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Privatsphäre und Verschlüsselung:Wie Facebook sich neu erfinden will

F8 Conference

Facebook-Chef Mark Zuckerberg lässt die Weltöffentlichkeit daran teilhaben, wie er mit seinen Kindern ein Videotelefonat mit seiner Mutter führt. Nicht alle Menschen geben ihre Privatsphäre so bereitwillig preis.

(Foto: AFP)
  • Auf Facebooks Entwicklerkonferenz skizziert der Firmenchef Mark Zuckerberg, wie sich das Unternehmen verändern soll.
  • Im Zentrum sollen Privatsphäre und verschlüsselte Kommunikation stehen.
  • Viele Ankündigungen klingen sinnvoll, doch nach Jahren voller Skandale und leerer Versprechen ist Misstrauen angebracht.

Mark Zuckerberg braucht nur wenige Sekunden, um seine wichtigste Botschaft loszuwerden. "Guten Morgen", begrüßt er das Publikum vor Ort in San José und die Zuschauer im Livestream. Dann folgt der entscheidende Satz: "Heute werden wir beginnen, eine soziale Plattform zu bauen, die auf Privatsphäre ausgelegt ist."

Nach zwei Jahren voller Skandale will sich Facebook radikal ändern. Das wiederholt Zuckerberg bei seiner Keynote auf der Entwicklerkonferenz F8 immer wieder. Dutzende Male beteuern der Facebook-Chef und andere Manager: "Die Zukunft ist privat." Am Ende wirkt es so, als wolle Facebook nicht nur die Weltöffentlichkeit, sondern auch sich selbst überzeugen.

Doch wie glaubwürdig ist dieses Versprechen? Ein Mantra aufzusagen, ist das eine. Eines der wichtigsten Unternehmen der Welt komplett umzubauen, ist das andere. Die wichtigsten Ankündigungen im Überblick - und in der Analyse:

Facebook (die blaue App)

Das ändert sich: Facebooks Kernprodukt bekommt ein neues Design. Sowohl in der App als auch auf der Webseite verschwindet das markante Blau, viel Weißraum wirkt moderner und soll schneller sein.

Auch inhaltlich räumt Facebook um: Gruppen rücken ins Zentrum und erhalten einen eigenen Tab. Die Funktion "Meet New Friends" soll es ermöglichen, an Orten wie Schulen, Arbeitsplätzen oder Städten neue Freundschaften zu schließen. Die neue App wird in Deutschland im Laufe der kommenden Wochen verteilt, für die neue Webseite braucht Facebook noch etwas länger.

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Die Analyse: Das Redesign war überfällig. Eine der größten Webseiten der Welt ist seit Jahren hässlich und langsam. Der Fokus auf Gruppen läutet den Anfang vom Ende des Newsfeeds ein. Jahrelang war die algorithmisch sortierte Timeline Facebooks wichtigstes Produkt und ideal geeignet, um zwischen den Beiträgen von Freunden personalisierte Werbung anzuzeigen. Doch immer weniger Menschen teilen dort Inhalte und sehen Anzeigen. Sie kommunizieren lieber in abgeschlossenen Räumen, die sie als persönlicher und privater empfinden.

Daten sammelt Facebook in Gruppen genauso wie im Newsfeed. Die Informationen sind sogar noch wertvoller: Schließlich geben Gruppen-Mitgliedschaften Aufschluss über Interessen und eignen sich, um Werbung zu personalisieren. Auch mit "Meet New Friends" erfährt Facebook mehr über Freundeskreise und soziale Beziehungen.

Messenger

Das ändert sich: Die App wird von Grund auf neu programmiert und soll die "schnellste und sicherste Chat-Plattform der Welt" werden. Dank Ende-zu-Ende-Verschlüsselung müssten sich Nutzer nicht mehr vor Hackern, Geheimdiensten und "nicht mal vor uns selbst" fürchten, wie Zuckerberg sagt. Der Start soll "im Laufe des Jahres" erfolgen. Genauso lang dauert es, bis die neuen Apps für Windows und Mac erscheinen, mit denen verschlüsselte Gruppen-Videotelefonate möglich sein sollen.

Aus Facebooks Sicht mindestens genauso wichtig: "Wir machen es Unternehmen noch einfacher, sich mit potenziellen Kunden zu verbinden", heißt es in einem Blogpost. Künftig könnten Nutzer etwa direkt im Messenger Termine mit "Autohäusern, Kosmetikern oder Reinigungsdiensten" buchen.

Die Analyse: Standardmäßige Verschlüsselung ist ein Schritt in die richtige Richtung. Seit Jahren chatten Whatsapp-Nutzer verschlüsselt, jetzt ist endlich der Facebook Messenger an der Reihe. Optional lässt sich die Verschlüsselung zwar bereits seit 2016 aktivieren, aber die Funktion ist schlecht umgesetzt und schwer zu finden. In der Praxis dürfte das kaum jemand nutzen.

Auch Facebook könnte von der Umstellung profitieren: Das Vertrauen der Nutzer steigt - und gleichzeitig kann Facebook weiter Metadaten sammeln. Wer wann wo und mit wem chattet, erfährt Facebook auch mit verschlüsselten Nachrichten. Diese Informationen eignen sich für interessenbasierte Werbung, dafür braucht es keinen Zugriff auf die Inhalte.

Die neuen Business-Funktionen zeigen auch, dass Facebook mehr Geld aus der Messenger-Plattform holen will. 20 Milliarden Nachrichten tauschen Nutzer und Unternehmen dort monatlich aus. Für die Firmen ist der direkte Kontakt noch wertvoller als Anzeigen im Newsfeed - und dementsprechend sind sie bereit, dafür zu zahlen.

Instagram

Das ändert sich: Die Fotoplattform wird zum Einkaufszentrum. Influencer können Nutzern bald direkt Produkte verkaufen. Statt Links in den Kommentaren zu setzen, wird ein Klick auf ein Einkaufstaschen-Symbol genügen, um zur Shopping-Seite weitergeleitet zu werden. Außerdem testet Instagram eine Möglichkeit, die Zahl der Likes für Fotos und Videos zu verbergen. Der Test wird vorerst nur in Kanada laufen.

Die Analyse: Facebooks Nutzerzahlen stagnieren - die von Instagram steigen enorm. Bald wird Facebook das meiste Geld mit dem Foto-Netzwerk verdienen, das vor allem jüngere Nutzer anzieht. Die neue Shopping-Funktion zeigt, wohin die Reise geht: Aus einer App, in der Menschen einst private Fotos mit Freunden teilten, ist eine globale Marketing-Plattform geworden.

Der optionale Verzicht auf Like-Zahlen wäre für Nutzer dagegen eine gute Nachricht. Insbesondere Teenager wetteifern mit ihren Freunden um die "erfolgreichsten" Beiträge. Likes sind zum Statussymbol geworden und erzeugen großen sozialen Druck. "Wir wissen, dass Menschen sich Sorgen machen, wie viele Likes sie erhalten", sagt Instagram-Chef Adam Mosseri. Es liegt an Instagram, diese Sorgen zu verhindern.

Fazit

Der US-Journalist David Pierce vom Wall Street Journal bringt es auf den Punkt: "Facebook: Die Zukunft ist privat. Facebook weiter: Bitte verrate uns alle deine Freunde, mit denen du schlafen willst." Der Tweet bezieht sich auf eine neue Funktion von Facebooks Dating-Plattform, die bislang nicht in Deutschland verfügbar ist. Mit "Secret Crush" kann man bis zu neun Facebook-Freunde auf eine geheime Liste zu setzen - wenn die oder der andere ebenfalls Interesse signalisiert, ist es ein Match.

Ein Unternehmen, das jahrelang von einem Datenschutzskandal in den nächsten geschlittert ist, will sensibelste Informationen sammeln, die Menschen nicht mal ihren Freunden direkt erzählen würden? Es ist eine seltsame Idee, eine ganze Keynote lang zu erklären, wie wichtig Privatsphäre ist, und parallel diese Funktion vorzustellen.

Facebook hat in den vergangenen zwei Jahren hart dafür gearbeitet, mit maximalem Misstrauen beäugt zu werden, und solche Anekdoten wirken nicht gerade vertrauensbildend. Ohnehin sollte man Zuckerberg nicht für reine Ankündigungen loben: Vor einem Jahr, auf der F8 2018, hat Facebook eine Funktion namens "Clear History" versprochen. Nutzer sollten damit alle Daten löschen können, die Facebook über sie sammelt. Die Umsetzung hat sich mehrfach verzögert und ist immer noch nicht in Sicht.

Dennoch bringt es nichts, reflexhaft alles zu kritisieren, was Zuckerberg in Aussicht stellt, nur weil Facebook in der Vergangenheit wenig davon umgesetzt hat. Immerhin scheint er die Größenordnung des Problems verstanden zu haben. Mehrfach betont er, dass Facebook nicht nur seine Produkte, sondern auch seine interne Struktur grundlegend neu ausrichten müsse. Das werde fünf, vielleicht sogar zehn Jahre dauern. Außerdem gibt er zu, dass er selbst auf viele Fragen noch keine Antworten habe. Diese Demut steht Facebook gut zu Gesicht.

Denn die Herausforderungen sind groß: Wenn Menschen zunehmend in privaten Gruppen und über verschlüsselte Messenger kommunizieren, ist das gut für ihre Privatsphäre - und kann gefährlich für die Demokratie werden: Rassisten stacheln sich in Facebook-Gruppen gegenseitig auf, Politiker nutzen Whatsapp für politische Desinformationskampagnen, und die Öffentlichkeit bekommt von all dem kaum etwas mit. Hasserfüllte Facebook-Kommentare und extremistische Propaganda auf sozialen Netzwerken lassen sich zumindest moderieren und löschen.

Kein Unternehmen der Welt kann oder sollte diese Herausforderungen allein lösen. Vor einem Monat hat sich Zuckerberg schärfere Regulierung und demokratische Aufsicht für globale Plattformen gewünscht. Das bleibt auch nach dieser Keynote eine vernünftige Idee - unabhängig davon, ob die Zukunft privat ist oder nicht.

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