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Flüchtlinge:"Dieses Selfie darf mein Leben nicht zerstören"

Merkel Visits Migrants' Shelter And School

Anas Modamani und die Bundeskanzlerin: Ein Bild, das im Internet ein Eigenleben führt.

(Foto: Getty Images)

Für den 19-jährigen Syrer Anas Modamani wurde das Bild mit Bundeskanzlerin Merkel ein Albtraum: Es wird für Hetze auf Facebook missbraucht. Nun geht er vor Gericht.

Interview von Dunja Ramadan

Im September 2015 machte Anas Modamani ein Foto von sich und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ein Fotograf hielt die Szene fest - seitdem führt das Bild im Internet ein Eigenleben. Anfang 2016 wurde der Syrer auf Facebook beschuldigt, an den Brüssel-Attentaten beteiligt gewesen zu sein. Im Dezember 2016 soll er einer der Syrer gewesen sein, die einen Obdachlosen in Berlin anzünden wollten. Nun will Anas Moadamani gemeinsam mit seinem Anwalt, dem Würzburger Fachanwalt für IT-Recht, Chan-Jo Jun, gegen Facebook vorgehen.

In der Verhandlung am 6. Februar vor dem Landgericht Würzburg geht es um den möglichen Erlass einer einstweiligen Verfügung gegen den Konzern. Für Facebook verstoßen die Falschmeldungen über Anas Modamani hingegen nicht gegen die "Community-Standards".

SZ: Herr Anas Modamani, wie kam es zu dem Selfie mit Angela Merkel?

Modamani: Ich war im Flüchtlingsheim in Spandau und wusste gar nicht, dass Merkel an dem Tag kommen wird. Ich bin aufgestanden, sie kam mir entgegen und da dachte ich: "Hey, die Chance nutze ich mal für ein Selfie."

Bereuen Sie es?

Um ehrlich zu sein, ja. Das Bild hat mir so viele Probleme gemacht. Auch meine Familie in Syrien hat seitdem große Angst um mich, vor allem meine Mutter.

Wann wurde das Bild zum ersten Mal missbraucht?

Als es zu dem Anschlag auf den Brüssler Flughafen kam. Auf der Facebookseite "Anonymous" tauchte das Selfie von mir und Angela Merkel neben dem Bild eines Terroristen auf. Sie behaupteten, das wäre ich. Dazu schreiben sie: "Dumm, dümmer, Angela: Hat Merkel ein Selfie mit einem der Brüssel-Terroristen gemacht?"

Was war Ihr erster Gedanke, als Sie das sahen?

Ich hatte Angst, dass das meine Zukunft in Deutschland zerstört. Wenn ich mich bewerbe, googelt man mich und dann trifft man auf Schlagworte wie Terror und Brüssel. Ich wusste aber auch, dass diese Fake News nicht nur gegen mich, sondern auch gegen Angela Merkel und ihre Flüchtlingspolitik gerichtet war.

Haben Sie versucht mit den Administratoren der besagten Facebook-Seite Kontakt aufzunehmen?

Ja, aber das hat nichts gebracht. Ich habe zahlreiche Versuche gestartet, aber es kam keine Reaktion.

Gehen Sie deshalb nun gerichtlich gegen Facebook vor?

Ja, am 6. Februar ist die Anhörung vor dem Landgericht Würzburg. Ich will das Facebook gegen diese Falschmeldungen über mich vorgeht. Immerhin geht es hier um meine Zukunft. Ich möchte in Deutschland Informatik studieren, etwas erreichen. Dieses Selfie darf mein Leben nicht zerstören.

Wurden Sie auf der Straße mal erkannt?

Ich war mal auf dem Weg zur S-Bahn, als mich zwei Männer ansprachen. Sie hatten mich wiedererkannt und stellten mich zur Rede. Aber ich konnte ihnen klarmachen, dass ich kein Terrorist bin. Sie glaubten mir. Im Netz geht es schlimmer zu, ich bekomme etliche Hassmails und Hasskommentare. Die meisten sagen, ich soll zurück in mein Land.

Sind Sie immer noch ein Fan von Angela Merkel?

Ich finde, sie ist eine gute Politikerin. Aber gleichzeitig sehe ich ihre Überforderung in der Flüchtlingsfrage. Ich war damals im Lageso und musste mich um fünf Uhr morgens anstellen, um überhaupt dranzukommen. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie Security-Männer uns Flüchtlingen sagten, wir sollen 30 Euro zahlen, dann kommen wir weiter. Ich dachte, Schmiergeld gibt es hier nicht.

Hoffen Sie trotzdem, dass Merkel die nächste Bundestagswahl gewinnt?

Wenn es so bleibt, dann nicht. Ich kenne Hunderte Syrer in Berlin, deren Leben komplett stillsteht. Sie können keine Schulen besuchen, die Sprache nicht lernen, finden keine Wohnungen. Ich habe eine dreijährige Aufenthaltserlaubnis bekommen. Was danach passiert, weiß ich nicht. Ich würde gerne hier studieren und mir etwas aufbauen. Aber wenn sie mich dann zurückschicken in ein Land, das vom Krieg zerstört ist, dann weiß ich nicht, wie es weitergehen soll. Vor allem die Wohnungssuche macht uns Flüchtlingen zu schaffen. Deutsche Vermieter suchen meistens deutsche Mieter, die nicht weniger als 3500 Euro brutto verdienen.

Hat die ganze Aufmerksamkeit denn auch was Positives bewirkt?

Immerhin habe ich durch die ganze Geschichte endlich eine Wohnung in Berlin gefunden. Ich wohne nun bei einer deutschen Familie, die dadurch auf mich aufmerksam wurde.

© SZ.de/ghe/lalse
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