Süddeutsche Zeitung

E-Sport:15 000 Fans bejubeln ihre Idole - professionelle Computerspieler

  • Am Wochenende haben sich die besten Counter-Strike-Spieler der Welt in Köln duelliert. Die Veranstaltung war mit 15 000 Zuschauern ausverkauft.
  • Zahlreiche Fans sind aus aller Welt angereist, um ihren Idolen zuzujubeln.
  • Der Veranstalter ESL will professionelles Videospielen als Sportart etablieren.

Von Caspar von Au, Köln

Eigentlich haben die Terroristen keine Chance. Sie sind zu zweit, beide verwundet und nur mit Pistolen bewaffnet. Ihnen gegenüber stehen fünf Polizisten mit Maschinengewehren. Doch dann geht es schnell: Peng! Kopfschuss. Peng! Wieder Kopfschuss. Alle fünf Polizisten sterben innerhalb von Sekunden, ein Terrorist überlebt - Runde gewonnen. Die Menschen in der Arena springen auf, schlagen die Hände vors Gesicht, jubeln. "Let's go, Cloud Nine", rufen sie.

Counter-Strike als E-Sport-Disziplin

Im Taktik-Shooter Counter-Strike: Global Offensive (CS:GO) kämpfen zwei Teams mit je fünf Spielern gegeneinander - die einen als Terroristen, die anderen als Antiterroreinheit. Während eines Spiels tauschen beide Teams mehrfach die Rollen. Ausgetragen werden die Kämpfe aus sogenannten Karten, begrenzte Spielfelder mit Kisten, Stufen, Vorsprüngen, um sich dahinter zu verstecken. Die Terroristen müssen eine Bombe an einer von zwei Stellen auf der Karte legen, die Counter-Terroristen müssen dies verhindern oder den Sprengsatz rechtzeitig entschärfen.

Dabei stehen im E-Sport Gewalt und virtuelles Töten weniger im Vordergrund. Für professionelle Spieler ist neben Reaktionsschnelligkeit und Präzision das taktische Verständnis des Spiels entscheidend. Die Teams trainieren täglich und studieren sekundengenau getimte Spielzüge ein.

Am Wochenende sind die besten Counter-Strike-Spieler der Welt auf dem Turnier "ESL One Cologne" gegeneinander angetreten. Die Lanxess-Arena, in der auch der Eishockey-Club Kölner Haie seine Heimspiele austrägt, war nach Angaben des Veranstalters ESL ausverkauft. 15 000 Menschen wollten den Computerspielern live zujubeln, hinzu kamen mehr als eine Million Zuschauer über das Internet. Mousesports, das einzige Team mit deutschen Spielern, scheiterte am Freitag in der Gruppenphase. Im Finale begegneten sich die US-Amerikaner von Cloud9 und die Brasilianer von SK Gaming.

E-Sport als Festival mit Zeltlager

Um zwölf Uhr öffnen sich am Sonntagmittag die Türen der Arena am Finaltag. Menschen strömen zu Hunderten auf das Gelände, obwohl das Spiel erst vier Stunden später beginnt. Sie decken sich im Fan-Shop vor der Arena mit Trikots ihrer Lieblingsteams, mit Schweißbändern und Schlüsselanhängern ein. Rund um die Arena haben Spiele- und Gaming-Hardware-Entwickler ihre Stände aufgebaut, an denen die angereisten Zuschauer ihre Produkte ausprobieren können.

Einige Fans sichern sich schon mal die Plätze mit der besten Sicht. Die sind im E-Sport nicht ganz vorne, denn auf der Bühne wird später am Nachmittag nicht viel zu sehen sein - nur zehn Köpfe, die ein kleines Stück über die Computermonitore hervorlugen. Die begehrtesten Plätze befinden sich deshalb in der Mitte der Arena. Von dort hat man beste Sicht auf die beiden riesigen Leinwände, die zeigen, was die Spieler auf ihren Bildschirmen sehen. Wie bei Fußballspielen gibt es eine gewisse Ordnung: In der linken Arena-Hälfte jubeln die Zuschauer eher Cloud9 zu, rechts SK Gaming. Neben einigen brasilianischen Flaggen hängt dort ein schwarzes Banner mit altdeutscher Schrift: "SK Gaming Ultras".

ESL One Cologne: 100 000 Dollar für den Sieger

Live-Events im E-Sport, sogenannte Offline-Turniere, gibt es für Counter-Strike seit mehr als 20 Jahren. Längst füllen sie Eishockey-Arenen, Konzerthallen und Fußballstadien. Die Zuschauerzahlen bei der ESL One Cologne wachsen von Jahr zu Jahr. Fans sind aus Australien, Brasilien, Polen und natürlich ganz Deutschland angereist. Viele zelten auf einem extra angemieteten Platz am Rhein - E-Sport als Festival. Die Fans sind sich einig: Es sei "die unglaubliche Stimmung" und "das geile Feeling", für die sich der Eintritt lohne.

Das liegt auch daran, dass die Veranstalter wissen, wie man die Stimmung anheizt. Wie vor einem Boxkampf laufen die Spieler beider Teams vor dem Wettkampf durch zwei Spaliere quer durch die Arena auf die Bühne. Schnelle Electrobeats wummern, bunte Lichter blitzen im Takt, Nebelfontänen schießen auf der Bühne in die Höhe. Die Turniere sind riesige Medienevents und deshalb attraktiv für Sponsoren. Die ESL One ist die größte Turnierreihe der ESL. Die Events finden vier bis fünf Mal pro Jahr in Städten wie New York, Manila, Hamburg und Köln statt. Den Siegern winken sechsstellige Preisgelder - in Köln gibt es insgesamt 250 000 Dollar zu gewinnen.

Gamer wollen, dass Computerspielen als Sportart anerkannt wird

Wie im Tennis besteht ein CS:GO-Match aus mehreren Sätzen, genannt Spiele, die auf unterschiedlichen Karten ausgetragen werden. Wer im Finale zuerst drei Spiele für sich entscheidet, gewinnt den Titel. Innerhalb eines Spiels siegt das Team, das als erstes 16 von 30 möglichen Runden holt. Die Favoriten von SK Gaming starten dominant und gewinnen die erste Karte "Cobble" deutlich. Im zweiten Spiel sieht es erst so aus, als könnte Cloud9 den Punkt holen. Nachdem sie als Terroristen zu zweit gegen fünf Polizisten triumphieren, spielen sie selbstbewusster. Doch am gewinnt SK Gaming auch dieses Spiel - es steht zwei zu null nach Sätzen für die Brasilianer.

Die Hoffnung bei Cloud9 ist zurück

Cloud9 muss nun gewinnen, sonst ist das Finale nach nur drei Spielen beendet. Die Karte "Inferno" ist ein kleines Dorf mit verwinkelten Gässchen, offenen Balkonen und einem Fischteich. Dieses Mal haben sie die Maschinengewehre und die von SK Gaming gesteuerte Antiterroreinheit nur Pistolen. Die Spieler teilen sich auf. Den ersten Polizisten erwischen sie mit einer Kalaschnikow, einen töten sie aus der Distanz mit einem Scharfschützengewehr und auch die übrigen drei SK-Spieler fallen ohne größeren Widerstand. 14:11 für Cloud9, noch zwei Runden bis zum Satzgewinn. Die Hoffnung ist wieder da.

In dem Finale geht es für beide Teams um mehr als die 100 000 Dollar für den Sieger. Der Veranstalter ESL und Chip-Hersteller Intel - seit Jahren Hauptsponsor der ESL - haben im Vorfeld der ESL One Cologne ein neues Format angekündigt: den Grand Slam in Counter-Strike. ESL-Chef Ralf Reichert nennt das Turnier "das Wimbledon des Counter-Strikes".

Das Team, das als erstes vier der nächsten zehn großen Counter-Strike-Turniere für sich entscheidet, erhält eine Million Dollar. Die ESL One Cologne ist der Auftakt. Mehr als nur ein PR-Gag? Ja, sagt Reichert. E-Sport sei ein "neues Sport-Ökosystem", mit dem Grand Slam habe sich man beim funktionierenden Tennis-Ökosystem orientiert. "Er verbindet die Turniere für die Spieler, für Fans und man versteht es auch aus dem klassischen Sport." Reichert setzt sich seit Jahren dafür ein, dass der sportliche Wettkampf zwischen Videospielern als Sportart anerkannt wird.

SK Gaming triumphiert in Spiel Drei

Plötzlich steht Cloud9 wieder mit dem Rücken zur Wand. SK Gaming hat vier Runden in Folge gewonnen: 15:14 für die Brasilianer, Matchpoint. Cloud9 hat nur noch drei Kämpfer übrig. Behutsam schleichen sie, die Gewehre im Anschlag, eine Gasse entlang zu dem Marktplatz, wo sich zwei Polizisten verschanzt haben. Eine Rauchgranate soll ihre Ankunft verschleiern. Doch die Spieler von SK Gaming haben gesehen, in welchem Winkel die Granate geworfen wurde. Ratatatat! Die Polizisten feuern ihre Maschinengewehre blind in den Nebel ab. Jubelnd reißen sich die Spieler von SK Gaming die Headsets von den Köpfen, springen auf und fallen sich in die Arme. In Counter-Strike sacken die drei virtuellen Terroristen leblos zusammen.

Was folgt, wirkt bekannt: Die Sieger stemmen den Pokal, danken den Fans, geben Interviews. Tatsächlich erinnert vieles an den klassischen Sport. Eigentlich müssten das auch die Verantwortlichen beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) erkennen. Bisher hat der DOSB jeden Annäherungsversuch der verschiedenen E-Sport-Organisationen abgeblockt. Aber die nächsten Turniere kommen bald. Und auch Köln hat nur wenige Wochen Pause, bevor noch mehr Gaming-Fans nach Köln kommen werden, wenn gleich gegenüber von der Arena die größte Messe der Branche stattfindet: die Gamescom.

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