Doku-Reihe "Homo Digitalis" Wie smarte Dildos Datenschutz sexy machen könnten

  • Die SZ präsentiert die Doku-Reihe "Homo Digitalis" vom Bayerischem Rundfunk, Arte und ORF. In dieser Woche geht es um die Zukunft des Sex. Sehen Sie oben die Webisode und lesen Sie hier den Artikel zum Thema.
  • Von Nacktfotos auf dem Handy bis zu smartem Sexspielzeug: Die Digitalisierung hat längst auch das Sexleben erreicht.
  • Viele Geräte und Apps sind unsicher und machen es Hackern einfach, an sensible Daten zu gelangen.
  • Einige Sicherheitsforscher sehen darin auch eine Chance, um Nutzer für Datenschutz und Privatsphäre zu sensibilisieren.
Von Caspar von Au

Früher konnten Vibratoren einfach nur vibrieren. Das reicht den meisten Herstellern nicht mehr aus. Modernes Sexspielzeug ist mittlerweile häufig "smart". Es lässt sich per Smartphone-App steuern, auch über Tausende von Kilometern hinweg. Von den Kunden wird das offenbar geschätzt. Jedes Jahr setzt die Sextoy-Industrie etwa 15 Milliarden US-Dollar um, Tendenz steigend.

Für Nutzer mag die digitale Vernetzung eine nette Spielerei sein - häufig ist sie aber auch ein Risiko. Die Geräte öffnen Hackern die Tür ins Schlafzimmer und geben teils intimste Daten preis.

Die Doku-Reihe „Homo Digitalis“

Wie werden wir in Zukunft leben und lieben, denken und spielen? SZ.de präsentiert als Medienpartner die aufwendig produzierte Web-Doku-Reihe "Homo Digitalis" von Bayerischem Rundfunk, ARTE und ORF. Von Mittwoch an bis Dezember veröffentlichen wir im Wochenrhythmus sieben Videos und sieben Artikel zu Themen, die unser digitales Leben in der Zukunft betreffen. SZ-Autoren haben recherchiert: Wie sehen Beziehungen, Arbeit, Freizeit, Denken und Sex in der Zukunft aus? Eine Reise zu Sex-Robotern, Geliebten, die nur in sozialen Medien existieren, und zum neuen Menschen, der mit den Maschinen verschmilzt. Außerdem können unsere Leser testen, wie digitalisiert ihr eigenes Leben schon ist.

Der "Svakom Siime Eye", ein Dildo mit einer Kamera an seiner Spitze, fiel im Frühjahr 2017 mit eklatanten Sicherheitslücken auf. Die Entwickler hatten die Datenübertragungen unzureichend abgesichert. Das hätte es Hackern ermöglicht, die Kontrolle über die Kamera zu übernehmen und live aus einer fremden Vagina zu streamen.

Der Kamera-Dildo ist nur eines von mehreren Beispielen für unsichere Sextoys: Mehrere Butt-Plugs der Firma Lovense können von Hackern übernommen werden, wenn sie sich in Bluetooth-Reichweite befinden. Der Sexspielzeug-Hersteller We-Vibe einigte sich Anfang des Jahres in einem Vergleich mit zwei Klägerinnen. Angeblich sammle die App des Unternehmens in Echtzeit sensible Daten, schütze diese aber kaum. Hacker hätten über eine Sicherheitslücke die Temperatur der Dildos und die gewählten Intensitätseinstellungen abgreifen oder herausfinden können, wie oft das Gerät genutzt werde.

Viele Nutzer interessieren sich kaum für Datenschutz und Sicherheit

Viele Unternehmen stellen Sexspielzeug mit ähnlichen Schwachstellen her. Das Problem betreffe einen Großteil der Branche, sagt die kanadische Sicherheitsforscherin Sarah Lewis. "Datenschutz und Sicherheit werden häufig erst im Nachhinein bedacht - oder gar nicht", sagt Lewis. Das gelte für fast alle Geräte im Internet der Dinge, also auch für vernetzte Überwachungskameras oder Toaster mit App-Steuerung. "Die Unternehmen betrachten Sicherheit nur als zusätzliche Ausgabe und den Kunden fehlt das Bewusstsein dafür."

Wenn bösartige Hacker ein Auto aus der Ferne steuern, kann das auch für andere Verkehrsteilnehmer tödliche Folgen haben. Gehacktes Sexspielzeug ist keine Gefahr für die Allgemeinheit, bedroht aber die Privatsphäre der Nutzer. Angreifer könnten intime Informationen erbeuten und die Betroffenen damit erpressen. Schlecht gesicherte Dildos lassen sich auch als Einfallstor nutzen, um Schadsoftware zu installieren, wenn Nutzer es mit ihrem Smartphone oder dem Rechner verbinden.

Neben Sarah Lewis gibt es weitere Sicherheitsforscher, die moderne Sextoys regelmäßig auf Schwachstellen hin überprüfen. Dazu gehören etwa das Unternehmen Pen Test Partners und das Projekt "Internet of Dongs". In erster Linie geht es darum, Nutzern sicheren digitalen Sex zu ermöglichen. Lewis will Hersteller dazu bringen, die Kommunikation zwischen Sexspielzeug und Smartphone zu verschlüsseln und verantwortungsvoller mit Nutzerdaten umzugehen.

Lewis will Datenschutz sexy machen

Darüber hinaus sieht Lewis in diesem speziellen Feld der Sicherheitsforschung, "die ideale Möglichkeit, um bei den Nutzern ein Verständnis für Datenschutz zu entwickeln". Viele Menschen legten wenig Wert auf Datenschutz und interessierten sich nicht für dieses vermeintlich abstrakte Thema. Wenn es um Sex gehe, sei es dagegen "unstrittig, dass das, was im Schlafzimmer passiert, dort bleiben soll".

Chips im Gehirn und digitale Liebe - welche Zukunft möchtest du? Mach den Test.

Für Lewis liegt eine mögliche Lösung im Darknet, das bei vielen als digitaler Markt für Drogen, Kinderpornographie und Waffen verschrien ist. Tatsächlich dient es ebenso Whistleblowern und Dissidenten zum anonymen Austausch - und es könnte auch Privatsphäre im Internet der Sexspielzeuge gewährleisten. Damit ließe sich etwa die Kommunikation zwischen einem Toy und dem Smartphone anonymisieren.

Im Darknet werden Daten dezentral ausgetauscht

Normalerweise laufen alle Daten über die Server der Hersteller, die damit erfahren, wer die Sextoys wie lange und mit welcher Intensität nutzt. Selbst wenn man damit kein Problem hat, könnten sich immer noch Hacker Zugriff verschaffen und mitlesen. Lewis hat daher ein Programm für einen handelsüblichen smarten Vibrator geschrieben. Es nutzt den Tor-Messenger Ricochet, um das Gerät anonym aus der Ferne zu steuern. Das Smartphone sendet die Befehle verschlüsselt an das Sextoy, ohne dass die Hersteller etwas davon mitbekommen.

Lewis hofft, dass der Vibrator als Vorbild für alle vernetzten Geräte dienen könnte. "Wir müssen Technologie entwickeln, die standardmäßig sicher ist und übertragene Daten verschlüsselt", sagt sie. So könnten smarte Sexspielzeuge dazu beitragen, das gesamte Internet der Dinge sicherer und privater zu machen.

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