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Covid-19:Wie ein Excel-Fehler 16 000 britische Corona-Fälle verschwinden ließ

Mehr als 42 000 Menschen sind in Großbritannien an Covid-19 gestorben, mehr als in jedem anderen europäischen Staat.

(Foto: PAUL ELLIS/AFP)

Weil eine Behörde ein veraltetes Microsoft-Dateiformat für ihre Corona-Zahlen verwendete, erfuhren wohl Tausende Briten zu spät von ihren möglichen Risikokontakten.

Von Max Muth

In den britischen Covid-19-Statistiken sind am Wochenende überraschend Tausende bislang ungezählte Covid-19 Fälle aufgetaucht. Der Interimschef der britischen Gesundheitsbehörde (PHE) Michael Brodie machte dafür in einem Statement vom Sonntag einen nicht näher spezifizierten "technischen Fehler" verantwortlich. Das Problem habe dazu geführt, dass 15 841 positiv getestete Fälle nicht in der Corona-Fallübersicht aufgetaucht seien. Die meisten stammten demnach aus der Zeit vom 25. September bis zum 2. Oktober. Die fehlenden Fälle waren auch nicht an die Stellen weitergegeben worden, die mögliche Kontaktpersonen warnen sollen.

Die BBC und der Guardian haben nun herausgefunden, worin der "Fehler" bestand. Demnach hätten die Beamten der Behörde für ihre Tabellen Microsofts Bürosoftware Excel verwendet. Jeden Tag seien Ergebnisse aus den Covid-19-Testlabors automatisch in eine Tabelle eingelaufen, von der aus das die Daten dann an die Corona-Statistiker und die Nachverfolgungs-Teams weitergereicht wurden. Das Problem: Microsofts notorisch nervenraubendes Programm ist für sehr große und ständig wachsende Datenmengen nicht ausgelegt.

Gesundheitsbehörde verwendete veraltetes Dateiformat

Die britische Gesundheitsbehörde verwendete der BBC zufolge die veraltete Excel-Dateiendung .XLS für ihre Tabellen. Der Dateityp, der seit 1987 im Einsatz ist, verträgt nur maximal 65 000 Zeilen - und damit deutlich weniger als das modernere .XLSX-Format. Die angeschlossenen Testlabore übermittelten jeden Abend die neuen Testergebnisse in einer Datei mit der Endung .CSV. Das steht für Comma Separated Values (Deutsch: durch Kommas getrennte Werte), dieses Format hat keinerlei Beschränkung, was die Zahl der Datensätze angeht. Die Gesundheitsbehörde überführte die Daten aus der CSV-Datei jedoch in ein XLS-Tabellenblatt, das ab 65 000 Einträgen nicht mehr aktualisiert wurde. Die Covid-19 Testergebnisse waren einfach zu viel für Microsofts altes Dateiformat.

Viele IT-Experten kritisierten, dass für diese wichtige Arbeit überhaupt ein Programm wie Excel verwendet wurde. Cambridge-Professor Jon Crowcroft sagte der BBC, es gebe Dutzende sinnvolle Anwendungen für derartiges Datenmanagement, aber "niemand käme auf die Idee mit XLS-Dateien anzufangen".

Der Anwenderfehler der Behörde hat auch die Politik aufgeschreckt. Er bringe viele Menschen in Gefahr, sagte Jonathan Ashworth, Gesundheitsexperte der oppositionellen Labour-Partei. "Tausende Menschen hatten keine Ahnung, dass sie dem Virus ausgesetzt waren, und haben die Krankheit so möglicherweise unwissentlich weiterverbreitet. Und das zu einer Zeit, in der die Krankenhäuser ohnehin wieder voller werden", sagte Ashworth vor dem britischen Unterhaus. Gesundheitsminister Hancock gab zu, "der Fehler hätte nie passieren dürfen". Immerhin habe die Behörde jedoch schnell reagiert.

Auch Ökonomen machen Excel-Fehler

Um das Problem kurzfristig zu lösen, hat die Gesundheitsbehörde der BBC zufolge die Tabellenblätter aufgeteilt, damit das Limit nicht erreicht wird. Insider seien sich jedoch im Klaren darüber, dass es eine Lösung braucht, in der Excel gar nicht mehr vorkommt.

Immer wieder führen Anwenderfehler in Microsofts Tabellenprogramm zu teils drastischen Konsequenzen. Die Fälle wurden irgendwann so zahlreich, dass sich britische Forscher 1999 zur "Europäischen-Spreadsheet-Risiko-Interessengruppe" (EuSpRIG) zusammenschlossen, um das Excel-Fehlerrisiko zumindest durch Erfahrungsaustausch zu senken.

Die Gruppe sammelt auf ihrer Webseite die folgenschwersten Excel-Fehler der Geschichte. In der Liste finden sich viele Fälle, in denen Firmen und Behörden sich um Millionen Euro verrechneten. Einer der peinlichsten Fehler stammt jedoch aus der Volkswirtschaftslehre. So begründeten viele Staaten der Welt jahrelang ihre strenge Sparpolitik unter anderem mit einem akademischen Artikel der Ökonomen Reinhart und Rogoff. Ihre These, dass hohe Staatsverschuldung zu geringerem Wachstum führt, schien unter anderem wegen eines Flüchtigkeitsfehlers in Excel plausibel. Rogoff und Reinhart zufolge schrumpfte die Wirtschaft jener Staaten, die mit über 90 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts verschuldeten Volkswirtschaften im Durchschnitt um 0,1 Prozent. Hätten die Forscher Excel richtig verwendet, dann hätten sie herausgefunden, dass diese Staaten tatsächlich robustes Wachstum (2,2 Prozent) aufwiesen.

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