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Facebook-Film "The Social Network":Soziopathen wie wir

In den USA ist eine heftige Debatte entbrannt: Wird David Finchers Film "The Social Network" dem Phänomen Facebook gerecht oder handelt es sich nur um eine billige Hollywood-Retourkutsche gegen das Internet?

Der berühmteste Jungunternehmer der Welt ist ein Soziopath. Wer den Film The Social Network für bare Münze nimmt, kann kaum zu einem anderen Fazit kommen.

Mark Zuckerberg , Facebook

Facebook-Chef Zuckerberg (2007): Es gibt kein Warum.

(Foto: AP)

Das wenig schmeichelhafte Porträt des Facebook-Gründers Mark Zuckerberg sorgt derzeit in den USA nicht nur für Schlangen an den Kinokassen, sondern auch für kontroverse Diskussionen: Regisseur David Fincher dekonstruiert neben der Wunderkind-Figur Zuckerberg auch den Jungunternehmer-Mythos des Silicon Valley.

Die revolutionären Nerds, die mit Hilfe ihrer Computerkünste nicht nur zu erfolgreichen Geschäftsmännern werden, sondern über ihr Verständnis der disruptiven Kraft des Internets unsere Kommunikation und ganze Industrien umkrempeln - bei Fincher werden sie zu getriebenen Außenseitern, die auf dem Weg nach oben über (Business-)Leichen gehen.

Diese Erklärung ist Kritikern des Films nicht genug. "Es gibt kein Warum", bemängelt der prominente Medienberater Jeff Jarvis, "der Film beschreibt keine Motive, schreibt sie Zuckerberg nicht einmal zu - keine Vision, keine Strategie, keine Ziele."

Ein Wunderkind ohne Vision - dieser Vorwurf wiegt schwer in einer Welt, in der mächtige Internetfirmen sich einen philosophischen Überbau voller Superlative geben: Facebook selbst hat ja die Vernetzung der Menschheit als Ziel ausgegeben, Google will das Weltwissen online zugänglich machen und "nicht böse sein", Apple gab bei seinem neuesten iPhone bescheiden an, dieses würde "alles verändern. Schon wieder."

Eine neue Mediengattung

Nun gehören messianische Versprechen zum PR-Wortschatz vieler Unternehmen, nicht nur in Kalifornien. Die großen Internetkonzerne repräsentieren durch ihre Eroberung der neuen Technologien jedoch "die Möglichkeit einer neuen Mediengattung, jahrhundertealte Privilegien und Zugangsbeschränkungen zu zerstören, die in jeder anderen Generation außer der jetzigen die Oberhand behalten hätten", wie ein Autor der Huffington Post schreibt.

Das Eindampfen dieses Rahmens auf einen einfachen Wissensvorsprung, der Zuckerberg zum Genie macht, werfen Kritiker vor allem Drehbuchautor Aaron Sorkin vor. Der West-Wing-Macher, schreibt der Internetrechtler Lawrence Lessig, könne Dialoge komponieren, in denen "Studenten durchgehend mit dem Witz und der Brillanz eines George Bernard Shaw oder eines Bertrand Russel sprechen" - vom Wesen des Internets, dem offenen Ökosystem, das ein Phänomen wie Facebook erst ermögliche, habe er keine Ahnung.

Sorkin selbst hat angegeben, sich nicht für Facebook zu interessieren und das Internet vor allem zum Abrufen seiner Mails zu verwenden. Hinter dieser vermeintlichen Arroganz, vermutete New-York-Magazine-Autor Mark Harris nach einem Gespräch mit dem Autor, verberge sich die klassische Haltung der Vertreter alter Medien, die in den Machern der neuen digitalen Lebenswelten schlicht Emporkömmlinge sehen, substanzlos und durch Zufall an die Oberfläche gespült.

Ob die Fiktionalisierung Zuckerbergs wahres Wesen grotesk verzerrt, ihm gerecht wird oder der Film den Facebook-Chef sogar überhöht, können am Ende nur diejenigen beurteilen, die den 26-Jährigen näher kennen.

Vielleicht ist das auch die große Ironie der ganzen Diskussion: Der Mann, der das Zeitalter der Privatsphäre für beendet erklärte, verschwimmt nach The Social Network zu einer diffusen Projektion dessen, was Betrachter in ihm sehen wollen.

Und damit geht es ihm genau wie dem Internet selbst.