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Desinformation im Netz:Müllnachrichten für die Eurosphäre

FILE PHOTO: A 3D printed Facebook logo is placed on broken glass above a printed EU flag in this illustration

Facebook-Logo vor der Europaflagge.

(Foto: REUTERS)
  • Desinformation vor den Europawahlen? Auf den ersten Blick kommen zwei Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen.
  • Die Analyse der Meinungsbildung auf Social Media wird schwieriger - aus Datenschutzgründen, aber auch durch die Standards der Plattformen.
  • Das Transparenzregister für politische Werbung weist deutliche Lücken auf.

Die Europawahl naht und mit ihr mancherorts auch die sorgenvolle Frage: Laufen verdeckte Desinformationskampagnen, die den Wahlausgang am Sonntag maßgeblich beeinflussen könnten?

Die Wortmeldungen aus den vergangenen Tagen dazu klingen unterschiedlich. Die EU-Kommission bescheinigt Facebook, Twitter und Google, sich im Kampf gegen Desinformation auf ihren Plattformen "angestrengt" zu haben. Auf politischen Druck hin legen Google und Facebook seit kurzem detailliert dar, welche politischen Akteure bei ihnen Anzeigen kaufen.

Falschmeldungen werden rund um die Europawahlen ohnehin überschätzt, lautet wiederum der Tenor des "Computational Propaganda Projects", einer Forschungsgruppe am britischen Oxford Internet Institute (OII).

Die progressive Nichtregierungsorganisation Avaaz ihrerseits führt dagegen eine eigene Recherche an, die in den vergangenen Monaten eine "Flut von Desinformationen" nachgewiesen und zur Löschung von Hunderten Facebook-Konten geführt habe.

Passt das zusammen?

Die Oxford-Forscher gingen folgendermaßen vor:

  • Sie sammelten im April mehr als 137 000 europäische Tweets, die in der jeweiligen Landessprache mit Hashtags rund um die Europawahl (zum Beispiel #EUElection oder #EuropeanParliament) verschlagwortet waren und auf Nachrichtenartikel verlinkten.
  • Zugleich teilten sie Nachrichtenquellen in seriöse Portale (wie zum Beispiel SZ.de oder CNN) und "Junk News", also Müllnachrichten ein, darunter zum Beispiel Breitbart oder "deutschland-kurier".
  • Auf Facebook wählten sie die jeweils fünf beliebtesten "Junk-News"-Portale aus und verglichen Interaktionen, also Likes, Shares und Kommentare, mit den beliebtesten klassischen Nachrichtenseiten.

Das Ergebnis:

  • Auf Twitter verwiesen nur vier Prozent der geteilten Links auf die "Müllnachrichten"-Quellen - in Polen allerdings zum Beispiel jeder fünfte Tweet.
  • Auf Facebook erhielten Quellen wie der Guardian oder Le Figaro deutlich mehr Interaktionen, veröffentlichten aber auch ein Vielfaches an Inhalten.
  • Bei den Interaktionen pro Artikel, also Likes, Shares und Kommentare, dagegen übertreffen "Junk News" die etablierten Marken deutlich.
  • Besonders hierzulande ist das Verhältnis extrem: "In Deutschland, haben die Top 5 Quellen für Junknachrichten sechsmal so viele Interaktionen - Likes, Shares und Kommentare - generiert wie die Top 5 der professionellen Nachrichtenquellen", so Lisa-Maria Neudert, Mitautorin der Oxford-Studie zu SZ.de. "Das war von allen Sprach-Sphären, die wir untersucht haben die verhältnismäßig größte Interaktion für Junk News. Sie haben also ein enormes Viralitätspotenzial." Das Viralitätspotenzial führen die Forscher vor allem auf die emotionalen Anreize zurück.
  • Die Falschnachrichten stammten in der Regel aus den eigenen Ländern, Indizien für eine der vielzitierten "russischen Kampagnen" gab es nicht.

Avaaz dagegen, als Aktivisten-Organisation dem progressiven Spektrum zuzuordnen, suchte drei Monate lang in mehreren Ländern gezielt nach Beiträgen und Auffälligkeiten auf Facebook, die dem rechten Miileu zuzuordnen sind.

Das Resultat bei Avaaz:

  • Avaaz identifizierte nach eigenen Angaben zahlreiche "Desinformationsnetzwerke" in sechs europäischen Ländern.
  • Darunter fasst die Gruppe zum Beispiel: Nutzer, die als Administratoren mehrerer Gruppen identische rassistische Beiträge oder Falschnachrichten verbreiten. Unterstützergruppen für auf Facebook gesperrte Personen wie den britischen Rechtsradikalen Tommy Robinson. Nutzer, die offensichtlich gefälschte Konten oder Doppel-Konten betreiben - in der Regel, um bestimmten Inhalten Reichweite zu verschaffen.
  • Als Beispiel für "Falschnachrichten" nennt die Organisation einen Screenshot aus einem Film, der benutzt wurde, um eine Lüge über migrantische Taxifahrer zu belegen, die angeblich polnische Frauen vergewaltigen würden.
  • Zur Strategie der Seiten-Administratoren gehörte auch, Gruppen zunächst unter Themen wie Musik oder Lifestyle laufen zu lassen und sie dann bei entsprechender Fan-Zahl zur Platzierung politischer Inhalte zu nutzen.
  • Die Organisation meldete 550 Seiten und Gruppen. Facebook löschte 77 davon. Von den 328 gemeldeten Profilen entfernte der Konzern mehr als zwei Drittel.
  • Nach der Avaaz-Berechnung hatten die gelöschten Nutzer, Gruppen und Seiten insgesamt 5,9 Millionen "Fans".
  • Für Deutschland führt Avaaz das Beispiel zweier AFD-Politiker an, von denen mehrere Profile vorlagen (ob sie diese selbst betrieben, ist unklar), sowie AFD-Unterstützergruppen, die unter verschiedenem Namen von einem einzigen Administrator betrieben wurden.

Die Oxford-Forscher und Avaaz untersuchten also unterschiedliche Felder. Ob Mehrfach-Profile und Multi-Administration als Kriterium für ein Desinformationsnetzwerk genügen, dürfte umstritten sein, genau wie die Definition von "Hasspostings" weiterhin Diskussionen aufwirft. Facebook erklärt, es gebe keine Hinweise auf "coordinated inauthentic behavior", also koordinierte Kampagnen.

Die OII-Forscher wiederum beschränkten sich bei Twitter nur auf Hashtag-Suchen, was wiederum den untersuchten Kontext eingrenzt. Insgesamt scheint weiterhin vor allem zu gelten: Wut klickt gut. Doch wie Müllnachrichten-Verbreitung, koordiniert oder nicht, das Wahlverhalten beeinflusst, ist eine komplexere Frage.

Bedarf für Datenanalysen besteht also weiterhin, doch das Feld ist auch von den Plattformen abhängig. Einschränkungen sind von Seiten der Netzwerke gewollt. "Nur explizit öffentliche Postings können über Programmierschnittstellen erfasst werden. Geschlossene und private, egal wie viele Tausend Menschen sie nutzen, können nicht automatisiert erfasst werden", so der Social-Media-Analyst Luca Hammer. "Ein Gesamtbild gibt es also nicht, immer nur Annäherungen."

Diese Annäherung wird auch durch die wachsende Bedeutung privater Kommunikation über Whatsapp oder andere Messenger erschwert. In Ländern wie Indien, Brasilien oder Sri Lanka ist dies Berichten zufolge bereits der wichtigste Kanal für versuchte politische Beeinflussung. Ob dieser Trend auch nach Europa schwappt, ist bislang noch nicht geklärt. Was genau in solchen Chat-Gruppen passiert, ist von außen praktisch nicht nachvollziehbar.

Forscher und Nichtregierungsorganisationen halten solche Grenzen datenschutzrechtlich geboten, kritisieren aber, dass Plattformen selbst bei öffentlichen Informationen schlechte Voraussetzungen für datengetriebene Forschungsarbeit bieten. "Die effektivste Maßnahme wäre vollkommene Transparenz bei Werbung", sagt Social-Media-Analyst Hammer. "Es sollte auch die beabsichtigte Zielgruppe sichtbar sein. Derzeit werden nur demografische Daten, der tatsächlich erreichten Accounts angezeigt. Wichtiger wäre aber, wen die Werbetreibenden zu erreichen versucht haben."

Lücken bei der Wahlwerbe-Transparenz

Ein Blick auf die Seite der Youtube-Mutter Google zeigt, dass im Europawahlkampf politische Werbung offenbar nicht überall dokumentiert wird: Während in Deutschland seit März mehr als 200 000 Euro für Polit-Anzeigen ausgegeben wurde, waren es der Dokumentation zufolge in Frankreich 250 Euro. In Ländern wie Portugal und Luxemburg ist gar nichts eingetragen.

Julian Jaursch, der für den Thinktank "Stiftung Neue Verantwortung" ein Projekt zur Stärkung der Digitalöffentlichkeit leitet, warnt ohnehin davor, sich auf Desinformation "als Wahlzyklen-Phänomen" zu konzentrieren. "Grundsätzlich bilden Falschinformationen ein omnipräsentes System, um die Stimmung im Land anzuheizen und eine Debatte anzutreiben, die sonst nicht da wäre."

Das signalisiert auch die Oxford-Studie: Ihren Falschnachrichten-Traffic generierten die "Junk News"-Seiten nicht mit Beiträgen, die auf die Europawahl Bezug nehmen, sondern vorwiegend mit klassischen Anti-Einwanderungs- und Anti-Islam-Inhalten.

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