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Social Media und Wissenschaft:"Die Tech-Konzerne wissen viel über uns, aber wir wissen nur wenig über sie"

Facebook-Logo auf einem Laptop-Bildschirm

Facebook wollte seinen Datenschatz für Forscher öffnen. Bislang ist das nicht in dem Maße geschehen wie angekündigt. (Symbolbild)

(Foto: dpa)
  • Facebook teilt für ein großes Forschungsprojekt deutlich weniger Daten mit unabhängigen Forschenden als ursprünglich versprochen - angeblich aus Datenschutz-Gründen.
  • Auch wichtige deutsche Studien zur Bundestagswahl 2017 werden so ausgebremst.
  • Deutsche Netzpolitiker denken jetzt über gesetzliche Regelungen nach, die Tech-Konzerne zur Datenweitergabe verpflichten würden.

Haben Falschmeldungen auf Facebook zum Wahlerfolg von Donald Trump beigetragen? Wie sehr hat Youtube Nutzer mit Verschwörungstheorien radikalisiert? Helfen schärfere Gesetze gegen Hass und Hetze in sozialen Netzwerken? Seit mehreren Jahren stellt sich die Frage, ob und wie soziale Medien die Gesellschaft spalten und die Demokratie gefährden. Doch eine Antwort darauf fällt Wissenschaftlern noch immer schwer. Oft haben sie nicht genug Daten, um systematisch zu analysieren, was auf den Plattformen tatsächlich passiert.

Facebook, Google und Twitter dürften über ihre gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen am besten selbst Bescheid wissen. Zumindest sind sie im Besitz der entscheidenden Daten. Doch die Firmen machen es der Wissenschaft nicht immer leicht. Gerade Facebook, das einflussreichste soziale Netzwerk der Welt, hat die Zugriffsmöglichkeiten für Forscher in den letzten beiden Jahren eingeschränkt. Es wirkt, als entziehe sich eines der größten gesellschaftlichen Phänomene unserer Gegenwart der kritischen Forschung. Und das, während Politiker nach Lösungen suchen, soziale Netzwerke mit neuen Gesetzen zu regulieren.

Forscher haben Fragen, die Plattformen hätten die Antworten

In der nicht immer einfachen Beziehung zwischen Facebook und der Wissenschaft war der April 2018 entscheidend. Als Mark Zuckerberg vor dem amerikanischen Kongress gegrillt wurde, verkündete der Facebook-Chef vor den US-Abgeordneten ein ambitioniertes Projekt. Sein Unternehmen werde unabhängigen Wissenschaftlern einen riesigen Datensatz zur Verfügung stellen. Im Zuge des "Social Science One"-Projekts sollten zwölf Forscherteams untersuchen, ob und wenn ja, wie Falschmeldungen und Desinformation Wähler beeinflusst hatten. Spätestens seit der US-Wahl 2016 ist klar, dass auch Geheimdienste mit gesteuerten Kampagnen versuchen, ausländische Wahlen zu manipulieren.

"Facebooks Führung hält es für sehr wichtig, Daten mit der wissenschaftlichen Community zu teilen", sagt die Facebook-Managerin Chaya Nayak. Sie koordiniert seit rund anderthalb Jahren die Arbeit der verschiedenen Teams, die dem Gemeinschaftsprojekt "Social Science One" zuarbeiten. Doch bisher hat Facebook viel weniger Daten zur Verfügung gestellt als versprochen.

Zu Beginn war gegenüber Forschenden die Rede von einer Milliarde Links, doch bisher wurden davon erst rund 32 Millionen zugänglich gemacht. Bevor dieser Datensatz Mitte September an die Forscher ging, hatte eine am Projekt beteiligte Organisation dem Konzern in einem öffentlichen Brief sogar ein Ultimatum gesetzt. Zwischenzeitlich hatten Geldgeber der Forschung mit Rückzug gedroht.

Facebook liefert deutlich weniger Daten als angekündigt

Auch deutsche Forscher sind von den fehlenden Daten betroffen. Der Politikwissenschaftler Simon Hegelich will untersuchen, welche Auswirkungen Desinformation auf die Wahlentscheidung von Bürgern bei der deutschen Bundestagswahl im September 2017 hatte. "Wir sind ziemlich sicher, dass die Daten für unsere Frage so nicht taugen", so Hegelichs Zwischenbilanz, nachdem er sich das jüngste Konvolut angeschaut hat.

Hegelich betont allerdings auch, dass Facebook durchaus gesprächsbereit und gewillt sei, Wissenschaftlern zu helfen. Er will dem Konzern jetzt einen Report vorlegen und "darauf drängen, die ursprünglich versprochenen Daten zugänglich zu machen". Tatsächlich kann das Social Science One-Projekt ein Fortschritt für die Forschung sein. Bisher hat noch kein Social-Media-Konzern aktiv versucht, einen so bedeutenden Datensatz zur Wahlmanipulation zugänglich zu machen.

Forschende, die das Nutzerverhalten auf Facebook analysieren wollten, mussten sich bisher behelfen, indem sie Daten über Schnittstellen abriefen, die für Programmierer gedacht waren. "Beim Start der Social Science One-Initiative war einer der ersten Gedanken, dass wir den Forschenden einen Zutritt durch den Haupteingang geben müssen", sagt Facebook-Managerin Chaya Nayak. "Dann müssen die Wissenschaftler nicht mehr versuchen, sich selbst einen Seiteneingang zu bauen."

Cambridge Analytica führte zur Schließung des Datenhahns

Diese Seiteneingänge waren im April 2018 zum Problem für Facebook geworden. Über einen solchen Nebeneingang hatte sich auch die Skandalfirma Cambridge Analytica ihre Daten besorgt, die später an das Wahlkampfteam von Donald Trump und die Brexit-Kampagne verkauft wurden. Als Reaktion schloss der Konzern viele bis zu diesem Zeitpunkt noch offene Schnittstellen, die auch Forschende genutzt hatten, um an Daten aus dem Sozialen Netzwerk zu kommen.

Als Zuckerberg im April 2018 dem US-Kongress von seinen Plänen für "Social Science One" berichtete, hatte wohl auch er nicht damit gerechnet, dass ausgerechnet Datenschutzprobleme die Initiative bis heute verzögern würden. Facebook hatte den Wissenschaftlern detaillierte Daten versprochen, Informationen wie die geografische Region der Nutzer etwa, das Alter oder eine Einordnung im politischen Spektrum. Für Soziologen wären diese Daten der Facebook-Nutzerschaft wertvoll, doch von Datenschützern, unter anderem von der renommierten Electronic Frontier Foundation (EFF), kam prompt Kritik: Mit einiger Rechenkraft ließe sich womöglich berechnen, welcher einzelne Nutzer, wann einen spezifischen Link geteilt hat, selbst wenn ihre Namen nie Teil des Datensatzes waren.

Facebook will dieses Problem nun mit sogenannter Differential-Privacy-Technologie in den Griff bekommen. Dabei werden statistische Werte so angereichert, dass sie zwar für Forschende nach wie vor nutzbar sind, jedoch nicht mehr deanonymisiert werden können. Bis die Technologie perfekt funktioniert, müssen Wissenschaftler auf Zusatzinformationen wie Alter und Region der Nutzer verzichten.

Nicht nur der Umfang der Daten ist ein Problem für die Wissenschaft, auch deren Exklusivität. Social Science One ermöglicht aktuell nur zwölf Projekten den Zugang zu Facebooks Datenschatz. Vor 2018 konnte prinzipiell jeder Forschende die Programmierschnittstellen des Unternehmens nutzen. Von Facebook heißt es jedoch, dass geplant ist, künftig auch mehr Wissenschaftlern den Zugang zu ermöglichen.

Bessere Forschung könnte auch der Politik helfen

"Wir haben es mit einer Informations-Asymmetrie zu tun. Die Tech-Konzerne wissen sehr viel über uns, aber wir wissen sehr wenig über sie", bilanziert MacKenzie Nelson von der Nichtregierungsorganisation "Algorithm Watch". Nelson vertritt die Auffassung, dass weniger Erforschung der Tech-Konzerne zu weniger guter Politik führt. "Wir beobachten aktuell, wie Politiker zwar versuchen, Hate Speech, Desinformation und Online-Radikalisierung zu bekämpfen", sagt Nelson, die in einem Forschungsprojekt zur Regulierung von Tech-Konzernen arbeitet. "Doch diese Versuche von Seiten der Politik basieren nicht immer auf fundierten wissenschaftlichen Erkenntnissen."

Das hat die Politik mittlerweile auch in Deutschland erkannt. So fordert beispielsweise die Grünen-Politikerin Anna Christmann, dass "die Bundesregierung endlich ihre Untätigkeit beenden muss." Sie verlangt von der Regierung, "sich auf europäischer Ebene für einen verlässlichen Zugang zu Social-Media-Daten für Forschungszwecke einzusetzen, der im Einklang mit dem Schutz persönlicher Daten steht." Tatsächlich gibt es keinerlei Gesetze, die Social-Media-Konzerne zur Herausgabe von Daten zu Forschungszwecken verpflichten würden. Noch Ende Mai erklärte die Regierung auf eine Kleine Anfrage mehrerer Grünen-Politiker, dass bisher auch keine neuen Gesetze geplant seien.

Angesichts der aktuellen Entwicklungen allerdings denken Netzpolitiker darüber nach, ob es nicht auch in Deutschland strengere Regeln braucht. CDU-Digitalpolitiker Tankred Schipanski kann sich durchaus vorstellen, "gesetzliche Transparenzregeln festzulegen, wenn die Plattformen auf freiwilliger Basis nicht in ausreichendem Maße kooperieren."

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