Süddeutsche Zeitung

Fairphone statt iPhone:Wie gerechte Smartphones produziert werden sollen

Ein paar Niederländer tüfteln an dem ersten gerechten Smartphone. Sie wollen ohne in Kriegsregionen geschürftes Gold, ohne im Akkord schuftende Chinesen und ohne Profit auskommen. Ein schöner Plan. Aber nicht leicht umzusetzen.

Von Varinia Bernau

Er hat keine kleinen Werbegeschenke im Gepäck. Und auch keine Gewinnmeldungen. Es ist nur eine Idee, die Bas van Abel zum Mobile World Congress nach Barcelona mitgebracht hat. Aber kaum etwas von dem, das derzeit an Gedanken durch das Gewimmel der Mobilfunkmesse schwirrt, klingt so spannend wie das, was der Designer da ausheckt.

Der 35-Jährige bastelt gemeinsam mit zehn anderen an dem ersten gerechten Smartphone. Eines, in dem kein in Kriegsregionen geschürftes Gold steckt; eines, das nicht von chinesischen Arbeitern im Akkord zusammengeschraubt wird; und eines, das nicht nur die Geldspeicher gieriger Großkonzerne füllt.

Klingt naiv? Bas van Abel, der das Projekt vor zwei Jahren angestoßen hat, ist es jedenfalls nicht. Er weiß, dass er mit seinem Fairphone nicht die Welt rettet: "Das Projekt soll viel mehr einen Wandel anstoßen, als alle Probleme auf einmal lösen." Der Niederländer will zeigen, was möglich ist, wenn man es nur versucht. Deshalb dokumentiert er jeden Schritt.

Lehrstück für andere Hersteller

Entstanden ist die Idee an einem gemeinnützigen Institut in Amsterdam, an dem sich allerlei Kreative tummeln. Sie wollten, so erzählt es Bas van Abel, jene ins Grübeln bringen, die sich zwar stets für das schickste und schlaueste Telefon interessieren, aber selten für die Bedingungen, unter denen solch ein Ding entsteht. Und sie waren sich sicher, dass eine klassische Kampagne diese Leute nur wütend machen würde und diese Wut ziemlich schnell verpuffen würde. Warum also nicht das Handy selbst herstellen - und zeigen, wie man es besser macht? Es sollte ein Lehrstück sein. Für die anderen Hersteller. Und für die Kundschaft.

Wie schwierig dieses Lehrstück wird, ahnte Bas van Abel im vergangenen Herbst, als die ersten Meldungen von dem wieder aufflammenden Konflikt in Ostkongo um die Welt gingen. Dort hatten die Niederländer gemeinsam mit einer Initiative von Vereinen, Politikern, aber auch Managern eine Mine ausgemacht, aus der auch das Zinn für das Fairphone kommen sollte. "Wir standen vor der Wahl: Entweder wir ziehen ab und sorgen dafür, dass dort Jobs verloren gehen und die Region so womöglich noch instabiler wird, oder wir bleiben und tragen einen kleinen Teil zur Stabilisierung bei", erinnert sich Bas van Abel.

Sie sind geblieben. Sie wissen, dass aus dieser Mine kein Geld an eine der beiden Kriegsparteien fließt. Sie wissen aber auch, dass dort Kinder arbeiten. Immer noch besser, so sagt der Niederländer, als das Zinn aus Australien zu importieren und den Kongo sich selbst zu überlassen. Vor drei Wochen war er mit einer Gruppe von zwölf anderen aus der Conflict-Free Tin Initiative dort. Er erinnert sich an das Staunen der Kongolesen darüber, dass nun nicht mehr nur ein paar Gutmenschen zu ihnen kommen, sondern auch Leute von Blackberry und Motorola.

Etwa 20 Kilometer von der Mine entfernt verläuft die Front. Eine Garantie für die Zukunft ist das nicht. Aber bislang hat die Initiative bereits Zinn im Wert von 1,5 Millionen Euro gefördert. In das Fairphone geht davon nur ein kleiner Teil. Für die 10.000 Geräte, die von September an verkauft werden sollen, sind gerade mal zehn Kilogramm Zinn nötig. Auch deshalb braucht Bas van Abel große Verbündete. Für solch einen kleinen Auftrag öffnet niemand seine Mine.

6000 Kunden haben sich registriert

Ganz ähnlich wird es sein, wenn der Niederländer in zwei Wochen nach China reist. In der Gegend um Shenzhen, wo Chinas große Technologiekonzerne Huawei und ZTE, aber auch eine Vielzahl von Auftragsfertigern für westliche Firmen sitzen, wird er fünf Fabriken besuchen - und nach einem Ort suchen, der nicht denen gleicht, in denen die iPhones zusammengeschraubt werden. Riesige Werke, in denen die Wanderarbeiter fernab der Heimat und fernab neuer Bekanntschaften leben und in Schichten rund um die Uhr arbeiten.

"Zu glauben, dass wir die Arbeitsbedingungen von heute auf morgen ändern, wäre naiv", räumt Bas van Abel ein. Er macht sich da keine Illusionen. "Wenn wir bei Foxconn anklopfen und um höhere Gehälter und echte Gewerkschaften bitten, lachen die uns doch aus." 10.000 Smartphones, das ist in etwa das, was in den Fabriken von Foxconn täglich als Ausschuss aussortiert wird.

Womit Bas van Abel die Fertiger für sein Projekt gewinnen will, das ist das Versprechen, dass andere Kunden folgen werden. Unternehmen, die ebenso wie Fairphone Zinn, Gold oder Tantal einsetzen, das keine Bürgerkriege finanziert, keine Böden auslaugt. Und die dann eine Fabrik suchen werden, die sich damit auskennt.

6000 Kunden haben sich auf der Internetseite von Fairphone inzwischen registriert, um im Mai beim Vorverkauf für das etwa 300 Euro teure Telefon dabei zu sein. Seit vor allem im Netz über das Projekt gesprochen wird, horchen auch die Mobilfunkanbieter auf. Der niederländische Anbieter KPN, zu dem auch E-Plus gehört, hat bereits 1000 Geräte geordert. Das ist nicht viel für einen Konzern wie KPN, aber eben doch ein ordentlicher Vertrauensvorschuss. Schließlich kann Bas van Abel noch keine Testgeräte vorzeigen.

Mit Vodafone und O2 sind er und sein Team ebenfalls in Verhandlungen. Für den Niederländer ist das der Beweis dafür, dass der Verbraucher doch Macht hat. Doch er weiß auch, dass dieser Typ von Verbraucher noch nicht allzu weit verbreitet ist. "Unsere Kundschaft, dass sind die, die sich Gedanken darüber machen, woher das kommt, was sie kaufen. Nicht die, die nur ein schickes Telefon wollen."

Gespräche mit den Machern von Ubuntu und Firefox OS

Transparent soll das Design sein, damit die Leute sehen, was drin steckt. Das Fairphone soll Platz für zwei SIM-Karten bieten. Dann, so der Gedanke, muss man sich nicht ein zweites Telefon für die beruflichen Dinge anschaffen. Nach eineinhalb Jahren, jener Zeit also, nach der sich viele im Schnitt ein neues Handy kaufen, landet es nicht im Müll. Das Fairphone taugt auch für Schwellenländer, in denen die Menschen wegen der instabilen Netze oft auf zwei Mobilfunkanbieter und damit auch auf zwei SIM-Karten setzen.

Auf der Mobilfunkmesse in Barcelona sucht Bas van Abel nun das Gespräch mit den Machern von Ubuntu und Firefox OS, beides freie Software. Hinter der einen steht der Multimillionär Mark Shuttleworth, der sich selbst als "wohlwollenden Diktator" bezeichnet; hinter der anderen die von Mitchell Baker geführte Mozilla-Stiftung. Eine gute Software ist in einem Handy inzwischen so wichtig wie Gold. Deshalb soll das Fairphone zunächst auf Android laufen, jenem mobilen Betriebssystem, das der Internetkonzern Google auch einer Vielzahl anderer Handy-Hersteller wie etwa Samsung kostenlos anbietet.

Von jeder App, die auf eines via Android betriebenen Geräte geladen wird, kassiert Google ein Drittel. Ist das fair? Will einer, der gerechte Smartphones anbietet, sich wirklich mit einem Konzern zusammentun, dem der Ruf vorauseilt, persönliche Daten zu horten und durch seine schiere Macht im Netz kleinere Anbieter auszubremsen? "Zum Auftakt wollen wir kein Risiko eingehen", verteidigt Bas van Abel die Auswahl von Android. Er weiß: Wenn das Fairphone nicht funktioniert, wenn es dafür kaum Apps gibt, dann interessiert sich niemand dafür. Später, so sagt er, könne man dann vielleicht auch eine andere Software aufspielen. Wer die Welt verbessern will, der muss dies in kleinen Schritten tun.

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Quelle:
SZ vom 27.02.2013/mri
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