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Doku-Reihe "Homo Digitalis":Apps als Glücksspielautomaten

Harris ist mit seinen Warnungen nicht allein. Auch andere ehemalige Angestellte von Tech-Firmen hinterfragen ihre eigenen Entwicklungen. Justin Rosenstein, der für Facebook den Like-Button erfunden hat, versucht heute, sich von Facebook, Reddit und Snapchat fernzuhalten. Auf seinem iPhone hat er die Kindersicherung aktiviert, damit er keine Apps herunterladen kann. Seine frühere Kollegin Leah Perlman, ebenfalls an der Entwicklung des Like-Buttons beteiligt, nutzt mittlerweile eine Browser-Erweiterung, die den Facebook-Newsfeed blockiert. Loren Brichter gilt als Erfinder des Pull-to-Refresh-Prinzips. Fast alle Apps aktualisieren ihre Inhalte mit dieser Zieh-Geste. Er sperrt sich selbst den Zugang zu bestimmten Webseiten und hat Push-Benachrichtigungen blockiert. "Smartphones sind nützlich", sagte er dem Guardian. "Aber sie machen abhängig. Pull-to-Refresh macht abhängig. Ich bereue die Schattenseiten."

Harris und Brichter vergleichen Smartphone-Apps mit Glücksspielautomaten. Jede Aktualisierung verbinde sich mit der Hoffnung auf neue Benachrichtigungen, hinter jeder ungelesenen Benachrichtigung könnte ein Like oder ein Kommentar stecken. James Williams, der Google verlassen hat, um gemeinsam mit Harris Time Well Spent zu gründen, und mittlerweile in Oxford forscht, beobachtet den Wettbewerb um unsere Aufmerksamkeit mit Sorge. "Das ist mehr als eine Ablenkung, mehr als Manipulation, mehr als Suchtverhalten", sagte er im Sommer auf einer Konferenz. "Die Art und Weise, wie wir auf diese Herausforderung reagieren, könnte die prägende ethische, moralische und politische Frage unserer Zeit sein."

Ich bezweifle, dass sich Herausforderungen besser bewältigen lassen, wenn man sie mit vielen Superlativen versieht. Unabhängig von der Frage, ob Smartphones Milliarden Menschen in willenlose Junkies verwandeln, empfinde ich die Aufmerksamkeitsökonomie aber tatsächlich als Problem. Facebook, Google und Co. werden sich nicht ändern, solange ihr Geschäftsmodell darauf beruht, Werbeplätze zu verkaufen. Die klügsten Designer suchen jeden Tag nach Möglichkeiten, Menschen dazu zu bringen, noch mehr Zeit mit ihren Apps zu verbringen. Je öfter Nutzer aufs Smartphone schauen, desto mehr Anzeigen sehen sie, desto mehr Geld verdienen die Konzerne. Das ist keine Verschwörung, das ist Kapitalismus.

Ein Leben ohne Smartphone kann ich mir kaum noch vorstellen. Ehrlich gesagt: Ich will es mir auch nicht vorstellen. Unterwegs nachschauen, wann der letzte Bus fährt und ein Ticket kaufen. Auf langen Zugfahrten mit einem Gerät Musik hören und Zeitung lesen. Über Facebook Kontakt zu Freunden halten, die ich sonst längst aus den Augen verloren hätte. Mein Smartphone macht mein Leben nicht nur einfacher und komfortabler, sondern auch sozialer.

Mein Smartphone beansprucht aber auch viel Aufmerksamkeit und frisst eine Menge Zeit. Seit Jahren fahre ich über Silvester mit Freunden in ein abgelegenes Haus. Es gibt kein Wlan, und um SMS zu verschicken, muss man auf einen kleinen Berg steigen. Jedes Jahr stellen wir erstaunt fest, wie gut es uns tut, die plötzlich nutzlosen Smartphones für einige Tage zu ignorieren.

Ich kann mir kaum vorstellen, dass Menschen vor einem Jahrhundert etwas Ähnliches über die Tageszeitung gesagt haben. Kein Verleger hätte versucht, seine Kinder vor seinen Erzeugnissen schützen. Genau das tat Steve Jobs: Als ihn ein Journalist der New York Times 2010 fragte, ob Jobs' Kinder das iPad liebten, sagte der damalige Apple-Chef: "Sie haben es noch nicht benutzt. Wir begrenzen die Zeit, die unsere Kinder zuhause mit Technologie verbringen." Seine jüngsten Töchter waren damals keine Kleinkinder, sondern bereits im Teenager-Alter.

Jobs ist nur einer von vielen Firmenchefs aus dem Silicon Valley, der sein Familienleben überraschend analog gestaltet. Sie haben die Produkte selbst entwickelt, und sie wissen am besten, wie wichtig es ist, bewusst damit umzugehen. Das hat mich nachdenklich gemacht.

Kurz nach dem letzten Silvester habe ich fast alle Push-Benachrichtigungen abgestellt. Wenn ich wissen will, ob mir jemand auf Facebook geschrieben hat, muss ich die App aktiv öffnen. Jetzt bestimme ich, wann ich bereit bin, um E-Mails oder Whatsapp-Nachrichten zu beantworten. Das Smartphone liegt stumm und schwarz auf dem Tisch, und ich schaue es nur an, wenn ich Zeit dafür habe. Seitdem fühle ich mich freier.

© SZ.de/jab/mri/dd
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