bedeckt München

Facebook-Spiel:Farmville, Phänomen mit Macken

Es ist der Spiele-Hit des Jahres: 70 Millionen Menschen betätigen sich in Farmville als virtuelle Bauern. Doch der Spaß hat eine dunkle Seite.

Johannes Kuhn

Jeden Tag begeben sich Millionen Menschen weltweit auf den Acker: Sie säen, ernten, adoptieren Kühe oder Hühner vom Nachbar-Bauernhof. Und während sie dies alles tun, sitzen sie vor dem Computerschirm.

Meine kleine Farm: 70 Millionen Nutzer weltweit spielen Farmville

(Foto: Screenshot: Farmville.com)

Das Facebook-Spiel Farmville ist das Phänomen des Jahres 2009. Im Juni gestartet, spielen es nach Angaben des Unternehmens monatlich derzeit mehr als 73 Millionen Menschen, 27,5 Millionen davon täglich - die Nutzerzahl übertrifft die des Mikroblogging-Dienstes Twitter. Das Modell ist einfach: Der PC-Bauer bestellt per Mausklick sein virtuelles Feld, baut Gemüse oder Getreide an, für das er nach der Ernte Spielgeld erhält, um neues Saatgut zu kaufen. Je länger er spielt, desto mehr kann er anbauen, bald bevölkern auch Tiere die Felder, Scheunen und Bauernhäuser entstehen.

Das Spiel selbst ist kostenlos, doch viele Nutzer sind bereit, Beträge von einem bis 20 Dollar für virtuelle Güter zu zahlen: Etwa 18 Dollar kostet beispielsweise ein Traktor, der es einfacher macht, ein Feld zu pflügen, einen Heuwagen gibt es bereits für 2,50 Dollar. Durch kleine Extras wie Geschenke und Nachrichten im Facebook-Status ermuntert das Programm Online-Freunde, sich gegenseitig zu helfen und auch einmal den Acker von Bekannten vom Unkraut zu befreien.

Wer die immer komplexere Welt schätzt, die auch Online-Computerspiele inzwischen darstellen können, rauft sich bei der Simplizität von Farmville die Haare. "Als ein Hardcore-Gamer verstehe ich es nicht" , gibt Computerspiel-Experte Dean Takahashi im Interview mit dem Radiosender NPR zu, "Das ist ein Spiel für den Rest der Leute da draußen, die sich nicht als Computerspieler bezeichnen."

Der Geschäftsmann in uns

Doch was fasziniert den "Rest der Leute"? Kevin Corti, der selbst an der Entwicklung von Lern-Spielen beteiligt ist, nennt auf seinem Blog verschiedene Gründe. Farmville appelliere demnach an das Verantwortungsgefühl der Nutzer: Wer sät, fühlt sich auch zur Ernte verpflichtet - nicht zuletzt, weil er sonst seine Zeit verschwendet hätte.

Gleichzeitig sei es ein zutiefst kapitalistisches Spiel, schreibt er, das mit dem Einkauf von Samen oder Vieh und dem Verkauf der Ernte den Geschäftstrieb des Menschen wecke. Und: "Farmville spricht auch deshalb Nutzer an, weil es den Spielern die Möglichkeit gibt, etwas zu erschaffen, das ihnen gehört", so Corti, "Es bietet, auf bizarre Art, eine Möglichkeit, sich selbst auszudrücken."

Diese Möglichkeit zur Selbstverwirklichung kommt Zynga, dem Unternehmen hinter Farmville, gerade recht. Bereits mit dem Facebook-Spiel Mafia Wars, in dem Nutzer eine Gangster-Karriere nachspielen können, hatte es das Unternehmen gekonnt verstanden, die Interaktion zwischen Facebook-Mitgliedern zur treibenden Kraft hinter der Ausbreitung des Spiels zu machen.

Zynga verdient mit solchen "Social Games" derzeit Schätzungen zufolge mehr als 200 Millionen Dollar pro Jahr - ein Großteil der Einnahmen soll aus dem Verkauf virtueller Güter stammen. Das Unternehmen hat inzwischen mehr als 700 Mitarbeiter und will in den nächsten Monaten nochmals 300 neue Stellen schaffen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite