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Facebook:Zuckerberg will die Welt verbessern - er sollte bei Facebook anfangen

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Facebook sagt: Wir machen die Welt offener und vernetzen Menschen. Kritiker sagen: Ihr verstärkt Echokammern und hetzt Menschen gegeneinander auf.

(Foto: Bearbeitung SZ)

Das Unternehmen entwickelt sich zur größten Plattform für Hass, Hetze und Desinformation. Mark Zuckerberg muss handeln, sonst scheitert seine große Vision.

Vor gut einem Jahr wurde Mark Zuckerberg zum ersten Mal Vater und kündigte an, den Großteil seines Vermögens in eine Stiftung, die "Chan Zuckerberg Initiative" zu investieren. Seitdem haben sich fast 300 Millionen Menschen neu bei Facebook angemeldet. Aktienkurs, Umsatz und Gewinn des Unternehmens entwickelten sich in die gewohnte Richtung: steil nach oben. Es gäbe viele gute Gründe, um zu sagen: Zuckerberg hat ein erfolgreiches Jahr hinter sich.

Tatsächlich dürften die vergangenen zwölf Monate die schwierigsten gewesen sein, die Facebook in seiner zwölfjährigen Geschichte erlebt hat.

Der Versuch, den Menschen in Indien ein vorgefiltertes Internet zu bringen, wurde als digitaler Kolonialismus wahrgenommen und scheiterte krachend. Nachdem Facebook ein berühmtes Kriegsfoto aus Vietnam gelöscht hatte, musste sich das Unternehmen öffentlich entschuldigen. Vorwürfe, dass gefälschte Nachrichten die US-Wahl beeinflusst haben könnten, nannte Zuckerberg erst "crazy" - um dann doch zu erklären, dass Maßnahmen gegen die Verbreitung gezielter Desinformation nötig seien.

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Facebook verstärkt Echokammern und hetzt Menschen gegeneinander auf

Der Gründer Zuckerberg gab seinem Unternehmen und sich selbst eine Mission: die Welt offener machen und Menschen miteinander vernetzen. Momentan trägt das Netzwerk aber dazu bei, Echokammern zu verstärken und Menschen gegeneinander aufzuhetzen. Facebook muss transparenter werden, den Nutzern mehr Mitspracherechte geben und anfangen, Probleme öffentlich zu diskutieren. Sonst wird 2017 noch ungemütlicher als 2016, sonst scheitert Zuckerbergs Vision.

Ein besonders unangenehmes Thema für Zuckerberg rückt nun durch Recherchen des SZ-Magazins weiter in den Fokus: Wie geht Facebook mit problematischen Inhalten um?

In Deutschland steht Facebook besonders in der Kritik. Spätestens im Juli 2015 begann die Diskussion über rassistische Postings und Facebooks Verantwortung. Seitdem nimmt der öffentliche Druck zu. Politiker fast aller Parteien fordern, dass Facebook härter gegen strafbare Inhalte vorgeht. Zuckerberg selbst wurde wegen Volksverhetzung angezeigt, die Münchner Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen eingeleitet.

Das Netzwerk ist sich selbst über den Kopf gewachsen

Facebook verdient Milliarden, hat aber kaum weniger Probleme: Nutzer markieren mehr als eine Million Inhalte als unzulässig - und zwar jeden Tag. Da können Sprecher noch so oft beteuern, das Unternehmen habe alles unter Kontrolle; diese Beschwörung ist Unsinn, und bloße Wiederholung macht es nicht glaubwürdiger. Das Netzwerk bekommt die Inhalte nicht mehr in den Griff, die 1,8 Milliarden Menschen dort hinterlassen. Facebook ist sich selbst über den Kopf gewachsen.

Im Oktober 2015 durften einige Journalisten Facebooks Europazentrale in Dublin besuchen. Ein Mitarbeiter, der die gemeldeten Inhalte prüfen und entfernen muss, versicherte, er könne jeden Beitrag mit gebührender Sorgfalt prüfen. Niemand werde mit seiner belastenden Aufgabe alleingelassen, das Arbeitsklima sei gut. Eine Facebook-Managerin zeigte eine Präsentation, darin eine Folie mit den Standorten der Teams: "Hunderte Mitarbeiter" in Dublin, Hyderabad, Austin und Menlo Park seien es angeblich.

Das entsprach nicht den Tatsachen. Facebook hatte bereits Monate zuvor begonnen, einen Löschtrupp in Berlin aufzubauen, der im Herbst 2015 die Arbeit aufnahm. Hinzu kommen Tausende weitere Menschen in Schwellenländern wie den Philippinen. Gemeinsam bilden sie eine Art digitale Müllabfuhr, die all das wegputzt, was Facebook-Nutzer nicht zu Gesicht bekommen sollen: Kinderpornografie, Hinrichtungen, Tierquälerei.

Facebook Facebook's secret deletion rules - English version
Inside Facebook

Facebook's secret deletion rules - English version

Facebook refuses to disclose the criteria that deletions are based on. SZ-Magazin has gained access to some of these rules. We show you some excerpts here - and explain them. Read the English version here.

Facebook will die Löschteams vor der Öffentlichkeit verstecken

Sie arbeiten bei externen Dienstleistern, verdienen in Deutschland knapp über dem Mindestlohn und sind von ihrer Arbeit teils schwer traumatisiert. Verständlich, dass Facebook diese Zustände geheim halten möchte - als das TV-Magazin "Zapp" einen Besuch anfragte, lehnte das Unternehmen ab, verwies auf den Schutz der Mitarbeiter und empfahl die Lektüre eines anderthalb Jahre alten Artikels aus der Zeit. Der Autor hatte mit fünf sogenannten "Content-Moderatoren" gesprochen, die in Dublin direkt bei Facebook angestellt sind, wo sie in einem traumhaften Büro arbeiten und ordentlich bezahlt werden. Was in Berlin und Manila passiert, soll niemand erfahren.

So bitter es klingen mag, die grauenhafte Filterarbeit dieser Menschen ist nötig. Kein Algorithmus kann Gewalt, Hass und Pornografie zuverlässig aus dem Newsfeed fischen; nur Bilder und Videos, die den Missbrauch von Kindern zeigen, werden teilweise automatisch entfernt, bald soll terroristische Propaganda hinzukommen. Den Rest müssen Menschen aussortieren - die aber brauchen psychologische Betreuung, ausreichend Pausen und Hilfe bei der Bewältigung der Inhalte, denen sie ausgesetzt sind. Das kostet viel Geld, doch ein Unternehmen, das zwischen Juli und September 2016 knapp 2,4 Milliarden Dollar verdiente, sollte in der Lage sein, seinen Angestellten posttraumatische Belastungsstörungen zu ersparen.

Bei diesem Thema ist es einfach, Forderungen zu formulieren, hier kann und muss Facebook handeln. Schwieriger wird es, wenn es um weniger eindeutige Inhalte geht: nicht um Kinderpornos, sondern um Hasskommentare, nicht um Gewaltvideos, sondern um Gewaltandrohungen. Linke beklagen, dass Hetze gegen Flüchtlinge zu lange stehen bleibe. Rechte beschweren sich über angebliche Zensur und die Beschneidung ihrer Meinungsfreiheit.