Freiheit im Internet Universelles Protokoll

Datenverlust

Abgebissen und angebrannt

So stehen sich Bürger und Mini-Celebrity, die traditionelle Idee der Privatheit und ein medientechnisch gepflegter Exhibitionismus gegenüber. Reputation ist für die Internetgemeinde ein Feedback-Profil. Der Datenschützer dagegen erscheint als hilfloser Repräsentant bürgerlicher Privatheit, der gegen die politische Erwartung absoluter Transparenz, die wirtschaftliche Suggestion eines maßgeschneiderten Service und die technische Wirklichkeit von Überwachung und Vernetzung auf verlorenem Posten steht.

Der schwerste Angriff auf die Privatsphäre geht dabei übrigens nicht von Regierungen und Unternehmen aus, sondern von den sozialen Netzwerken. Alles, was man tut, kann heute aufgezeichnet und gesendet werden. Die sogenannten Bürgerjournalisten und ihre Handykameras lassen nichts mehr unprotokolliert. Die Paparazzi werden zum massendemokratischen Phänomen. Da ist es nur lebensklug, dass die wirklich Prominenten ihre Privatsphäre nicht mehr geheim zu halten versuchen, sondern persönlich kontrollieren wollen - man denke nur an Steffi Grafs Babybilder oder Wowereits Coming-out.

Wir haben es hier aber nicht mit einem Kultur-, sondern einem Strukturproblem zu tun. Unter Internetbedingungen bringt nämlich jedes Geschäft einen Verlust von Privatheit: Man muss sich "ausweisen". Mit Identitäts-Software kann man das zwar kontrollieren, aber das bedeutet eben, dass nur Kontrolle vor Kontrolle, nur Software gegen Software schützt. Programmieren heißt steuern durch Kontrolle. Und Computersysteme sind Kontrolltechnologien, die aus der Distanz durch Information steuern. Information ist der Zugang zur Welt, und das Web 2.0 ist der Zugang zur Information. Aus Bürokratie wird Software. Sie kontrolliert unser Verhalten, indem sie Zugang und Einfluss steuert. In jeder Software stecken nämlich Werturteile, die den Alltag strukturieren.

Programmierer und Prorgrammierte

Der Medienphilosoph Vilèm Flusser hat einmal gesagt, die Welt zerfalle in Programmierer und Programmierte. Das ist eine durchaus sinnvolle Übertreibung. Aber nicht nur die Programmierer sind die großen Einzelnen, die in der scheinbar so massendemokratischen Welt des Web 2.0 den Unterschied machen. Es gibt auch noch die "Superconnectors", die die digitale Welt zusammenhalten. Gemeint sind die Meister der schwachen Bindungen in den sozialen Netzwerken, also Aktivisten, Freiwillige, Fans, Liebhaber, Amateure. Und es entspricht der Logik der Netzwerke, dass hier einige wenige den Unterschied machen. Diese Aktivisten machen den Begriff einer durchschnittlichen Beteiligung nämlich sinnlos. Statistisch gesprochen: Der Median der Internet-Nutzung liegt weit unter dem Durchschnitt. Es gibt also keinen repräsentativen Internet-Nutzer.

Doch die wenigen, die zum Beispiel an Wikipedia und YouTube aktiv teilnehmen, sind in absoluten Zahlen sehr viele. Ein Promille ist sehr viel im Cyberspace. Und weil sehr wenige im Internet sehr viele sein können, entsteht der Schein der massendemokratischen Kollaboration. Doch nicht die Massen beherrschen das Internet, sondern die Aktivisten. Das muss man im Auge behalten, wenn man verstehen will, wie sich heute das bürgerliche "Publikum" zersetzt. Früher war die Veröffentlichung das Nadelöhr für den Autor, heute ist es die Aufmerksamkeit. Das Motto des Web 2.0 lautet: erst publizieren, dann filtern. Deshalb werden die Gatekeeper, die eine Auswahl vor der Publikation treffen, zunehmend durch Navigatoren ersetzt, die eine Auswahl nach der Publikation ermöglichen. Diese rigorose Ausschaltung vermittelnder Zwischeninstanzen führt ganz zwingend zur Herrschaft der Suchmaschinen. Und dieser Plural ist fast schon ein Euphemismus. Google kontrolliert den Flow.