Süddeutsche Zeitung

Enthüllungen zu Guantanamo:Wikileaks: Das letzte Hurra?

Weil die Guantanamo-Akten bereits in Medienkreisen kursierten, zog Wikileaks die Veröffentlichung vor. Nun beschuldigt Julian Assange einmal mehr einen alten Mitstreiter, ihn verraten zu haben. Doch Indiskretionen sind nicht das einzige Problem der Plattform.

Johannes Kuhn

Die Veröffentlichung der Gefangenen-Akten von Guantanamo ist bereits spannend genug - ein weiterer Krimi spielte sich aber offenbar im Hintergrund ab. Im Mittelpunkt: Wikileaks-Chef Julian Assange, sein ehemaliger Mitstreiter Daniel Domscheit-Berg, zahlreiche englischsprachige Medienhäuser. Wie stets bei Wikileaks geht es um Geheimnisse, Verrat und sehr viel Stolz.

Als Wikileaks am Sonntagabend die ersten 127 von 779 Guantanamo-Akten auf seiner Seite veröffentlichte, geschah dies nicht freiwillig. Eigentlich hatte die Organisation geplant, die Dokumente erst zu einem späteren Zeitpunkt in einer konzertierten Medienaktion mit sieben Partnern an die Öffentlichkeit zu bringen.

Zu diesen gehörten unter anderem die Tageszeitungen Washington Post (USA), The Telegraph (Großbritannien), El País (Spanien), Le Monde (Frankreich), aber auch das deutsche Wochenmagazin Der Spiegel.

Allerdings ahnte man im Wikileaks-Lager offenbar nicht, dass sich die Dokumente auch im Besitz der New York Times befanden, die diese wiederum an den britischen Guardian und das US-Radionetzwerk NPR weitergaben.

Weil Guardian und New York Times die Auswertung der Akten in ihren Montagsausgaben veröffentlichten, hob Wikileaks das Embargo nach Angaben beteiligter Medienhäuser Sonntagabend umgehend auf - und stellte die ersten Dokumente praktisch in dem Moment online, als auch die Berichte von Guardian, New York Times und NPR ihren Weg ins Netz fanden. Partner wie Washington Post und Telegraph zogen schnell nach, der Spiegel publizierte seine Auswertung im Laufe des Montags in seiner Online-Ausgabe.

Assange: Wut auf Times und Co.

Der Wettlauf um die Veröffentlichung hat auch mit persönlichen Befindlichkeiten zu tun: New York Times und Guardian waren für Wikileaks lange Zeit der erste Ansprechpartner, wenn es um die Publikation brisanter Dokumente ging.

Allerdings hat sich Ober-Enthüller Julian Assange inzwischen von den beiden Verlagshäusern abgewandt: Ein wenig schmeichelhaftes Porträt in der New York Times verärgerte ihn ebenso wie der Schritt des Guardian, ausführliche Auszüge aus staatsanwaltliche Akten zu den Ermittlungen gegen ihn zu veröffentlichen. Assange wird in Schweden der Vergewaltigung beschuldigt und kämpft derzeit in Großbritannien gegen seine Auslieferung.

Umgekehrt dürfte die New York Times wohl kaum gezögert haben, als ihr die Guantanamo-Dokumente zugespielt wurde. Wer allerdings die Akten weitergegeben hat, ist noch unklar: Über Twitter beschuldigte Wikileaks den ehemaligen Mitstreiter und jetzigen Kopf der Enthüllungsplattform OpenLeaks, Daniel Domscheit-Berg, die Daten an die Medien herausgegeben zu haben.

Wikileaks: Probleme über Probleme

Domscheit-Berg hatte im Februar erklärt, unveröffentlichtes Datenmaterial sowie Software "sichergestellt" zu haben, als er Wikileaks im Sommer 2010 verlassen habe. Als Grund gab er an, dass die Daten bei Wikileaks nicht mehr sicher seien. Assange verlangt nun über einen Anwalt von Domscheit-Berg, die Dokumente herauszugeben.

Auf Anfrage von sueddeutsche.de dementiert Domscheit-Berg energisch, in den aktuellen Fall verwickelt zu sein. "Ich habe den Tweet gestern mit großem Erstaunen gelesen und weiß selbst nicht, was dieser Vorwurf soll", schreibt er in einer E-Mail. "Ich musste zwar schon häufiger als Generalverdächtiger herhalten, es ist aber immer wieder komisch. (...) Ich hatte keinen Zugriff auf diese Dokumente und habe auch nicht mit der New York Times oder sonst wem konspiriert."

Als sicher gilt, dass die Datensätze offenbar aus dem gleichen Fundus stammen, aus dem schon die Irak-Videos und die US-Botschaftsdepeschen kommen. Es wird vermutet, dass der US-Soldat Bradley Manning die Geheiminformationen an Wikileaks weitergegeben hat. Manning wartet derzeit auf seinen Prozess, ihm droht eine lange Haftstrafe.

Mit den Veröffentlichungen ist Wikileaks wahrscheinlich seine vorerst letzte große Militärenthüllung gelungen. Einzig ein Kriegsvideo aus Afghanistan soll aus dem zugespielten Paket noch nicht publiziert worden sein.

Hochlade-Mechanismus außer Betrieb

Hinter der Zukunft der Organisation stehen viele Fragezeichen: In erster Instanz hat ein Londoner Richter die Auslieferung Assanges nach Schweden erlaubt, der Fall geht nun in die Berufung.

Neben den privaten Problemen Assanges lähmen auch technische Schwierigkeiten die Plattform: Der Hochlade-Mechanismus funktioniert bereits seit mehr als einem halben Jahr nicht mehr - der Nachschub an neuen Enthüllungsmaterialien ist also bereits seit langem unterbrochen.

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