Diskussionskultur:Die Überwacher, das sind auch wir selbst

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Studien zufolge nehmen wir Informationen aus unserer eigenen Gruppe ("In-Gruppe") in der Tat besser auf, erinnern uns an positive Details und machen für negatives Verhalten äußere Umstände verantwortlich. Bei Informationen aus der "anderen" Gruppe ist es genau umgekehrt: Wir misstrauen den Informationen und werten negatives Verhalten als Bestätigung schlechten Charakters. Diese Eigenschaft entwickelte sich in unserer Evolutionsgeschichte wohl bereits früh. Forscher nennen sie "engstirnigen Altruismus" (parochial altruism).

Die In-Gruppe überzeichnet die Andersartigkeit einer Out-Gruppe: Was in der Soziologie als "Othering" bekannt ist, gehört auch im Netz zur ständigen Bestätigung der eigenen Identität. Der Mechanismus weist Gemeinsamkeiten mit Freuds umstrittenen Konzept des Über-Ichs auf: Eine übergeordnete Instanz, die Abweichung von unsichtbaren Normen mit dem Gefühl der Scham bestraft.

Die Psychoanalyse siedelte dieses Über-Ich eben "über" dem Einzelnen an. Heute wohnt es überall, unsichtbar in unseren Vernetzungen. Wir überlegen uns deshalb nicht nur genau, was wir sagen und ob die Argumentation in unserem Netzwerk auf Widerstand stoßen könnte ("äußere ich Widerspruch zum Thema?"), sondern auch, was unsere Rolle darin stärkt. Die ernüchternde Antwort lautet fast immer: Wir wiederholen akzeptierte Werturteile unserer Gruppe oder betonen die Unterschiede zur "anderen" Gruppe. Engstirniger Altruismus eben.

Das alles entspricht natürlich Verhaltensmustern in der "physischen" Welt, doch die potenziell unendliche Vernetzung ändert den Maßstab: Es ist ein Unterschied, ob mir ein Dutzend Menschen im Stuhlkreis zuhören oder eine unbekannte Zahl unsichtbarer Augen auf mich blickt. Wir wissen weder, was die Beobachter wahrnehmen, noch was sie suchen. Wir kennen weder unser mögliches Vergehen, noch die Bestrafung.

Wir sind Polizisten und Gefangene

Wir leben also in dem - im digitalen Kontext als Metapher überstrapazierten - Panopticon, wie es Michel Foucault beschrieb. Doch statt eines versteckten Supervisors, der in unsere Zellen blickt, haben wir selbst (freiwillig?) eine Doppelrolle übernommen: Als Kontrolleur und Kontrollierter zugleich, als Polizist und möglicher Krimineller. Andere Figuren gibt es nicht, und ein Rollenwechsel ist in jedem Augenblick möglich.

Die Tradition der Aufklärung verbietet es uns, in unserer Gesellschaft das Mosaik eines soziopathischen Kollektivs zu erkennen. Es wäre auch noch zu früh für endgültige Diskursdiagnosen, wir stehen am Anfang. Auch wegen der skizzierten Beobachtungen entscheiden sich Menschen in Deutschland manchmal dafür, öffentlich zu schweigen.

Der Interaktions-Designer Esko Kilpi warnt wie viele andere bereits vor einem neuen Zeitalter des Stammesdenkens. "Tribalismus bedeutet, dass du zu wissen glaubst, wie andere Menschen sind - ohne sie wirklich zu kennen." Ohne direkte Begegnung sei es "einfach, sich auf Fantasien und Stereotypen zu verlassen".

Schwarmexistenz und Gemeinsamkeit

Doch handelt es sich wirklich nur um ein "Online-Phänomen"? Die Berührungspunkte zwischen den verschiedenen Meinungsgruppen, zwischen Stadt und Land, Arm und Reich, Akademikern und Arbeitern haben bereits abgenommen als Debatten-Spitzelei und Online-Othering noch Nischenphänomene waren. Die Soziologie beginnt gerade erst, die Wechselwirkungen zwischen den beiden Sphären zu untersuchen.

Vielleicht hilft ein Blick zurück auf einen anderen Medienwandel: Der Buchdruck atomisierte das Ich und schenkte dem Menschen intellektuelle Unabhängigkeit von den Herrschenden. Es dauerte Jahrhunderte (und einige Kriege), bis Gesellschaften diese Beschleunigung in konstruktive Bahnen gelenkt hatten und die Wissenschaft Glaubensdogmen überwinden konnte. Das heutige vernetzte "Wir" steht vor der Aufgabe, angesichts unendlichen Wachstums der Informationen und vernetzter Menschen ein Verständnis von Gemeinsamkeit zu bewahren - oder es auf Grundlage der Schwarmexistenz neu zu entwickeln.

Der Fortschritt moderner Gesellschaften zeichnete sich bislang dadurch aus, Kontroversen und Grundsatzfragen immer weniger wie Dogmen zu verhandeln. Es wäre ein Rückschritt in vormoderne Zeiten, würden ausgerechnet im Informationszeitalter Freizeit-Polizisten über die Antworten auf solche wichtigen Fragen entscheiden.

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