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E-Sport:Lieber Pixel-Rasen als gar kein Fußball

dpa-Story - E-Sport

Der Spieler Timo Siep vom VfL Wolfsburg spielt in Dortmund FIFA.

(Foto: Guido Kirchner/dpa/picture alliance)

In der Corona-Krise werden Fifa-Turniere im Amateurbereich immer beliebter. Das könnte den E-Sport nachhaltig verändern.

Es ist wahrscheinlich, dass auf den Fußballplätzen in ganz Deutschland bis September kein Spiel mehr ausgetragen wird, zumindest im Amateurbereich. Ob die Saison vorzeitig beendet wird oder nur unterbrochen, entscheiden die jeweiligen Fußball-Landesverbände. Der Bayerische Fußball-Verband (BFV) hat am Donnerstag beschlossen, den Spielbetrieb auszusetzen und die Spielzeit von September an zu Ende zu bringen. Geisterspiele wie bei den Profis wird es nicht geben. Vielen Hobby-Kickern fehlt ihr Sport. Virtuelle Ligen und Turniere sollen zumindest ein bisschen Abhilfe schaffen.

"Der Ausgangspunkt war eine unglaubliche Tristesse", sagt Julian Globisch von der Münchner Hobbymannschaft "Die Auswahl". Normalerweise tritt sie in der Royal Bavarian League an. Bayern war das erste Bundesland, das die Bewegungsfreiheit Mitte März einschränkte und damit auch den Sport. "Wir mussten uns irgendetwas einfallen lassen, um die Leute bei der Stange zu halten", sagt Globisch. Er und sein Team haben daraufhin die "Zock Liga" gegründet, in der einzelne Hobby-Spieler je ein virtuelles Team übernehmen.

Mehr als 60 Freizeitkicker haben sich für das Turnier angemeldet, das auf der Playstation 4 und der Xbox One ausgetragen wird. Nach einer Gruppenphase spielen sie jetzt in zwei Turnierbäumen, einem für die Besseren und einem für die Schlechteren, um den Titel "Bester Fifa-Spieler". Es geht vorrangig um den Spaß, keiner soll sofort rausfliegen. Das beste Team gewinnt am Ende einen Kasten Bier. "Unser Hauptziel ist es, die Leute zu connecten", sagt Globisch. "Man wird ja ein bisschen gezwungen, Freundschaften zu knüpfen, wenn man gegeneinander Fifa spielen will." Ähnlich wie in sozialen Netzwerken muss man sich im Computerspiel mit dem Account eines anderen Spielers anfreunden, bevor man ihn herausfordern kann.

Nachfrage nach Fifa-Turnieren in Bayern steigt

Amateur-Fifa-Ligen gibt es mittlerweile in einigen Regionen Deutschlands. Eine der ersten hat das Fußballportal FuPa-Niederrhein ins Leben gerufen, das von der Rheinischen Post betrieben wird. Organisator André Nückel zufolge haben rund 550 Spieler aus 216 Mannschaften mitgemacht. Eigentlich hatte das Finale schon an Ostern stattfinden sollen, doch durch Serverprobleme bei Fifa-Hersteller Electronic Arts (EA) hat sich der Zeitplan verschoben. Nun kämpfen am Sonntag der Bezirksligist FC Moers-Meerfeld und die Fortuna Bottrop II aus der Kreisliga A um den ersten Fifa-Titel am Niederrhein.

Der Hessische Fußball-Verband (HFV) hat vor kurzem den StayAtHome-Cup ausgerufen, in dem insgesamt 236 Fußballmannschaften gegeneinander antreten. Der BFV setzt dagegen unter demselben Namen auf Eigeninitiative aus den Vereinen. Auf seiner E-Sport-Plattform können bayerische Fußballvereine die Infrastruktur des Verbands nutzen, um eigene Turniere in Fifa 20 oder Pro Evolution Soccer 2020 (PES) auszurufen. Mit großem Erfolg: Laut BFV haben in den vergangenen vier Wochen 13 Wettbewerbe mit mehr als 800 Spielern stattgefunden. Unter den Ausrichtern waren Profiklubs wie der FC Augsburg, aber auch kleinere Vereine wie die Freie Turnerschaft Jahn Landsberg.

Auch die Profis sind in den vergangenen Wochen kurzerhand begleitet von viel Marketing-Getöse auf die Konsole umgestiegen. Als erste spielten Marco Ascensio (Real Madrid) und Co. den Fifa-20-Titel in der spanischen Liga aus. Interessante Randnotiz: Barcelonas Sergi Roberto durfte nicht wie ursprünglich geplant antreten, weil sein Klub einen Exklusivvertrag mit dem Fifa-Konkurrenzspiel "Pro Evolution Soccer" von Spielehersteller Konami hat.

Auch Turniere in "Call of Duty" und "League of Legends" sind vorstellbar

Die deutsche Nationalmannschaft ist in Computerspielen offenbar deutlich schlechter als auf dem Rasen. Zuletzt verlor sie alle drei virtuell angesetzten Freundschaftsspiele gegen Spanien, Norwegen und Frankreich. Im sogenannten Fifa eNations Cup lief es Anfang dieser Woche etwas besser. Unter Mithilfe des Freiburger Profis Nico Schlotterbeck erreichte das deutsche Team das Viertelfinale. Die anderen Spieler sind E-Sport-Profis wie Umut "HSV_Umut" Gültekin, der für das Hamburger E-Sport-Team spielt.

Ob die Fußballprofis auch noch in Turnieren gegeneinander zocken, wenn der Ball wieder rollt, ist allerdings fraglich. Die meisten Bundesligaklubs beschäftigen schließlich eigene, teure Fifa-Profis, die in virtuellen Wettbewerben gegeneinander antreten. Einige Spieler vertreten aber ihren Klub sowohl auf dem echten wie auch auf dem Pixel-Rasen, zum Beispiel Sascha Mockenhaupt vom SV Wehen Wiesbaden.

Im Amateurbereich könnte das anders aussehen. Obwohl noch nicht feststeht, ob Moers oder Bottrop der erste Fifa-Meister am Niederrhein wird, haben die Veranstalter bereits eine Fortsetzung angekündigt - mit einem eigenen Ligen-System. Von Mai an soll es 13 Kreisligen geben, aus denen die jeweils vier Besten nach einer Saison in eine von vier Bezirksligen aufsteigen. Nach zwei Spielzeiten treffen sich die 16 Topteams in einer Super-Liga.

Auch Globisch will die Münchner "Zock Liga" über die Krise hinaus fortsetzen. "Wir sehen Corona als Chance", sagt der Hobby-Fußballer. Er könne sich vorstellen, in Zukunft auch Wettbewerbe im Ego-Shooter "Call of Duty" oder dem Fantasy-Spiel "League of Legends" auszurichten. Solch ein Schritt ist bei vielen traditionellen Sportvereinen noch immer umstritten. Sollten sich aber mehr Vereine der Idee öffnen, könnte das den Breiten-E-Sport verändern.

© SZ.de/jab/sonn

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