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Doku-Reihe "Homo Digitalis":Im Alltag wird der Mensch schon längst von Technik gesteuert

Woher also das Unbehagen? Die Angst vieler Menschen, dass Technik Besitz von ihnen ergreift? Für die Berliner Cyborgs ist eine Antwort auf diese Frage, dass Technik den Menschen zeigt, dass sie eben doch nicht die Krönung der Schöpfung seien. Der Mensch als Ebenbild Gottes, als Maß aller Dinge, verstelle den Blick darauf, was er wirklich sei: ein defizitäres Wesen. Viel näher ist ihnen der griechische Schöpfungsmythos, in dem die Menschen zunächst nichts können, und erst Prometheus ihnen den Verstand und das Feuer schenkt.

Der Mensch ist für van Treeck und seine Mitstreiter eben gerade kein perfektes und abgeschlossenes System. Das zeige sich, wenn Sportler mit Prothesen schneller laufen oder weiter springen als ihre Konkurrenten, bei denen vermeintlich alles ganz natürlich sei. Das zeigten auch die Diskussionen um Doping. Denn was geschieht "natürlich", aus eigener Kraft? Sind körperliche Voraussetzungen und Training natürlich, die zwei Kaffee am Morgen ebenfalls noch - aber Eigenblutdoping nicht mehr?

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Das Wissen um die Steuerbarkeit des Menschen ist im Alltag längst angekommen: Beim Supermarktbesitzer, der weiss, dass der menschliche Körper die Tendenz hat, sich zu synchronisieren. Wenn langsame Musik im Laden läuft, geht er langsamer durch die Gänge und packt mehr Produkte in den Einkaufswagen - vor allem die hochpreisigen, die in Augenhöhe platziert worden sind. In solchen Fällen interagiert Technik bereits permanent mit dem Menschen.

"Das wird in den technikfeindlichen Debatten häufig vergessen", sagt van Treeck. Genauso, dass vielen Dingen eine Technizität innewohnt, die wir beim Gebrauch verdrängen und sie damit für natürlich und zutiefst menschlich halten. Auch für die "Kulturtechnik" des Schreibens brauchen wir schließlich Stifte, Tastaturen, Computerprogramme.

Leichter den Alltag bewältigen

Dass Technik ohne große Diskussionen genutzt wird und dem Menschen dabei sogar mehr als bildhaft "unter die Arme" greift, ihn sozusagen verbessert, zeigt das Beispiel der Exoskelette. Vom US-Militär einmal erfunden, damit Soldaten schneller laufen, können diese maschinellen Stützapparate mittlerweile Pflegekräfte oder Arbeiter entlasten. Sie federn beim Heben die Hauptlast ab. Und sie helfen selbst Querschnittsgelähmten, wieder zu stehen und laufen zu lernen.

An der ETH Zürich forscht Robert Riener an solchen sensomotorischen Systemen. Er ist auch Initiator des Cybathlons, des "Showdowns der Menschmaschinen" wie es die NZZ nennt. In dem Wettbewerb messen sich Gelähmte oder Menschen mit amputierten Gliedmaßen in alltäglichen Disziplinen wie Wäsche aufhängen mit Armprothese oder Treppensteigen in Exoskeletten. "Gelähmte, Prothesenträger, Forschung und Entwicklung, die Gesellschaft insgesamt - wir wollen alle miteinander verbinden", sagt Riener.

Hier verschmelzen Mensch und Technik, allerdings nicht zum gefürchteten Supermenschen. Die Technik macht es möglich, dass der Mensch leichter seinen Alltag bewältigen kann.

Vom Begriff des Cyborgs hält Riener nichts: "Entweder hat man es mit einer Maschine zu tun oder aber mit einem Menschen. Dazwischen gibt es nichts." Selbst beim Kunstherz bleibe der Mensch ein Mensch und werde nicht zum Cyborg. Auch für ihn muss Technik nicht implantierbar sein, um das Leben zu verbessern: "Jedes Smartphone erweitert unsere Denk- und Gedächtnisleistung; ein Fahrrad macht uns schnell und wir sind heute auch von dieser Technik abhängig."

Wichtig sei, dass die Selbstbestimmung des Menschen erhalten bleibe. Und die Technik müsse überhaupt zugänglich sein: "Die Verfügbarkeit ist heute das größte Problem, vor allem in nicht-industrialisierten Ländern." Dass uns Supermenschen einmal physisch oder kognitiv überlegen sein werden, hält er für einen Mythos. Vielleicht komme es mal so weit in 100 Jahren. Aber heute sollten wir uns lieber um unsere aktuellen Probleme kümmern.

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