Digitale Selbstoptimierung Wenn Fitnessstudios anfangen zu denken

Fitness-Messe Fibo Die Fitness Trainerin Fernanda Brandao wirbt am 01.04.2015 in Köln (Nordrhein-Westfalen) mit Übungen für die. Fitness-Messe Fibo. Traings-Apps, die die eigene sportliche Leistung messen, sind für Fitnessbegeisterte ein zentrales Thema bei der Fitness-Messe Fibo in Köln (09. bis 12.4.2015). Foto: Oliver Berg/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

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Erfassung, Kontrolle, Optimierung - dazu waren die wandhohen Spiegel im Sportstudio schon immer da. Jetzt lechzt die Szene nach Gesundheits-Apps, Fitness-Trackern und "Smart Gyms". Ein Besuch auf der Fitnessmesse Fibo.

Von Jannis Brühl, Köln

Berny Huber, der aussieht, als könnte er einen Kleinwagen zerquetschen, träumt von sprechender Unterwäsche. Das intelligente Shirt vom Messestand um die Ecke, das müsste man mit seinem funkgesteuerten Overall kreuzen, der Strom in die Muskeln seines Trägers leitet. Dann hätte man die Zukunft der Fitnessbranche, sagt er enthusiastisch: Kleidung, die in beide Richtungen kommuniziert.

Sensoren könnten Daten über den Puls und andere Kennzahlen an Computer senden. Zugleich könnte die Wäsche Signale empfangen, um Muskeln durch Elektroimpulse beim Zusammenziehen zu helfen. "Was nutzt es, wenn man nur misst, dass der Bauch zu dick ist? Man muss ihn ja auch wegbekommen", sagt Huber mit seinem Schweizer Akzent. Er steht am Stand der Firma Wav-e auf der Fitnessmesse Fibo in Köln. Überzeugt, dass das Geld in seiner Branche nicht mehr nur mit Schweiß und Eisen, sondern auch mit Digitaltechnik verdient werden wird. Neben ihm strecken junge Frauen in den elektrischen Overalls, die wie Surfanzüge aussehen, Arme und Beine in die Luft. Per Funk überträgt ein Computer Befehle an ihre Anzüge, welche Muskeln mit Strom angeregt werden sollen.

"Dann bleib halt fett"

725 Aussteller präsentieren auf der Fibo ihre Produkte. Wer als Besucher zur Messe kommt, präsentiert seinen Körper. Muskelbepackte Männer in Unterhemden und Jogginghosen testen, wer einer Kampfsport-Gummipuppe härter gegen den Kopf treten kann. Eine Frau trägt ein bauchfreies Oberteil, auf dem steht: "Dann bleib halt fett". Irgendwo läuft immer Kirmestechno.

Doch zwischen den offensichtlichen Eitelkeiten, den Trampolin-Workouts und Gewichten, ist die unsichtbare Revolution des Digitalen in der Welt der Fitnessverrückten angekommen. Und sie hat hier vielleicht die Szene gefunden, die am sehnlichsten auf sie gewartet hat. Erfassung, Kontrolle, Optimierung - dazu waren die wandhohen Spiegel im Fitnessstudio schon immer da. Jetzt haben die Sportler Zugriff auf das Internet der Dinge. Die digitale Vernetzung von Sensoren verschafft ihnen Abertausende von Spiegeln. Und die geben pausenlos Rückmeldung über Körperhaltung und Leistung.

Fleisch soll wachsen, Fett verschwinden

Digitales war vielen hier bis vor wenigen Jahren eher fremd, ganz analog ging es darum, Fleisch zum Wachsen, Fett zum Verschwinden zu bringen. Geändert haben das die tragbaren Wächter über Puls, gelaufene Schritte und Kilometer. In ihrem neuen Branchenbericht erwähnen der Deutsche Industrieverband für Fitness und Gesundheit (DIFG) und die Ratingagentur Creditreform stolz, auf der vergangenen Computerspielemesse E3, "wo sonst die neuesten Videospiele und Smart-TVs präsentiert werden", seien unter großem Interesse Fitness-Gadgets gezeigt worden.

Laut Bitkom, dem Verband der IT-Wirtschaft, hatten 2014 schon 13 Prozent der Deutschen ein Tracking-Gerät (PDF). Von denen sind eine Menge auf der Kölner Messe. Manche tragen gleich zwei. So wie Marko Nickel: An seinem linken Handgelenk prangt eine Digitaluhr, die Schritte und Körpersignale misst, am rechten ein biegsames Stäbchen, das Daten sammelt. Er vertreibt einen Kopfhörer für Sportler, der Licht ins Ohr schießt, um den Puls zu messen. "Der Markt wird sich in den nächsten Jahren verfünffachen. Auch dank der Apple Watch", sagt er und grinst zufrieden wie einer, der weiß, dass er sich die richtige Branche ausgesucht hat. Die Analysefirma IHS ist etwas weniger optimistisch, geht aber davon aus, dass allein der Markt der Fitness-Tracker von 2013 bis 2019 um fast die Hälfte wächst.

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