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Sprachassistenten:Wer mit diesen Maschinen redet, hat menschliche Mithörer

Facebook

Auch Facebook setzte zur Verbesserung seiner Transkriptionssoftware Menschen ein, die Aufnahmen der Nutzer abhören.

(Foto: AP)
  • Facebook beschäftigt Hunderte Mitarbeiter, die automatisch transkribierte Sprachnachrichten aus seinem Messenger anhören und prüfen.
  • Europäische Nutzer seien aber nicht betroffen, teilte Facebook am Donnerstag mit.
  • Auch hinter den Sprachassistenten von Amazon, Apple, Google und Microsoft stecken menschlichen Ohren.
  • Nach heftiger Kritik haben mehrere Tech-Konzerne die Praxis vorübergehend gestoppt oder geben Nutzern die Möglichkeit, zu widersprechen.

Update 16.08.2019, 13:50 Uhr : Facebook erklärte am Donnerstag, dass keine Konversationen von Nutzern in Europa abgetippt worden seien, die Funktion, die dafür im Messenger aktiviert sein musste, stehe europäischen Nutzern gar nicht zur Verfügung.

Vor wenigen Wochen hätte diese Schlagzeile weltweit Empörung ausgelöst: "Facebook bezahlte Vertragspartner, um Audio-Chats von Nutzern zu transkribieren", titelte die Agentur Bloomberg. Heute aber ist die Reaktion nur Schulterzucken. Überraschend ist höchstens, dass die Nachricht so lang auf sich warten ließ.

Ein Unternehmen mit mehr als zwei Milliarden Nutzern, das jahrelang einen Datenschutz-Skandal an den nächsten gereiht hat, beauftragt Hunderte Menschen, die private Sprachnachrichten von Nutzern zu hören bekommen - und niemand regt sich auf? Mark Zuckerberg kann sich bei Amazon, Apple, Google und Microsoft bedanken: Ausnahmsweise ist Facebook nicht das erste, sondern das letzte große Unternehmen, dessen fragwürdiger Umgang mit Nutzerdaten öffentlich wird.

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Die vergangenen Monate haben eines gezeigt: Alle großen Sprachassistenten haben menschliche Ohren. Hinter Alexa, Siri, Google und Cortana stecken Mitarbeiter, die einen kleinen Teil der Aufnahmen anhören und transkribieren. Microsoft ließ auch automatisch übersetzte Skype-Telefonate analysieren. Die Unternehmen wollen so die maschinelle Spracherkennung der Programme verbessern.

Allerdings hatten sie ihren Nutzern jahrelang verschwiegen, dass unter Umständen Mitarbeiter zuhören - auch Menschen, die sich komplett unbelauscht wähnen. Die Sprachassistenten reagieren auf Aktivierungsworte und verwechseln zum Beispiel "Alexandra" mit "Alexa". Oder sie halten das Geräusch eines Reißverschlusses für einen Befehl an Siri. Dann zeichnen die Mikrofone auf, die Daten landen auf Servern in den USA und möglicherweise auch bei anderen Unternehmen, die als externe Dienstleister für die Konzerne arbeiten.

Die Tech-Unternehmen sprechen von Einzelfällen, nennen aber keine konkreten Zahlen. Medienberichte legen nahe, dass Fehlalarme häufiger vorkommen. Dem flämischen Sender VRT wurden etwa 1000 Google-Aufnahmen zugespielt. Davon seien rund 150 aufgezeichnet worden, ohne dass Nutzer etwas davon mitbekommen hätten. Bloomberg nennt einen Anteil von zehn Prozent unbeabsichtigter Alexa-Aktivierungen.

Mitarbeiter müssen mutmaßliche Straftaten mit anhören

Bei der SZ haben sich fünf Menschen gemeldet, die angeblich für Amazon, Apple und Google Aufnahmen transkribieren. Auch sie berichten, dass sie immer wieder private Aufzeichnungen zu Ohren bekommen hätten. Dazu zählen sensible berufliche Telefonate und intime Momente: Offenbar stehen auch in vielen Schlafzimmern smarte Lautsprecher. Manchmal nehmen die Sprachassistenten auch Streitgespräche, Bedrohungen und körperliche Übergriffe auf.

Für die Abhörenden ist das belastend, weil sie Zeugen mutmaßlicher Straftaten werden, aber nichts tun können. Die Aufnahmen lassen zwar mitunter Rückschlüsse auf die Identität der Nutzer zu, etwa wenn Namen oder Adressen zu hören sind. Sie werden aber nicht fest mit Nutzerprofilen verknüpft, sondern pseudonymisiert, das heißt ihnen werden zufällig generierte Identifikationsnummern zugeordnet. Ob die Konzerne selbst diese nachträglich Personen zuordnen können, ist unklar. Die Mitarbeiter externer Dienstleister haben diese Möglichkeit jedenfalls nicht.

Die Enthüllungen entzaubern Begriffe wie "künstliche Intelligenz". Kein System arbeitet vollständig autonom, alle Sprachassistenten machen regelmäßig Fehler. Deshalb braucht es Menschen, um die Algorithmen zu trainieren. Sie hören einen kleinen Teil der Aufzeichnungen an und überprüfen, ob die Maschine richtig gehört hat. Dass diese Tatsache Empörung auslöst, haben sich die Unternehmen selbst zuzuschreiben. Statt offensiv aufzuklären, wie Sprachassistenten funktionieren, haben sie lange vertuscht, verharmlost und beschwichtigt.