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Digitalkonferenz Republica:Wie Demokraten den digitalen Diskurs zurückerobern können

1. Technologie kann Teil der Lösung sein

Manchmal ändert bereits ein einziges Wort das Verhalten von Menschen. Nutzer, die einen Beitrag liken, machen sich den Inhalt fast immer zu eigen. Sie sagen damit: Diese Meinung gefällt mir. Wissenschaftler der Universität Texas haben Studienteilnehmern statt eines Like-Buttons einen Respekt-Knopf angezeigt. Die Hälfte der Befragten war anschließend bereit, auch Kommentare zu honorieren, die abweichende Sichtweisen beinhalten. Aus einem "Ich stimme dir zu"-Klick wird also eine Interaktion, die "Ich sehe das anders, aber ich respektiere deine Meinung" ausdrückt.

"Wir müssen über Technik reden", folgert Brodnig. Zivilgesellschaft und Politik sollten Druck auf Unternehmen wie Facebook aufbauen. Vielleicht helfe es, den Like-Button anders zu benennen. Vielleicht sei es nötig, die Relevanzkriterien der Algorithmen zu ändern, die dem Newsfeed zugrunde liegen. "Es geht um die Frage, wie Technik designt werden muss, wenn wir das Beste und nicht das Schlechteste in Menschen zutage bringen wollen."

2. Fakten allein gewinnen keine politischen Diskussionen

"Demokraten vertrauen oft darauf, dass sich das bessere Argument schon durchsetzen wird", sagt Brodnig. "Das ist ein Trugschluss." Das untermauert ein Experiment aus Frankreich: Marine Le Pen hatte behauptet, 99 Prozent der Mittelmeer-Flüchtlinge seien Männer. Die Forscher zeigten den Studienteilnehmern erst die Aussage der Politikerin und anschließend die Statistik des UNHCR: Tatsächlich sind 42 Prozent Frauen oder Kinder. Zwar glaubten die Befragten den offiziellen Zahlen - dennoch hatte die Falschbehauptung sie in ihrer Unterstützung für Le Pen bestärkt.

Wer Wähler überzeugen wolle, brauche neben nüchternen Fakten auch politische Erzählungen, ist Brodnig überzeugt. "Politik ist ein Wettbewerb der Ideen, aber die muss man auch verkaufen", sagt sie. Das sei die Schwäche fast aller großen Parteien, die ihre Visionen nicht mit genügend Nachdruck verträten. "Wenn ich eines von den Rechten gelernt habe, dann wie beständig sie an ihrem Gesellschaftsentwurf arbeiten. Wir sollten nicht die Ideen oder Inhalte der Rechten kopieren, aber von ihrer Beharrlichkeit lernen."

3. Provokationen einfach mal ignorieren

Im vergangenen Jahr wurden interne Strategiepapiere der AfD und der Identitären geleakt. Beide setzen auf "sorgfältig geplante Provokationen". Die AfD lebe "gut von ihrem Ruf als Tabubrecherin und Protestpartei". Negative Reaktionen müssten "ganz bewusst" einkalkuliert werden. Rechtspopulisten halten Medien und anderen Parteien ein Stöckchen hin - und fast immer springt irgendjemand darüber.

"Wir können nicht ändern, dass wir Gefühle haben und emotional auf Provokationen reagieren", sagt Brodnig. "Doch wir können lernen, nicht immer zu klicken oder zu kommentieren." Sie rät etwa davon ab, auf Facebook-Seiten von Populisten mitzudiskutieren. Damit spiele man ihnen in die Hände, da auch Widerspruch Facebook vermeintliche Relevanz signalisiere. Wer diskutieren wolle, könne das an anderen Orten tun: "Zum Beispiel auf Webseiten breitenwirksamer Medien, wo man auch Andersdenkende antrifft, aber nicht die Reichweite der AfD erhöht."

Rechtspopulisten zündeln gezielt und freuen sich über den erwartbaren Aufschrei. Je mehr Nutzer empört kommentieren und je mehr Medien der Pöbelei ein Forum bieten, desto sichtbarer wird die kalkulierte Grenzüberschreitung. "Im Grunde geht es darum, auf politische Provokationen nicht so zu reagieren, wie sich das die Provokateure wünschen würden", sagt Brodnig. In den meisten Fällen heißt das: Dreimal tief durchatmen - und gar nichts tun.

Ingrid Brodnig ist Journalistin und Autorin. Im vergangenen Jahr hat sie das Buch "Lügen im Netz" veröffentlicht, das kürzlich in einer erweiterten und aktualisierten Neuauflage erschienen ist.

© SZ.de/jab
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