spieleentwicklerin.

Auf der Gamescom trifft man sie nicht an den Ständen der großen Publisher, sondern bei den kleinen, unabhängigen Entwicklern. Die Multiplayer-Spiele, erklärt sie, sind nur eines der Probleme: "Ich erlebe Sexismus in der Spieleszene und bei Messen. Man traut mir weniger zu als meinen männlichen Kollegen. Die Standbetreuer wollen mir oft über die Schulter schauen. Das ist natürlich keine Beschimpfung, aber das ist positiver Sexismus."

Das Sexismusproblem wird auf der Gamescom oft kleingeredet

Beschimpft wurde Kiel allerdings auch schon, und es gab Hackerangriffe auf ihre Website. Kiel schreibt über Geschlechterverhältnisse und Sex in Spielen. Für manche Gamer ist das Anlass genug, sich danebenzubenehmen. Vor ein paar Jahren veröffentlichte die amerikanische Bloggerin Anita Sarkeesian eine Reihe kluger Videos, in denen sie auf Stereotype in Spielen hinwies. Es folgten Einladungen zu Vorträgen an Universitäten, aber auch eine beispiellose Hasskampagne, Mord- und Vergewaltigungsdrohungen. Bis heute gelten diese Gamergate genannten Pöbler als der radikale, reaktionäre und sexistische Arm der Gamerszene.

Auch manche Entwickler wie der Tscheche Daniel Vávra haben Sympathien für die Bewegung ausgedrückt. Felix Falk, Geschäftsführer von Game, dem Verband der deutschen Games-Branche, verkündete dagegen bei der Messeeröffnung in Köln, in Computerspielen "spielen alle friedlich gemeinsam und bilden eine großartige Gemeinschaft". Das Mobbing- und Sexismusproblem an den Bildschirmen wird oft kleingeredet oder ignoriert. Es gibt keine grundsätzliche Ablehnung von Frauen, aber einen zähen strukturellen Sexismus.

Battlefield mit einer Frau als Protagonistin? Vielen Spielern gefällt das nicht

Eines der beliebtesten Spiele auf der Gamescom ist beispielsweise Battlefield 5, ein Ballerspiel im Zweiten Weltkrieg, das anmutet wie eine spielbare Version von Ernst Jüngers "Stahlgewittern". Auf der Messe dürfen sich Dutzende Besucher in einem wunderschönen, virtuell nachgebauten Rotterdam gegenseitig erschießen. Der Zweite Weltkrieg ist in den meisten Computerspielen ein harmloser Abenteuerspielplatz, besonders beliebt bei jungen Männern. In der langen Schlange vor dem Stand kommt auf 20 Männer eine Frau.

Gegen das Spiel rührte sich sofort Widerstand aus der Szene, denn im ersten Trailer stand eine Soldatin im Vordergrund. "Es gibt inzwischen mehr weibliche Figuren, auch in den großen Franchises", berichtet Nina Kiel. "Es gibt aber auch eine lautstarke Minderheit, die sich gegen solche Darstellungen grundsätzlich wehrt." Trotz des großen Interesses auf der Kölner Messe scheinen doch viele Spieler etwas gegen ein "Battlefield" aus weiblicher Perspektive zu haben. Das Spiel erscheint im Oktober, der Vorverkauf soll schlecht laufen.

Nina Kiel vermutet, dass die Frauenfeindlichkeit ihren Ursprung in der Industrie hat: "Seit den Achtzigerjahren wurden Spiele für Jungen und junge Männer vertrieben und Frauen ausgegrenzt. Das ging so weit, dass Frauen in entsprechenden Werbeanzeigen sogar Störfaktoren waren." Als nervige Schwester, als Mutter oder Freundin, die das Zocken verbieten will. Das erfolgreichste Spielgerät des Entwicklers Nintendo war lange der Gameboy.

Ungefähr seit dieser Zeit beschäftigt sich die Spielejournalistin Petra Fröhlich mit Computerspielen. 1992 begann sie bei der Fachzeitschrift PC Games und war anfangs die einzige Frau in der Redaktion. Heute leitet sie die Branchenwebsite Games-Wirtschaft. In der Szene sei der Ton "recht robust und manchmal rustikal", sagt sie, aber auch "kollegial, fast familiär" gewesen. Sie habe nie Probleme gehabt, bemerke aber, dass sich der Ton verschärft hat. "Einen Wandel gab es mit dem Aufkommen der sozialen Medien und der Chatfunktionen in Spielen wie zum Beispiel 'World of Warcraft'. Seitdem hat sich der Umgang negativ entwickelt."

"Für die Spielehersteller ist es schwierig, Position zu beziehen"

Das ist nicht nur ein Problem für viele Frauen, die sich in solche Spiele nur unter dem Schutz der Anonymität wagen. "Ein oder zwei Stalker reichen, um diese toxische Stimmung ins Spiel zu bringen. Die Community-Manager sind damit heillos überfordert. Dabei legen die großen Unternehmen Wert auf Gleichberechtigung, intern wie nach außen." Das Motto der diesjährigen Gamescom ist "Vielfalt gewinnt". Irgendjemand scheint die Situation doch ganz richtig eingeschätzt zu haben.

Das lässt sich beobachten am Stand von Blizzard, dem Entwickler von "World of Warcraft", einem der erfolgreichsten Onlinespiele überhaupt. Männer, Frauen und alle möglichen Fantasiegestalten sind in den Spielen gleich vertreten, genauso wie alle Geschlechter und Hautfarben bei den Mitarbeitern an den Ständen. Die Beleidigungen und Anfeindungen aber bekommt auch Blizzard nicht in den Griff. Die Entwickler stoßen auf dieselben Probleme wie Facebook und Twitter. Sie finden keine klare Linie im Umgang mit dem Hass.

"Für die Spielehersteller ist es schwierig, Position zu beziehen", erklärt Fröhlich. "Denn die Pöbler sind Kunden, vor denen man aber den Rest der Community schützen muss. Gleichzeitig sind sie aber oft die Multiplikatoren, die auf vielen Kanälen Stimmung machen." Und dann gibt es auch noch einflussreiche Streamer wie Ninja, die nicht selbst hetzen, aber einem Millionenpublikum vorleben, dass Frauen nicht mit ihnen spielen sollten. Diversität und Gemeinschaft sieht anders aus.

© SZ vom 24.08.2018/sih

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