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Doku-Reihe "Homo Digitalis":Was nach dem Glotzen kommt

  • Die SZ präsentiert in Kooperation mit Bayerischem Rundfunk, Arte und ORF die Doku-Reihe "Homo Digitalis". In dieser Woche geht es um die Zukunft der Freizeit. Sehen Sie oben die Episode und lesen Sie hier den Artikel zum Thema.
  • Die Zuschauerzahlen auf Online-Livestreaming-Plattformen wie Twitch.tv wachsen stetig. Hauptinhalt der Streams: Videospiele.
  • Anders als im linearen Fernsehen können die Zuschauer mit den Moderatoren der Streams interagieren. Zuschauen wird zum sozialen Erlebnis.
  • Entwickler basteln für die Zukunft an noch mehr Möglichkeiten für die Zuschauer, auf den Stream Einfluss zu nehmen.

Mittwoch, 18 Uhr. Maxim Markow eröffnet pünktlich seinen Stream. 16 Sekunden dauert es, dann meldet sich der erste Zuschauer im Chat: "HYPE", schreibt der Nutzer namens LastProtect. Nach einer Minute haben bereits knapp hundert Zuschauer eingeschaltet. Viele begrüßen den Streamer im Chat. "Hallo meine Damen", sagt Markow. Kunstpause. "Und auch meine Herren. Soll ja beide Geschlechter geben und sogar noch mehr."

Maxim Markow sitzt in einem schwarzem Hoodie, ein klobiges Headset auf dem Kopf, vor einer grünen Leinwand in einem Studio in Berlin - der physische Teil seines Arbeitsplatzes. Der virtuelle Teil ist die Online-Livestreaming-Plattform Twitch.tv. Dort kommentiert der 31-Jährige im Team mit anderen Streamern Wettkämpfe in dem Computerspiel "League of Legends": Weltmeisterschaften, die europäische Liga LCS (kurz für: League of Legends Championship Series), die deutschen ESL-Meisterschaften. Wenn gerade kein Spieltag oder Turnier stattfindet, streamt Markow auf seinem eigenen Kanal. Er spielt selbst League of Legends oder probiert live neue Videospiele aus und erzählt dabei, was er sich währenddessen denkt. Wenn etwas Lustiges im Spiel passiert, kichert und lacht er, manchmal brüllt er und pöbelt - alles zur Unterhaltung seiner Online-Zuschauer.

Die Doku-Reihe „Homo Digitalis“

Wie werden wir in Zukunft leben und lieben, denken und spielen? SZ.de präsentiert als Medienpartner die aufwendig produzierte Web-Doku-Reihe "Homo Digitalis" von Bayerischem Rundfunk, ARTE und ORF. Von Mittwoch an bis Dezember veröffentlichen wir im Wochenrhythmus sieben Videos und sieben Artikel zu Themen, die unser digitales Leben in der Zukunft betreffen. SZ-Autoren haben recherchiert: Wie sehen Beziehungen, Arbeit, Freizeit, Denken und Sex in der Zukunft aus? Eine Reise zu Sex-Robotern, Geliebten, die nur in sozialen Medien existieren, und zum neuen Menschen, der mit den Maschinen verschmilzt. Außerdem können unsere Leser testen, wie digitalisiert ihr eigenes Leben schon ist.

Markow ist ein perfektes Beispiel für die Entwicklung, für die Twitch.tv steht. Twitch ist ein virtueller Fernseher, vor dem sich täglich 15 Millionen Menschen versammeln. Entweder um ein E-Sport-Turnier live zu verfolgen oder um ihrem Lieblingsgamer zuzusehen, wie der allein Videospiele spielt. 15 Millionen Zuschauer weltweit, das ist zwar für das klassische Fernsehen keine besonders tolle Quote. Und doch spricht einiges dafür, dass Online-Livestreaming verändert, wie wir in Zukunft Unterhaltungsformate konsumieren werden.

Nicht für die Kamera, sondern für echte Menschen

Streaming-Plattformen bieten etwas, das es im linearen Fernsehen nicht gibt: Interaktion in Echtzeit. Auf Twitch nimmt diese zentrale Rolle der Chat ein, über den sich die Zuschauer mit dem Streamer und sich untereinander live unterhalten. Als Markow gerade mal eine Spielpause macht, erzählt er seinen Zuschauern eine Anekdote, wie er kürzlich mit seiner Frau im Baumarkt Fliesen gekauft hat. Seine Zuschauer posten Dutzende unterschiedlicher Lach-Emojis in den Chat, der rechts neben dem Stream angezeigt wird. Für ein paar Sekunden beschleunigt sich die Unterhaltung im Chat, in solchen Momenten kommt der Zuschauer mit dem Lesen kaum hinterher.

Es soll sich ein bisschen so anfühlen, als säße man mit ein paar Freunden auf der Couch direkt neben dem, der spielt. "Der passive Konsument kann so zum Mitmoderator oder Mitkommentator werden", sagt Christoph Neuberger, Kommunikationswissenschaftler an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Das ist vom Unternehmen Twitch so gewollt. "Wenn sich der Streamer unsicher ist, welche Waffe er im Spiel benutzen oder in welche Richtung er gehen soll, kann er im Chat um Rat fragen. Die Richtung, die ein Stream nimmt, wird daher häufig genauso vom Chat bestimmt wie vom Streamer selbst", sagt ein Unternehmenssprecher.

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Für Markow, der für kurze Zeit auch für einen Fernsehsender gearbeitet hat, ist das ein entscheidender Unterschied zum Fernsehen: "Die Interaktion mit dem Zuschauer ist mir super, super wichtig. Wenn es den Chat nicht gäbe, würde ich nicht streamen." Der Chat sei eine "lebende Masse", die permanent Feedback gibt. "Ich rede nicht bloß in eine Kameralinse, sondern mit echten Menschen."

Livestreaming als sozialer Kitt?

Umgekehrt geht für die Fans die Distanz zu ihren Stars verloren. Durch die Interaktionsmöglichkeiten und den Live-Charakter entstünde viel größere Nähe, sagt Neuberger. Das fängt schon bei kleinen Dingen an: "Wenn ich jemanden persönlich begrüße oder ihm auf eine Frage antworte, findet er das sehr nice", sagt Markow. Zusätzlich interagieren die Zuschauer untereinander. Ihre Unterhaltungen beschränken sich nicht nur auf das, was im Stream zu sehen ist. Sie fragen die anderen im Chat um Rat bei Liebeskummer, diskutieren über die Ergebnisse der Bundestagswahl oder über die Ergebnisse des jüngsten E-Sport-Turniers. Jeder Streamer hat einen festen Zuschauerkreis, mitunter entstehen im Twitch-Chat Freundschaften. Schließlich teilen sie meist ähnliche Leidenschaften - sie mögen dasselbe Spiel oder sind Fans des Streamers. Einen Livestream schauen wird zum sozialen Erlebnis.

Beim Fernsehen sprechen Kommunikationsforscher vom Lagerfeuer-Effekt. Das Fernsehgerät als digitale Feuerstelle im Wohnzimmer, vor dem sich die Familie in der Vergangenheit versammelt hat, um samstagabends gemeinsam "Wetten, dass...?" zu gucken. Könnte Livestreaming in Zukunft diese Rolle als sozialer Kitt einnehmen? Eher nicht, sagt Kommunikationsforscher Neuberger, die Stärke des Internets liege ja gerade darin zu fragmentieren. "Es findet vielmehr Community-Building um spezialisierte Interessen herum statt."