Gamescom Die Games-Branche hat immer noch ein Problem mit Sexismus

  • Das Motto der diesjährigen Gamescom lautet "Vielfalt gewinnt".
  • Die Realität sieht anders aus: In vielen Online-Spielen werden Frauen beleidigt, Games mit weiblichen Figuren verkaufen sich schlecht.
  • Entwicklern wollen sich nicht eindeutig positionieren, weil sie fürchten, männliche Käufer abzuschrecken.
Von Nicolas Freund

Ninja mag nicht mit Mädchen spielen. Ninja heißt eigentlich Tyler Blevins. Er ist der erfolgreichste Streamer der Internetplattform Twitch, die zu Amazon gehört. Zehntausende schauen zu, wenn er dort live Fortnite spielt und kommentiert. Ninja hat nun öffentlich erklärt, er spiele nicht mehr mit Frauen zusammen.

Kein Filmemacher, kein Theaterintendant, kein Verleger käme mit einer solchen Ansage durch. In der Computerspielszene, die sich gerade auf der weltgrößten Messe Gamescom in Köln trifft, geht das immer noch - obwohl inzwischen, wenn man Handyspiele dazuzählt, mehr als die Hälfte der Computerspieler Frauen sind.

Ninja begründet die Entscheidung damit, er wolle sich und seine Familie schützen. Immer wenn er mit Frauen gespielt habe, seien ihm Affären angedichtet worden. Die Onlinegemeinschaft kann gnadenlos sein, Twitter, Facebook, Twitch und die Chatfunktionen, über die die meisten Spiele verfügen, erlauben ein Dauerbombardement mit Drohungen und Beleidigungen. Dass man sich dem nicht aussetzen möchte, ist begreiflich. Doch mit seiner Absage an das gemeinsame Spielen fördert er Vorurteile, die in vielen Chatrooms zum Alltag gehören.

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Manche Spielerinnen geben sich deshalb Onlinenamen, die sie nicht als Frauen identifizierbar machen. Sie benutzen keinen Voice-Chat, damit niemand ihre Stimme hört. Oder sie machen es wie Nina Kiel und meiden Spiele gleich ganz, in denen man andere Spieler treffen kann. Kiel arbeitet als Journalistin, Wissenschaftlerin und Spieleentwicklerin.

Auf der Gamescom trifft man sie nicht an den Ständen der großen Publisher, sondern bei den kleinen, unabhängigen Entwicklern. Die Multiplayer-Spiele, erklärt sie, sind nur eines der Probleme: "Ich erlebe Sexismus in der Spieleszene und bei Messen. Man traut mir weniger zu als meinen männlichen Kollegen. Die Standbetreuer wollen mir oft über die Schulter schauen. Das ist natürlich keine Beschimpfung, aber das ist positiver Sexismus."

Das Sexismusproblem wird auf der Gamescom oft kleingeredet

Beschimpft wurde Kiel allerdings auch schon, und es gab Hackerangriffe auf ihre Website. Kiel schreibt über Geschlechterverhältnisse und Sex in Spielen. Für manche Gamer ist das Anlass genug, sich danebenzubenehmen. Vor ein paar Jahren veröffentlichte die amerikanische Bloggerin Anita Sarkeesian eine Reihe kluger Videos, in denen sie auf Stereotype in Spielen hinwies. Es folgten Einladungen zu Vorträgen an Universitäten, aber auch eine beispiellose Hasskampagne, Mord- und Vergewaltigungsdrohungen. Bis heute gelten diese Gamergate genannten Pöbler als der radikale, reaktionäre und sexistische Arm der Gamerszene.

Auch manche Entwickler wie der Tscheche Daniel Vávra haben Sympathien für die Bewegung ausgedrückt. Felix Falk, Geschäftsführer von Game, dem Verband der deutschen Games-Branche, verkündete dagegen bei der Messeeröffnung in Köln, in Computerspielen "spielen alle friedlich gemeinsam und bilden eine großartige Gemeinschaft". Das Mobbing- und Sexismusproblem an den Bildschirmen wird oft kleingeredet oder ignoriert. Es gibt keine grundsätzliche Ablehnung von Frauen, aber einen zähen strukturellen Sexismus.