Facebook Zuckerberg sollte den Weg für einen Neuanfang frei machen

Facebook verbindet weltweit Menschen miteinander, das ist und bleibt sein Verdienst. Für die Entwicklung einer neuen Strategie, für die Zähmung und Demokratisierung des Konzerns ist er jedoch der Falsche.

Kommentar von Claus Hulverscheidt

Um aus dem Nichts einen Konzern von Weltruf zu schaffen, bedarf es eines bestimmten Typs Mensch: Man muss bereit sein, Grenzen zu überschreiten, Einwände vom Tisch zu wischen und Freunde über denselben zu ziehen. Travis Kalanick, Gründer des Taxidienstes Uber, war der Inbegriff dieser so erfolgreichen wie rüpelhaften Spezies.

Rein vom Auftritt her ist Mark Zuckerberg die deutlich freundlichere Erscheinung. Doch das Eroberer-Gen trägt auch er in sich: Fragt man ehemalige Mitstudenten, deren Wissen der heute 33-Jährige bei der Gründung des sozialen Netzwerks Facebook schamlos abzapfte, wundert man sich nicht, dass Zuckerberg den Schutz geistigen Eigentums und der Privatsphäre gering schätzt. Schließlich wurde er durch dessen Missachtung groß.

Der rapide Aufstieg von Facebook verdeckt den Blick auf die vielen Skandälchen, die den Konzern seit Jahren begleiten. Zuckerberg hielt sich stets schadlos, weil die Firma zugleich immer wertvoller wurde und die Verehrung des Silicon Valleys für Konzernschöpfer wie ihn grenzenlos ist. "Amerikaner werden als Gläubige geboren", heißt es im Buch des früheren Facebook-Managers Antonio Garcia Martinez. In der Tech-Branche allerdings habe der Glaube an das nächste Milliardending jenen an Gott längst verdrängt.

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Erst die Affäre um die dubiose Politikberatungsfirma Cambridge Analytica hat Facebook nun in eine wirklich bedrohliche Krise gestürzt. Tausende Mitglieder löschen ihre Konten, Politiker überbieten sich mit Regulierungsvorschlägen, mancher Experte will die Firma gar zerschlagen. Und selbst in den konzernfreundlichen USA wird gefordert: Schluss mit der ebenso grenzen- wie gedankenlosen Ausbeutung und Monetarisierung aller Nutzerdaten, die die Privatsphäre atomisiert.

Die Ausbeutung von Daten ist kein Randeffekt

Das Problem ist nur: Diese Ausbeutung ist kein Randeffekt, sondern Kern des Zuckerbergschen Geschäftsmodells. Die Daten sind die Währung, mit der die Mitglieder für die Nutzung von Facebook zahlen. Wer also, wie die EU, Informationen schützen oder Verwendungsmöglichkeiten drastisch beschränken will, entzieht dem Konzern die wirtschaftliche Basis. Kein Wunder, dass Zuckerberg bei seinem Auftritt im US-Senat das Thema zu umschiffen suchte und lieber neue technische "Werkzeuge" im Kampf gegen Hassbotschaften, Falschmeldungen und Wahlmanipulationen versprach. Es war ein billiger Punktsieg über eine Senatoren-Riege, die schon rein altersbedingt zu keiner Debatte auf Augenhöhe imstande war.

Auf Dauer aber wird Zuckerberg mit seinen stereotypen Demutsgesten und dem Verweis auf die Verheißungen künftiger Algorithmen nicht durchkommen. Dass er das weiß, zeigt die Tatsache, dass er seit Jahren neue Geschäftsmodelle testet. Mal will er Facebook als universelle Plattform für soziale Netzwerke aller Art etablieren, mal als Spiele- oder Medienzentrum. Keiner dieser Versuche war erfolgreich, was auch daran liegt, dass der Chef ein Unternehmen mit 27 000 Mitarbeitern immer noch so führt wie einst das Start-up aus dem Studentenwohnheim.

Facebook verbindet weltweit Menschen miteinander, das ist und bleibt das Verdienst des Mark Zuckerberg. Für die Entwicklung einer neuen Strategie, für die Zähmung und Demokratisierung des Konzerns jedoch ist er der falsche Mann. Wenn er seiner eigenen Schöpfung die Zukunft nicht verbauen will, sollte er den Weg für einen Neuanfang frei machen.

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