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Elektronischer Bürgerbrief De-Mail:Wo die E-Post abgehen soll

Ab sofort können sich Nutzer bei Web.de und GMX für rechtssichere E-Mail-Adressen registrieren, um digital ihre Behördengänge und Geschäfte zu erledigen. Der Markt ist umkämpft, doch Datenschützer kritisieren das System.

Es ist eine Vision, die Komfort ausstrahlt: Künftig sollen Bundesbürger ihren Schriftverkehr mit Behörden oder ihre Geschäftsbeziehungen mit Unternehmen per Internet erledigen könnte. Ob Kündigung oder Antrag auf einen neuen Personalausweis: Was wir heute per Brief, Fax oder Gang aufs Amt durchführen müssen, sollen wir künftig per "De-Mail" regeln können.

De-Mail, das vom Bundesinnenministerium initiiert wurde, ist eine rechtsverbindliche E-Mail-Adresse: Ihr Inhaber ist mit voller Wohnadresse bekannt und über Verfahren wie Postident identifiziert. Wenn er per E-Mail seinen Internetanschluss kündigt, zählt dies wie ein Brief; wenn Behörden ihm eine De-Mail schicken, gerät diese nicht an den Falschen.

Nach einem ersten Pilotprojekt können seit heute Nutzer auf den Internetportalen Web.de und GMX ihre rechtsverbindliche De-Mail-Adresse registrieren. Auch wenn sich auf den Startseiten am Dienstagmorgen kein Hinweis auf das neue System fand, rechnet der Konzern United Internet, der hinter den beiden Portalen steht, mit einem regen Andrang: Denn wer sich jetzt eine Adresse im Stil von max.mustermann@web.De-Mail.de sichert, muss sich später nicht Namen wie "Max.M" oder "Max47" geben.

Die Post will aufholen

Da der digitale Brief nicht kostenlos sein wird, ist der Markt bereits jetzt heißumkämpft. Neben United Internet mischen auch noch Deutsche Post und Telekom im De-Mail-Geschäft mit. Gerade die Post, deren Kerngeschäft in den vergangenen Jahren unter der Digitalisierung der Kommunikation gelitten hat, steht unter einem enormen Druck: Im E-Mail-Bereich hat sie nicht den Startvorteil des Briefmonopols, zudem ist sie bislang noch nicht als Internet-Hoster in Erscheinung getreten.

Der Bonner Konzern will deshalb bereits Mitte Juli seine Version der De-Mail, den "E-Postbrief", anbieten. Die Konkurrenz startet erst gegen Ende des Jahres, da das "Bürgerportalgesetz", dass die De-Mail mit dem Brief rechtlich gleichstellt, erst zu diesem Zeitpunkt in Kraft treten soll. Um den Startvorteil auch ohne verbindliche Gesetzeslage zu nutzen, hat die Post Geschäftskunden wie die Allianz, den ADAC und SAP ins Boot geholt. Die Telekom will Konzernkreisen zufolge in Kürze ebenfalls mit der De-Mail-Registrierungsphase beginnen.

Gerade für Unternehmen bieten die elektronischen Einschreiben enorme Sparmöglichkeiten: Druckkosten, Material und Porto summieren sich bei einem herkömmlichen Brief meist auf mehr als 60 Cent - eine De-Mail wird deutlich billiger. Über Preise schweigen sich die Anbieter bislang aus - in der Branche rechnet man jedoch mit um die 15 Cent. Sollte es zu einem Preiskampf kommen, dürften mittelfristig sogar 10 Cent möglich sein.

Warum Datenschützer De-Mail skeptisch sehen

Weil wie beim Brief der Versender für eine De-Mail zahlt, werden Privatkunden nur in wenigen Fällen davon Gebrauch machen. Allerdings besteht für geschäftlichen E-Mail-Verkehr eine digitale Aufbewahrungspflicht von sechs Jahren - die Anbieter könnten deshalb über eine kostenpflichtige De-Mail-Archivierung zusätzliche Einnahmen generieren.

Da noch immer ein Drittel der Bevölkerung keinen Zugang zum Internet hat, bieten United Internet und die Post auch einen Hybrid-Brief an: Bei diesem können Kunden E-Mails versenden, die dann ausgedruckt, kuvertiert und per Post verschickt werden. United Internet liegt hier preislich mit 54 Cent symbolisch unter dem Standardbrief-Porto der Post, das bei 55 Cent liegt. Die Post selbst hat noch keinen Preis genannt, dieser dürfte Anträgen bei der Bundesnetzagentur zufolge jedoch zwischen 39 und 55 Cent liegen.

Geschlossenes System

Wie groß das Bedürfnis nach De-Mails wirklich ist, ist noch nicht abzusehen: Zwar erscheint es auf den ersten Blick verlockend, vertrauliche Korrespondenzen mit Behörden, Ärzten oder Anwalt nun auch per verschlüsselter De-Mail zu führen; gleichzeitig wird sich aufgrund des Portos die private Kommunikation weiter per regulärer Mail oder in sozialen Netzwerken abspielen, zumal das geschlossene De-Mail-System keine Nachrichten von herkömmlichen E-Mail-Adressen akzeptiert. Auch Registrierungshürden und die ungeklärte Form der Abrechnung könnten die Verbreitung behindern.

Datenschützer kritisieren zudem die Verschlüsselung. Diese wird, anders als bei gängigen Signierungen wie PGP oder GnuPG, nicht vom Nutzer, sondern vom Provider durchgeführt und ist damit prinzipiell auslesbar.

Internet-Aktivisten fürchten deshalb, dass der Dienst die Bürger ein Stück kontrollierbarer macht und zur Zentralisierung des Netzes beiträgt - beispielsweise, wenn künftig für Online-Einkäufe gesetzlich eine De-Mail-Adresse zum Nachweis des Alters gefordert werden sollte.

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