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Facebook:Facebook öffnet seine No-go-Area für Renate Künast

Ist ein Facebook-Konto vererblich?

Renate Künast war im Löschzentrum von Facebook in Berlin zu Gast.

(Foto: dpa)
  • Im Facebook-Löschzentrum in Berlin entfernen 650 Mitarbeiter brutale und rechtswidrige Inhalte von der Seite, etwa Kinderpornos, Enthauptungsvideos und Hassreden.
  • Besuche von Politikern und Journalisten waren dort bis heute verboten. Der Bundestagsabgeordneten Renate Künast wurde nun Einlass gewährt.
  • Im SZ-Magazin hatten Mitarbeiter von Facebook vor Monaten anonym über ihren belastenden Arbeitsalltag gesprochen.

Es ist eigentlich absurd, dass diese Information überhaupt eine Nachricht wert ist: Deutschlands oberste Verbraucherschutzpolitikerin darf eine Firma in Berlin besuchen, um sich ein Bild von Arbeitsalltag und -bedingungen der Mitarbeiter zu machen. Das sollte Alltag sein. Reine Selbstverständlichkeit. Aber weil es hier um Facebook geht, ist die Sache eben komplizierter.

Mehr als zwei Jahre hat Künast, Bundestagsabgeordnete der Grünen und Vorsitzende des Ausschusses für Recht und Verbraucherschutz, um Einlass ins Facebook-Löschzentrum gebeten, das die Bertelsmann-Firma Arvato am Berliner Wohlrabedamm betreibt. Dort arbeiten 650 Menschen daran, brutalste Inhalte von Facebook zu entfernen: Kinderpornos, Enthauptungsvideos, schlimmste Gewalt und Hassreden. Immer wieder wurde sie vertröstet. Als sie heute dann doch für drei Stunden die Büros der Firma inspizieren und mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Facebook und Arvato sprechen durfte, war das Medieninteresse riesig.

Facebook verdient sein Geld damit, dass Menschen auf der Seite möglichst viel über sich preisgeben - und so Inhalte schaffen, die für andere Leute interessant sind. Doch das Unternehmen von Mark Zuckerberg gibt Informationen am liebsten scheibchenweise heraus. Kaum etwas scheint die Firma mehr zu fürchten, als den Verlust über die Kontrolle darüber, wie Facebook in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Und das Löschzentrum ist eben der Ort, an dem die Probleme des Unternehmens besonders augenscheinlich werden: Im Gegensatz zur bunten Sitzsackwelt mit Gratiskantine und großzügigen Gehältern arbeiten dort schlecht bezahlte Klickarbeiter, ein digitales Prekariat, das nur deshalb durch den Horror des Netzes klicken muss, weil Computer noch zu unzuverlässig für diesen Job sind.

Besuche von Politikern im Löschzentrum waren bis heute verboten, Journalisten und unabhängige Gewerkschafter durften die Löschzentrale bis heute nicht besuchen. Erst nachdem ehemalige und derzeitige Mitarbeiter vor einigen Monaten im SZ-Magazin anonym über ihren belastenden Arbeitsalltag gesprochen haben, wurde ihnen professionelle psychologische Hilfe zur Seite gestellt. Doch der Druck ist teilweise noch gestiegen, berichten einige Quellen: Unbemerkt von der Öffentlichkeit hat Arvato ein weiteres Löschzentrum in Marokko eröffnet. Die Vorgesetzten machen klar: Wer aufmuckt, der riskiere eben, dass die Arbeit dorthin verlagert werde. So berichten mehrere derzeitige und ehemalige Mitarbeiter übereinstimmend.

Mitarbeiter berichten von hohem Druck und ständig steigenden Anforderungen

Renate Künast ist natürlich ein Profi im Besichtigen von Firmen, sie weiß, dass sich Arvato und Facebook heute von der besten Seite gezeigt haben. Sie zeichnet gegenüber der Öffentlichkeit ein Bild von einem Konzern, der durchaus bemüht ist, sich um seine Angestellten zu kümmern. Ihr sei versichert worden, dass es ausreichende Betreuungen und Schulungen für das Löschteam gebe, sagte sie im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Und dass es keine konkreten Vorgaben gäbe, wie viele der schrecklichen Inhalte ein einzelner Mitarbeiter pro Tag anschauen und bewerten müsse.

Ein Widerspruch zu den Aussagen der derzeitigen und ehemaligen Mitarbeiter von Arvato, die mit dem SZ-Magazin gesprochen haben. Sie berichten von hohem Druck und ständig steigenden Anforderungen, um die Flut an Hass und Gewalt halbwegs schnell von Facebook zu entfernen. Gesprochen habe Künast allerdings nur mit dem deutschsprachigen Löschteam. Das arabische, französische oder spanische Team, in denen die Mitarbeiter oft mit anderen Problemen zu kämpfen haben, will sie aber beim nächsten Mal sprechen. Sie will wiederkommen.

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