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Fuji x100 im Test: Mit der Lizenz zum Klassiker

Die x100 von Fuji bringt Eigenschaften der Leica- Sucherkameras in ein Digitalgerät. SZ-Fotochef Jörg Buschmann ließ sich davon überzeugen.

Jörg Buschmann

Beim ersten Kontakt mit einer neuen Kamera entscheiden Sekunden. Wie fühlt sie sich an, wie liegt sie in der Hand? Sind alle Schalter da, wo man sie braucht? Und die Oberflächen - billiges Plastik oder wertiges Metall? Wenn es danach geht, ist die neue Fuji x100 wohl eine der schärfsten Kameras, die man zur Zeit für gerade noch überschaubares Geld kaufen kann - sie kostet 999 Euro.

Fuji x100

Fuji x100: Digital ist besser.

(Foto: Fuji)

Zu Beginn der zehntägigen Fotoferien mit dieser Sucherkamera hat man es noch mit Stolz erklärt: Nein, das ist keine alte Leica, und: ja, es gibt einen Sucher. Denn die Kamera verbindet geschickt traditionelle mechanische Werte mit dem digitalen Fortschritt. Früher, in der analogen Zeit, gab es neben den Spiegelreflexkameras viele verschiedene Aufnahmesysteme, Kleinbildkameras mit Festbrennweiten und Suchern. Von preiswert und gut bis hin zur richtig guten Leica. Und im Mittelformat gab es bis in die neunziger Jahre hinein Kameras unterschiedlichster Bauformen wie etwa die zweiäugige Rollei.

Alle diese Kameras hatten ihre Beschränkungen und bedienten Nischen. So individuell die Kameras waren, so individuell waren ihre Nutzer. Und so einzigartig die Fotos. Denn irgendwie beeinflussen die schwarzen Kästen den Fotografen und seine Art, die Welt zu sehen. Manche Kombinationen aus Mensch und Maschine passen einfach.

Diese Vielfalt ist mit dem Siegeszug der Digitalfotografie großer Langeweile gewichen. Neben den perfekten digitalen Spiegelreflexkameras gibt es eine unübersehbare Zahl an immer gleichen Kompaktkameras mit halbjährigem Verfallsdatum. Kameras fürs individuelle Knipsen? Nun ja. Dass aber ausgerechnet Fuji eine Kamera präsentiert, die genau in diese Lücke stößt und - es sei gleich vorweg verraten - das Zeug zum Klassiker hat, war auf der letzten Photokina die größte Überraschung. Und ihre Gestalter machen aus ihrem Vorbild keinen Hehl. Es gibt einen Blendenring am Objektiv und ein Zeitenrad auf dem mit einer Art Belederung versehenen Gehäuse aus Metall. Und einen Sucher gibt es auch. Selbst die Gravuren sind im Stile hochwertiger Feinmechanik gehalten.

Das kann man dann wohl eine Hommage nennen. Vor allem ist es aber praktisch für die tägliche Benutzung. So sind Fujis Entwickler sehr stolz auf den Sucher. Tatsächlich ist er das Überzeugendste, was die Kameraindustrie in den letzten Jahren auf diesem Feld zu bieten hatte. Obwohl die x100 eine Messsucherkamera ist, der Sucher also nicht durchs Objektiv guckt, lassen sich wichtige Angaben - etwa Zeit, Blende, Histogramm - einspiegeln. Auch lässt sich zwischen optischem und elektronischem Sucher umschalten. Was man aber bald lässt - nichts macht so viel Spaß, wie ein Foto durch einen großen und kristallklaren optischen Sucher zu komponieren. Das funktioniert selbst mit Brille sehr gut. Da die x100 keinen Klappspiegel hat, wird der Sucher nie dunkel, wenn man auslöst. Stattdessen zeigt er kurz das digitale Bild; man muss also zur Bildkontrolle nicht zwischen Sucher und Bildschirm hin- und herwechseln.

Leise, flink und unaufdringlich elegant

Kompaktkameras haben in der Regel einen sehr kleinen Aufnahmesensor, was zu verstärktem Bildrauschen in schwachem Licht führt. Vor allem aber beraubt es den Fotografen um eines seiner wichtigsten Gestaltungsmittel: dem Spiel mit Schärfe und Unschärfe. Je kleiner der Chip, umso größer ist der scharfe Bereich eines Fotos. In Kombination mit einem Weitwinkel wird dann das gesamte Foto, Vorder- und Hintergrund, scharf. Optimal ist das nicht. Ist der Sensor größer, lässt sich die Schärfe dagegen gezielt auf den Vordergrund legen. Der Hintergrund verschwimmt im Unscharfen. Die Fuji benutzt solch einen größeren Sensor. Und weil das Objektiv recht lichtstark ist, lässt sich ein Graufilter simulieren, der Licht wegnimmt. So kann man den Unschärfe-Effekt, der mit offener Blende am größten ist, auch in der Sonne einsetzen.

Es gibt nur eine Festbrennweite, die dem klassischen 35-Millimeter-Weitwinkel für Kleinbildkameras entspricht. Kein Zoom, kein Wechselobjektiv. Dafür mit einer Anfangsblende von 2.0 recht lichtstark. Mit ihm lässt sich die Welt sehr natürlich, eher dokumentarisch korrekt einfangen. Der Weitwinkel-Effekt ist da, steht aber nicht im Vordergrund. Sehr nahe Porträts sind eher nicht die Stärke der Kamera. Der Mensch in seinem Umfeld gelingt viel besser.

Nach wenigen Tagen kann man den Verzicht auf Gummilinse oder eine Tasche voller Objektive sogar als Befreiung erleben. Kein Hin- und Herzoomen, kein Auf- und Abschrauben. Einfach nur gucken und mit dem gegebenen Rahmen klarkommen. Einige Schritte nach vorn oder hinten - fertig ist das Foto. Das nimmt Entscheidungen ab und lehrt sehen. Ein Fotograf, eine Kamera, ein Objektiv.

Fotokameras waren in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts feinmechanische Wunderwerke, das Bedienkonzept hatte sich in Jahrzehnten bewährt. Die Materialqualität hatte ihren Höhepunkt erreicht. Klar: Digital ist besser. Aber moderne Kompaktkameras? Designer-Schnickschnack der sich so schlecht anfassen lässt wie ein Stück Seife, überfrachtete Menüs, winzige Tasten und Bildschirme, auf denen bei gutem Wetter nichts zu erkennen ist. Sucher und Materialqualität der Fuji x100 dagegen machen sie einzigartig. Es bereitet Freude, die Kamera anzufassen und mitzunehmen. Sie ist leise, flink und unaufdringlich elegant. Das Bedienkonzept über Zeitenrad, Blendenring und optischem Sucher ist so überzeugend, dass man sich eher noch weniger Tipptasten und Einstellmöglichkeiten und eine noch aufgeräumtere Rückseite an dieser ohnehin schon aufgeräumten Kamera wünschen würde.

© (SZ vom18.4.2011)

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