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DLD Women:Die alles wollende Superfrau

Natürlich können die neuen Medien hilfreich sein: Tage im Heimbüro, Videokonferenzen statt Dienstreisen, all das kann Eltern den Alltag erleichtern. Und Arbeit in Teams über Ländergrenzen hinweg wird das Verständnis für andere Kulturen stärken. Für Frauen und Männer gilt aber, wer die neuen Möglichkeiten für noch mehr Mikromanagement nutzt, wird statt auf der Karrierespur im Burnout landen.

Denn in der Flut der Anforderungen ist nichts mehr gefragt als Souveränität: Grenzen ziehen, nicht erreichbar sein, sich mal zurücklehnen und groß denken, statt noch den letzten Kommentar im sozialen Netzwerk oder dem berufsrelevanten Blog zu studieren. Dazu gehört auch, statt nur Gleichgesinnten im Internet zu begegnen, Menschen in der realen Welt zuzuhören. Sie könnten ganz andere Sorgen haben.

Maß aller Dinge

Denn tatsächlich ist die alles wollende Superfrau aus dem Industrieland nicht das Maß aller Dinge, wenn es um die Chancen durch digitale Medien geht. Vor allem in armen Ländern können Internet und Mobilgerät ein Segen sein. Dann nämlich, wenn sie Mädchen Zugang zu Wissen in Ländern bieten, in denen weiblicher Nachwuchs bislang nicht willkommen ist. Das deutlich zu machen, ist ein Verdienst der DLD-Konferenz.

Denn eine Ausbildung und eine gute berufliche Perspektive machen die Geburt von Töchtern attraktiv. Nach Angaben der Vereinten Nationen leben wegen der gezielten Tötung weiblicher Feten und Säuglinge weltweit heute 150 Millionen Frauen weniger, als tatsächlich aufgewachsen wären; daran erinnerte Iris Bohnet, Dekanin der Harvard Kennedy School. Allein die Ausbreitung von Call Centern in Indien mit ihren vielen Jobs und damit Chancen für Frauen habe dort den Genderzid deutlich zurückgehen lassen, sagte Bohnet.

Beeindruckend in diesem Zusammenhang war der Auftritt von Shai Reshef. Er ist Gründer und Präsident der University of the People, der ersten (fast) gebührenfreien Online-Universität der Welt. 1500 Studenten aus 132 Ländern werden dort derzeit von 2900 ehrenamtlich dafür tätigen Professoren unterrichtet; sie können online einen Abschluss in Business Administration oder Computer Science erwerben, Qualifikationen mit guten Berufsaussichten. Leider seien nur 20 Prozent der Studenten Frauen, bei jenen aus dem Teil Afrikas südlich der Sahara sei nur jede zehnte weiblich, sagte Reshef und fragte etwas ratlos in den Saal: "Wer kann helfen?"

Da mag so manch eine Zuhörerin ins Grübeln gekommen sein, die zuvor noch über Teilzeit-Chefinnendasein, Lebensqualität oder die gläserne Decke nachgedacht hatte. Denn für die allermeisten Frauen weltweit geht es zunächst einmal um Arbeit. Daraus dann noch menschenwürdige Arbeit zu machen, das wäre schon ein großer Schritt.

© SZ vom 13.07.2012/mri
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