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Privatsphäre:Warum Tech-Konzerne plötzlich Wert auf Datenschutz legen

Facebook chief Zuckerberg testifies to lawmakers after data hijacking scandal

Reuiger Datenmissbraucher: Facebook-Chef Mark Zuckerberg während des Cambridge-Analytica-Skandals bei seiner Anhörung vor dem US-Senat.

(Foto: Jim Watson/AFP)
  • Diverse Tech-Konzerne haben mittlerweile sogenannte Chief Privacy Officers, die sich um den Datenschutz kümmern sollen.
  • Doch an dem überwachungskapitalistischen Geschäftsmodell der Konzerne ändert das nichts: Sie sammeln weiter massenhaft Daten über ihre Nutzer.

Von Adrian Lobe

Es gibt eine neue Berufsbezeichnung im Silicon Valley: den Chief Privacy Officer. Nachdem Facebook im vergangenen Jahr von der US-Verbraucherschutzbehörde FTC wegen der Datenaffäre um Cambridge Analytica ein Bußgeld in Höhe von fünf Milliarden Dollar aufgebrummt bekam, installierte der Konzern kurzerhand einen Chief Privacy Officer (CPO). Kevin Martin kümmert sich seitdem zusammen mit der bereits zuvor in selber Position amtierenden Erin Egan um den Datenschutz.

Der Konzern hat auch eine Image-Kampagne gestartet und in großen Zeitungsannoncen für Privatsphäre geworben. Facebook-Chef Mark Zuckerberg, der noch vor ein paar Jahren behauptete, dass Privatsphäre keine "soziale Norm" mehr sei, verabschiedete eine "Privatsphäre-fokussierte Vision für Social Networking". "Privatsphäre", schrieb Zuckerberg in einem Post, "gibt Menschen die Freiheit, sie selbst zu sein und sich natürlicher zu vernetzen". Und auf der Entwicklerkonferenz F 8 verkündete er: "Die Zukunft ist privat".

Facebook ist mit seiner neuen Linie nicht allein. Auch Apple, Google und Uber haben Chief Privacy Officers bestellt. Apple wirbt auf riesigen Hauswandplakaten mit Slogans wie "Privatsphäre ist König" oder "Was auf deinem iPhone passiert, bleibt auf deinem iPhone." Google, dessen Chef Sundar Pichai in einem Gastbeitrag in der New York Times wortreich davor warnte, Privatsphäre dürfe kein "Luxusgut" werden, hat sich derweil das tiefsinnige Motto "Privatsphäre ist Einstellungssache" auf die Fahnen geschrieben.

Natürlich ist das reine Rhetorik, und natürlich ist der Posten eines Chief Privacy Officers nicht mehr als ein Feigenblatt, genauso wie die "Privatsphäre"-Einstellungen in sozialen Netzwerken und mobilen Endgeräten Augenwischerei sind, weil sich am zugrunde liegenden überwachungskapitalistischen Geschäftsmodell nichts ändert. Die Konzerne sammeln ja weiter massenhaft Daten über ihre Nutzer.

Die Harvard-Ökonomin Shoshana Zuboff schreibt in ihrem Buch "Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus", dass Privatsphäre lediglich ein Hindernis bei der Extraktion von Verhaltensüberschüssen sei. Insofern wäre es tatsächlich kontraproduktiv, eine informationelle Barriere einzuziehen. Wie also ist die Privatsphäre-Offensive zu verstehen?

Zuckerberg ließ in einem Kommentar zu seinem Facebook-Post wissen, dass es "digitale Äquivalente sowohl für den Marktplatz als auch Wohnzimmer" bräuchte. Damit greift er den Dualismus zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre auf, eine klassische Theoriefigur der Ideengeschichte. Er überträgt sie nur in die digitale Sphäre und unterstellt dabei, dass der virtuelle Raum ähnlich wie der physische aufgebaut sei, was schon allein deshalb nicht stimmen kann, weil das World Wide Web mit seinen dezentralen Knoten und Zugängen ganz anders strukturiert ist.

Das Bemerkenswerte aber ist, dass Zuckerberg für Facebook explizit in Anspruch nimmt, Marktplatz und Wohnzimmer zugleich zu sein, das heißt, die öffentliche und private Sphäre vereinen zu können. Der Marktplatz, das sind für Zuckerberg Facebook und Instagram, die Wohnstuben Whatsapp und Messenger. Eine kommunenähnliche Plattform, in der der Wohnbereich nahtlos in den Gemeinschaftsbereich übergeht, kennt keine Grenzen, weder nach außen noch nach innen. Und sie ist auch eine vormoderne Veranstaltung, weil sie keine Rollenkonfigurationen mehr zulässt. Dank der Synchronisationsmöglichkeiten zwischen den einzelnen Diensten ist man immer derselbe Nutzer, der bestimmte Dinge sagt oder Aktivitäten nachgeht, die er in der sogenannten Community vielleicht lieber verbergen möchte. Man kann also gar nicht im "Privatmodus" in sozialen Netzwerken unterwegs sein, weil das Dispositiv des Profils grundsätzlich öffentlich ist. Wenn Zuckerberg also behauptet, die Zukunft sei privat, dann ist das nicht mehr bloß die Absage an den Staat, jenes libertäre Mantra von der Überlegenheit der Privatwirtschaft, den man alle Nase lang hört, sondern auch die Ansage, den öffentlichen Raum zu okkupieren.

Darin steckt die eigentliche politische Sprengkraft: Dass die "Öffentlichkeit" privatisiert und eingedampft wird. Zwar unterliegen Tech-Konzerne den Gesetzen. Doch was letztlich für einen immer größeren Teil der Öffentlichkeit relevant ist, wird in nicht öffentlichen Verfahren im Maschinenraum der Konzerne entschieden.

Natürlich gab es historisch gesehen nie die eine Öffentlichkeit, sondern schon immer zahlreiche Nebenöffentlichkeiten, die in der bürgerlichen Öffentlichkeit praktisch keine Rolle spielten. Subkulturen etwa, egal ob sie sich am unteren oder oberen Rande der Gesellschaft ansiedelten. Insofern ist die Öffentlichkeit auch ein hegemoniales Konstrukt.

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