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Digitalisierung:Wenn Maschinen Gedanken lesen

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Technik faszinierte die Menschen schon immer, aber längst nicht alle Geräte verkaufen sich dann auch so gut.

(Foto: David Ramos / 2016 Getty Images)

Hirn-Schnittstellen und "intelligenter Staub": Facebook, Elon Musk und Co. arbeiten an Dingen, die vor kurzem undenkbar waren. Allerdings folgt auf den ersten Hype meist Desillusion.

Das kurze Video zeigt einen klassischen Computer, der sich auf magische Weise in eine Datenbrille faltet. Dann setzt ein Mann mit Vokuhila-Frisur die Brille auf und schiebt seitlich eine Diskette ein. Sieht nicht hübsch aus, aber ungemein futuristisch. So haben sich Apple-Manager die Zukunft vorgestellt - 1987.

Da entstand das Video, das einen Blick in das Jahr 1997 zeigen soll. Es hat etwas länger gedauert. Erst jetzt loten Apple-Ingenieure wohl die Möglichkeiten einer solchen Virtual-Reality-Brille aus, um dem Nutzer ein vom Computer generiertes Bild der Wirklichkeit zu zeigen. Ob eine solche Brille von Apple jemals auf den Markt kommt? Das scheint noch völlig offen, denn die Technik hat ihre Tücken. Von Facebook, Microsoft & Co. gibt es inzwischen vergleichbare Datenbrillen, wie sie sich die Apple-Manager vor 30 Jahren vorgestellt haben. Besonders gut verkaufen sie sich nicht. Egal. Die Hightech-Branche und ihre Manager bleiben weiter voller Visionen - von denen sich nicht alle erfüllen.

Technik fasziniert. Spätestens seit der industriellen Revolution, seit Maschinen das Menschenunmögliche schaffen. Seit eine Dampfmaschine mehr produziert als Dutzende von Arbeitern, Menschen kilometerweit über Fernsprechapparate kom-munizieren, seit Automobile und Fahrräder die Straßen bevölkern, sich Flugapparate in die Lüfte erheben, Städte ins schier Unermessliche wachsen. Unvergessen bleibt der Film "Metropolis" von Fritz Lang von 1927: Roboter, Einschienenbahnen und Bildtelefone prägten das Bild der Megacity - und ganzer Generationen. An Fahrt haben die Visionen mit der Computerrevolution und dem Siegeszug des Internets gewonnen: Die Wirklichkeit schien keine Grenze mehr für die Zukunftsszenarien von Bill Gates, dem Gründer von Microsoft, oder Steve Jobs, dem ersten Mann von Apple, zu sein.

Vor wenigen Jahren wären solche Geschäftsideen als Hirngespinste abgetan worden

Doch Gates hat sich nun vor einer Dekade schon in "Rente" verabschiedet. Der reichste Mann der Welt, 61 Jahre alt, meldet sich zwar noch zu Wort, dann meistens aber für die Bill & Melinda Gates Foundat-ion. Steve Jobs starb vor sechs Jahren im Alter von 56. Keine Zeit also mehr für Visionäre? Mitnichten. Andere wie Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, 32 Jahre alt, Tesla-Chef Elon Musk, 45, oder Jeff Bezos, 53, der Mann hinter Amazon, stehen bereit für die Nachfolge.

Jungmilliardär Zuckerberg befindet sich gerade auf einer Reise durch die Staaten, auf der Suche nach einem Projekt, in das er investieren kann. Er möchte erfahren, wie sich die Amerikaner die Zukunft vorstellen. Wie er sich das Leben morgen ausmalt, weiß er recht genau: "Was, wenn man direkt vom Gehirn aus tippen könnte?", lautete neulich die Frage an die Entwickler auf der Facebook-Konferenz F 8 allen Ernstes. Experten beim größten sozialen Netz arbeiten an einem "Hirn-Computer-Interface". Die Sprachsteuerung von Rechnern, Smartphones oder Tablets funktioniert heute ohne Training schon wunderbar. Virtuelle Assistenten wie Alexa von Amazon, der Google Assistant oder Siri von Apple gehorchen aufs Wort. Die Facebook-Entwickler gehen weiter: Sie wollen die Gedanken lesen. Allein ist Zuckerberg nicht mit dieser Idee.

Eine Reihe von Wissenschaftlern be-schäftigt sich mit dem Thema. Und Elon Musk, der Visionär, der mit Tesla den Markt für Elektroautos aufmischt und mit Space-X den Mars kolonialisieren will, hat ein weiteres Unternehmen an den Start gebracht: Neuralink Corp. Anders als bei den Facebook-Tüftlern, die an einer nicht-invasiven Technik arbeiten, sollen beim Startup von Musk kleine Elektroden ins Hirn implantiert werden. So könnten Menschen dann Computer oder Roboter steu-ern.

Die mehr oder weniger cleveren Helfer der Menschheit haben es auch Jeff Bezos angetan. Vor fünf Jahren hat der Amazon-Gründer Kiva Systems übernommen, einen Roboterhersteller. Vergangenes Jahr haben neben 230 000 Mitarbeitern schon 30 000 Bots geholfen beim Packen der Amazon-Pakete. Und wie Musk engagiert sich Bezos im All. Seiner Blue-Origin-Rakete ist es gelungen, in den Weltraum zu fliegen - und wieder auf der Erde zu landen. Das hatte vorher noch niemand geschafft.

Computer, die menschliche Sprache verstehen, Gedanken lesen, autonom fahrende Elektroautos, Raketen-Taxis, Kolonien auf dem Mars oder Packroboter - nur vor wenigen Jahren wären solche Geschäftsideen als Hirngespinste abgetan worden. Was wohl in der Natur des Menschen liegt. Die Analysten des Marktforschungshauses Gartner beschäftigen sich von Berufs wegen mit Innovationen. Sie schätzen deren Zukunftspotenzial ein und beraten Unternehmen.

Für ihre Arbeit haben sie einen Hype Cycle entwickelt, eine Art Lebenszyklus für Visionen: Demnach kommt eine Idee auf, zum Beispiel die, den Computer mit dem Hirn des Menschen zu verbinden. Nach kurzer Zeit reden alle fasziniert darüber. Wenig später erreicht der Rummel seinen Höhepunkt: Mehr Erwartungen kann es dann kaum geben. Es folgt das "Tal der Desillusion". Kaum einer kann es noch hören. Erst dann findet sich eine Technik nach und nach auch in der Praxis - und manchmal floppt sie dann eben auch. Konzepte wie Smart Dust zum Beispiel stehen im jüngsten Hype Cycle von Gartner von vergangenem Sommer ganz am Anfang.

Nach dem ersten Hype kommt meist das Tal der Desillusion

Unter dem "intelligenten Staub" wird ein Netz von winzigen Sensoren verstanden, die sich selbst organisieren. Ein Verbund an Wettersensoren etwa kommt der Idee recht nahe. Was man kaum noch hören mag: Lernende Maschinen stehen da an der Spitze des Rummelzyklus. Kaum ein Tech-Vortrag, bei dem das Schlagwort von Geräten, die sich quasi von selbst verbessern, nicht in den unterschiedlichsten - oft falschen - Bedeutungen auftaucht. In der Praxis ist die Vision deshalb noch lange nicht angekommen. Ebenso wie Augmented Reality: Die Technik, um Bilder der Wirklichkeit mit digitalen Informationen zu erweitern, befindet sich gerade im "Tal der Tränen". Der Hype um das AR-Spiel Pokémon Go war intensiv - und kurz. An vernünftigen "Killer"-Anwendungen, die das Thema populär machen würden, fehlt es aktuell.

Anders als beim Bruder Virtual Reality: Hier wird gleich die gesamte Wirklichkeit vom Computer generiert, was paradoxerweise einfacher gelingt als Augmented Reality - wo auf die Realität Rücksicht genommen werden muss. Virtual-Reality (VR)-Brillen gibt es schon, für Computerspiele beispielsweise, aber auch, um Fabriken zu planen - beispielsweise von Facebook. Mark Zuckerberg hat hier Weitsicht bewiesen, als er vor zwei Jahren das VR-Start-up Oculus Rift gekauft hat.

Apple ist noch nicht so weit - trotz der Zukunftsvisionen aus dem Jahr 1987. Im Nachhinein betrachtet waren die ohnehin schwierig, wie so viele andere Prognosen auch, die auf die Zukunft gerichtet sind. So wird der damalige Apple-Chef John Sculley im Werbespot von 1987 im Jahr 1997 gezeigt: Er lacht, als die Rede darauf kommt, dass Apple gerade einen Umsatz von 20 Milliarden Dollar überschritten hat. Fakt war: Im Jahre 1997 erreichte Apple einen Bruchteil davon - und stand kurz vor der Pleite. Steve Jobs kehrte zurück ins Unternehmen und begründete den Wiederaufstieg. Und wieder einmal hat es länger gedauert: 2016 hat Apple locker 20 Milliarden Dollar erwirtschaftet - und zwar rechnerisch alle fünf Wochen. Über das gesamte Jahr waren es 215 Milliarden, jedoch mit eher traditioneller Technik: mit Smartphones, Tablets und Computern.

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So sieht die Zukunft aus