Fake News Facebook hilft Nutzern, Lügen zu erkennen

Facebook will nicht selbst entscheiden, was Wahrheit und was Lüge ist.

(Foto: dpa)
  • Von Freitag an erhalten Hunderte Millionen Facebook-Nutzer Tipps, wie sie Falschmeldungen erkennen können.
  • Facebook glaubt, dass Medienkompetenz ein wichtiger Baustein im Kampf gegen sogenannte Fake News ist.
  • Die Maßnahmen zeigen, dass Facebook allmählich Verantwortung für die Inhalte übernimmt, die Nutzer teilen.
  • Das Unternehmen will aber nicht selbst entscheiden, wo die Grenze zwischen Lüge und Wahrheit verläuft.
Von Simon Hurtz

Ein paar hundert Millionen Menschen erhalten in den nächsten Tagen kostenlose Nachhilfe von Facebook. Von Freitag an sehen Nutzer in Deutschland und dreizehn anderen Ländern einen großen Hinweis über ihrem Newsfeed, wenn sie die App oder die Webseite öffnen. Wer darauf klickt, bekommt zehn Tipps, um Falschmeldungen zu identifizieren und zu überprüfen, wie verlässlich eine Quelle ist. Der Hinweis taucht bis zu dreimal auf und soll im Laufe der nächsten Tage für möglichst viele Menschen freigeschaltet werden. Facebook gibt also einen internationalen Crashkurs in Medienkompetenz.

"Falschmeldungen schaden der Community, untergraben das Vertrauen und sorgen dafür, dass Menschen schlechter informiert sind", sagt Adam Mosseri, bei Facebook für den Newsfeed verantwortlich. "Wir alle stehen in der Verantwortung, wenn es darum geht, die Verbreitung von Falschmeldungen einzudämmen."

Diese zehn Tipps sollen Facebook-Nutzern helfen, Falschmeldungen zu erkennen.

(Foto: Facebook)

Facebook will das mit drei Maßnahmen erreichen:

  • Erstens soll es sich finanziell nicht mehr lohnen, Nachrichten zu erfinden und in die Welt zu setzen. Für viele Spammer ist es lukrativ, sich aufsehenerregende Falschmeldungen auszudenken und diese auf einer Seite mit massenhaft Anzeigen zu präsentieren. Besonders bekannt sind in diesem Zusammenhang einige mazedonische Teenager, die Hunderttausende Dollar verdient haben, indem sie Trump-Unterstützer mit absurden Behauptungen über Clinton und die Demokraten fütterten. Die Jugendlichen selbst verfolgten dabei keine politische Agenda, ihnen ging es ausschließlich ums Geld. Wenn sich diese Nachrichten nicht mehr auf Facebook verbreiten, kommt nur noch ein Bruchteil der Leser, und die Werbeeinnahmen brechen ein.
  • Zweitens möchte Facebook mit neuen Produkten und technischen Lösungen verhindern, dass Falschmeldungen im Newsfeed auftauchen. Dazu gehören etwa Änderungen am Algorithmus und die Zusammenarbeit mit Partnern wie "First Draft" oder dem deutschen Recherchezentrum Correctiv. Diese Organisationen sollen Meldungen auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfen. Wenn sie Zweifel haben, ob ein Artikel auf echten Fakten beruht, sehen Nutzer einen Warnhinweis, sobald sie diesen auf Facebook teilen.
  • Drittens sollen Nutzer lernen, bewusster mit Nachrichten umzugehen, die sie angezeigt bekommen. Facebook hofft, dass mehr Informationen und mehr Medienkompetenz Menschen vorsichtiger machen und ihnen helfen, Falschmeldungen zu erkennen. "Wir wollen nicht selbst zum Schiedsrichter werden", sagt Mosseri. Er erkennt an, dass Facebook alles dafür tun müsse, damit Nutzer so gut informiert seien wie möglich. Das Unternehmen dürfe sich aber nicht anmaßen, selbst zwischen Lüge und Wahrheit zu unterscheiden.

"Kontroverse Sichtweisen sind keine Fake News"

Seit Trumps Wahlsieg sind "Fake News" zum Modewort geworden. Mosseri möchte diesen Begriff nicht verwenden. Er hält ihn für einen "unpräzisen und politisch motivierten" Ausdruck, der für alles Mögliche genutzt werde. "Wir müssen so genau wie möglich sein. Mit Falschmeldungen meinen wir Meldungen, die mit Absicht so angelegt sind, dass sie mit echten Nachrichten verwechselt werden können, aber keine Faktengrundlage besitzen."

Anders als viele Medien und Politiker, die "Fake News" gerne in Zusammenhang mit missliebigen Interpretationen des realen Nachrichtengeschehens verwenden, beschränkt sich Facebook mit dieser Definition also auf frei erfundene Meldungen, die mit Täuschungsabsicht erstellt wurden.

Mosseri schließt umstrittene Seiten wie Breitbart oder Infowars explizit aus: "Kontroverse Sichtweisen sind keine Fake News. Auch wenn wir nicht mit diesen Meinungen übereinstimmen, müssen wir sie respektieren." Er glaubt, dass sich Facebook aus politischen und ideologischen Debatten heraushalten solle, das gehöre nicht zur Aufgabe der größten Kommunikationsplattform der Welt.

Facebook will nicht zum Ersatz-Richter werden

Dennoch: Dass Facebook sich überhaupt um die Auswirkungen von Falschmeldungen sorgt, ist ein bemerkenswerter Wandel. Jahrelang hat das Unternehmen darauf beharrt, eine neutrale Plattform ohne inhaltliche Verantwortung zu sein. Noch im November bezeichnete Mark Zuckerberg Vorwürfe als "verrückt", wonach Fake News auf Facebook die US-Wahl in irgendeiner Art und Weise beeinflusst hätten. Mittlerweile scheint sich Facebook der eigenen gesellschaftlichen Bedeutung bewusst zu sein und verhält sich zumindest teilweise wie ein gigantisches Netzwerk mit bald zwei Milliarden Nutzern.

Gesellschaftliche Verantwortung hin oder her, den jüngsten Vorstoß von Justizminister Heiko Maas hält Mosseri für bedenklich. Am Mittwoch hat das Kabinett das sogenannte Netzwerkdurchsetzungsgesetz beschlossen, noch vor der Sommerpause soll der Bundestag zustimmen. Indem sie hohe Bußgelder androht, möchte die Bundesregierung Plattformen wie Facebook dazu bringen, konsequenter gegen strafbare Inhalte vorzugehen. "Bislang haben Gerichte entschieden, was illegal ist und was nicht", sagt Mosseri. "Jetzt sollen dafür private Unternehmen wie Facebook verantwortlich sein. Das ist beunruhigend."

Die Justiz muss entscheiden, nicht Facebook

Justizminister Heiko Maas will, dass Facebook & Co. selbst entscheiden, welche Inhalte sie löschen. Damit legt er viel Macht in die Hand privater Unternehmen. Zu viel. Kommentar von Heribert Prantl mehr...