Eugene Kaspersky "Ich habe Putin dreimal die Hand geschüttelt, Merkel nur einmal"

Eugene Kaspersky ist mit seiner Sicherheits-Software erfolgreich - und in Washington unbeliebt. Auf dem SZ-Wirtschaftsgipfel kontert er ironisch den Vorwurf, seine Software helfe dem russischen Geheimdienst.

Von Jannis Brühl, Berlin

Die Zeigefinger von Eugene Kaspersky fahren durch die Luft, sie zeigen nach vorn, zur Seite und nach oben, er wirft den Kopf in den Nacken und schaut an die Decke. "Die Türschlösser, die Feuermelder, die Klimaanlagen: Cyber ist überall", sagt er. Und aus Sicht des 52-jährigen IT-Unternehmers heißt das: Überall ist eine Angriffsfläche für Viren und andere digitale Attacken. Der Russe leitet von Moskau aus Kaspersky Labs - und 400 Millionen Menschen, Unternehmen und Institutionen nutzen die Antivirensoftware seiner Firma, der Jahresumsatz liegt bei mehr als 600 Millionen Euro.

Kaspersky ist IT-Fachmann und hat sein Auftreten als Cyber-Erklärer, Entertainer und Selbstvermarkter perfektioniert. Nachdem er sich auf dem SZ-Wirtschaftsgipfel den Fragen gestellt hat, baut er sich im Hotel Adlon auf der Bühne auf. Dann macht er vor dem vollen Saal Werbung für seine E-Mail-Adresse und seine Webseite mit "very funny travel pictures".

Wer spionierte die Spione aus?

Das ist die normale Kaspersky-Show, aber bei allen Scherzen: Die vergangenen Monate hätten ihn mitgenommen, sagt er. Sein Unternehmen ist zwischen die Fronten eines geopolitischen Machtspiels geraten. Russland und die USA beharken sich in einem Streit mit Hacks, Leaks und Online-Propaganda. Es geht unter anderem um den Vorwurf, Russland habe über das Internet gezielt in den US-Wahlkampf eingegriffen. "Es ist eine sehr schwierige Zeit für mich, weil sie mich für all das verantwortlich machen." Damit meint er die Amerikaner: Vor Kurzem haben die USA Kaspersky Labs geächtet. Das Heimatschutzministerium hat amerikanischen Behörden untersagt, dessen Software zu benutzen. Der Vorwurf: Russische Hacker sollen Kaspersky-Produkte gezielt ausgenutzt haben, um an wertvolle Geheimnisse der US-Nachrichtendienste zu kommen. Kaspersky bestreitet die Vorwürfe. Er sei, so schwört er, "einer von den Guten".

In solchen digitalen Kämpfen nehmen Hersteller von Antivirensoftware eine heikle Rolle ein. Um Computer von Bürgern, Unternehmen und Staaten zu schützen, muss ihre Software weitreichende Zugriffsrechte auf diese Rechner erhalten. Das bringt die Unternehmen in eine privilegierte Position. Sie können, wenn ihre Programmierer es wollen, auf heikle Dokumente auf den Festplatten zugreifen.

Darum geht es in dem Fall von digitalen Angriffswerkzeugen des US-Geheimdienstes NSA, der Auslöser - oder, je nach Perspektive: Vorwand - für den Regierungsbann gegen Kaspersky war. Die Daten hatte ein NSA-Mitarbeiter vorschriftswidrig auf seinem Privatcomputer, als dieser gehackt wurde. Auf dem Rechner fanden Ermittler auch Sicherheitssoftware aus dem Hause Kaspersky.

Antivirenprogramme wühlen auch tief im Softwarecode auf den Computern - das ist ihr Job. Dabei finden sie neben kommerzieller Schadsoftware von Abzockern manchmal auch Spuren staatlichen Hackings. So spürte Kaspersky schon geheime amerikanische, britische und israelische Ausspähaktionen auf. Darunter war auch der berüchtigte Stuxnet-Angriff, mit dem 2010 das iranische Atomprogramm attackiert wurde und der damals sogar Zentrifugen ausfallen ließ. Zudem hat Kaspersky eine Hackergruppe enttarnt, die als Elite-Team der NSA gilt. Ist ein digitaler Angriff aber einmal enttarnt, können die Angegriffenen die Sicherheitslücken schließen. Entsprechend verhasst dürfte das Unternehmen bei den Verantwortlichen in den Geheimdiensten sein.

Enthüllungen von NSA-Hacking-Werkzeugen sind tatsächlich auch im Interesse Russlands - man kann Kaspersky aber nicht vorwerfen, sich allein auf westliche Spionageaktionen eingeschossen zu haben. Das Unternehmen deckte auch mehrere Hacking-Operationen aus Russland auf und analysierte Spuren der Hacker-Gruppe APT29, die viele Fachleute dem russischen Staat zuordnen. Sie soll unter anderem Bundestagsabgeordnete ausspioniert haben. Auf diese Aktionen weist auch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik hin. Die deutsche Behörde steht auch nach den Vorwürfen aus den USA zu Kaspersky-Software und lobt das Unternehmen öffentlich.

Mit Behörden arbeite er nur gegen Kriminelle zusammen, sagt Kaspersky

Trotzdem hat die Skepsis gegen Kaspersky mittlerweile die andere Seite des Atlantiks erreicht. Der britische Geheimdienst GCHQ soll starke Bedenken gegen den Einsatz seiner Software haben, berichtete am Sonntag die Financial Times.

Kaspersky-Kritiker wie der russische Autor Andrej Soldatow weisen allerdings immer wieder darauf hin, dass der russische Geheimdienst FSB Druck auf die IT-Unternehmen des Landes macht. Und dass Kaspersky einst in der Informatikschmiede des KGB ausgebildet wurde, hilft auch nicht, den Verdacht zu zerstreuen. Auf der Bühne weist Kaspersky zu große Nähe zum Kreml zurück - natürlich ironisch: "Ich habe Putin dreimal die Hand geschüttelt, und Angela Merkel nur einmal." Wenn überhaupt, arbeite er mit Behörden zusammen, um Kriminelle im Netz zur Strecke zu bringen. Dabei bevorzuge er auch keinen bestimmten Staat.

"Null Kooperation in Sachen Spionage"

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Ohnehin will Kaspersky lieber über aktuelle Gefahren sprechen. Entscheidend sei, kritische Infrastruktur wie Kraftwerke und das Stromnetz zu schützen. "Wenn sie keine Energie mehr haben, das ist das Ende der Welt!", ruft er. Er könne, so sieht es Kaspersky, dabei helfen, dass so etwas nicht passiert. Und Beweise gegen ihn gebe es bisher "zero", sagt er, keine. Da habe wohl einfach jemand eine Rechnung mit ihm offen. Und dann folgt ein Exkurs in die Philosophie des Informatikers: "Im Cyberspace gibt es nur Fakten. Wahrheit und Unwahrheit - 0 und 1." Alles einfach, alles binär, wie die Sprache der Maschinen. Dass Kaspersky die beherrscht, darüber zumindest besteht kein Zweifel.